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Erstes Virtuelles Gesundheitsforum der FOM in Duisburg

„Die Pflege auf der digitalen Überholspur“

Taucherbrillen, Regenmäntel und Drive-Ins – was klingt wie ein Kindergeburtstag, soll eigentlich die Umstellung im ambulanten Pflegedienst in Duisburg beschreiben: Taucherbrillen statt Schutzbrillen, Regenmäntel statt Schutzkittel und ein Drive-In für die Übergabe von Dokumentationsmappen. Birgit Kessler, Geschäftsführerin von „Die Pflege“, der Ambulanten Pflegedienst GmbH, sprach beim Duisburger FOM Gesundheitsforum über den Wandel der ambulanten Pflege seit der Corona-Pandemie. Unter dem Titel "New normal im Gesundheitswesen – Neue Herausforderungen und Entwicklungen durch die Pandemie“ fand das 8. Gesundheitsforum "RundUm Gesund" statt, bei dem weitere hochkarätige Gäste über die Zukunft der Pflegebranche sprachen.

11.03.2021 | Duisburg

Digitale Erleuchtung vs. Gefahren

Neben der improvisierten Schutzkleidung sprach Birgit Kessler auch über die „digitale Erleuchtung“. Denn von einem auf das andere Jahr fand eine Aufrüstung der technischen Ausstattung statt: Die Corona-Warn-App wurde auf allen Diensthandys installiert, ein Einkaufsservice und Kurierfahrten für Patienten wurde eingerichtet und neue Mitarbeitende eingestellt. Wundvisiten fanden plötzlich auch über Videotelefonie statt und Online-Angebote wie Pflegekurse, Trauergespräche und psychosoziale Beratungen funktionierten nun auch virtuell. „Wir arbeiten mittlerweile in einem papierarmen Büro und der Austausch untereinander ist deutlich erhöht“, so Birgit Kessler, deren Unternehmen 280 Angestellte hat. Jedoch gäbe es auch einige Gefahren durch die Digitalisierung: „Das Teamgefühl geht verloren und insbesondere die Integration neuer Kolleginnen und Kollegen ist etwas schwieriger“, so die Geschäftsführerin. Außerdem fühle man sich durch die Pandemie „getrieben“ und es fehle manchmal die Zeit für den Menschen selbst. 

Pflegeroboter „Pepper“ kontrolliert Maskennutzung

Auch Prof. Dr. Bernd Riekemann, Vorstandsmitglied der AWO Wesel e.V. und gelernter Krankenpfleger, warf einen Blick auf die neuen Wege der stationären Pflege: Besonders schwierig sei die schnelle Reaktion auf Verordnungen: „Freitags um 18 Uhr gibt es eine neue Verordnung und 12 bis 24 Stunden später muss sie umgesetzt sein.“ Und dabei gäbe es keine Unterstützung durch Behörden wie beispielsweise durch die Erstellung von Konzepten oder Kontrollen. Eine weitere Hürde seien die drei verschiedenen Zielgruppen, die gleichzeitig informiert werden müssten: Nämlich Mitarbeitende, BewohnerInnen und Angehörige. „Wir haben wöchentliche „Corona-Updates“ eingeführt, führen deutlich mehr und längere Besprechungen und beantworten viele Presseanfragen. Für alle Leitungen bedeutet die momentane Situation ein 24/7 Job“, so Riekemann. Es habe ein vollständiger Systemwechsel in der Versorgung und Betreuung stattgefunden: Es gibt nur noch Einzelbetreuungen, Mahlzeiten müssen mit Abstand stattfinden, sogenannte „BegleiterInnen“ dienen mittlerweile als „Ordnungspersonal“, um Abstände und Maskennutzung zu kontrollieren und den Andrang von BesucherInnen einzudämmen, die kommen, um sich kostenfrei testen zu lassen. Weitere Neuerungen sind Konzertveranstaltungen in der Natur: „Konzerte auf Rädern“ und auch die Anschaffung des „Pepper“-Pflegeroboters, der erkennt, ob BesucherInnen Masken tragen.  

2021 fehlen im Pflegebereich noch immer einheitliche Standards zur Übermittlung von Daten - Papierwirtschaft und Faxgeräte sind oft noch an der Tagesordnung (Foto: AdobeStock/vladvel)
„Die Corona-Pandemie hat die derzeit problematischen Arbeitsbedingungen und Ausstattungen sichtbar gemacht. Das ist unsere Chance, um die Digitalisierung in der Pflege zu beschleunigen und mutige Entscheidungen zu treffen“, so Prof. Dr. Gerald Lux (Foto: AdobeStock/iconimage)

Weg von Papier-Wust und Fax-Geräten

Doch bezüglich der Digitalisierung in der Pflege betonte Prof. Dr. Gerald Lux, Professor für Gesundheits- und Sozialwesen an der FOM und gelernter Krankenpfleger, dass es zunächst gar nicht primär um Pflegerobotik ginge, sondern vielmehr müsse zunächst die Digitalisierung  der Dokumentation umgesetzt werden und im Rahmen des Überleitungsmanagements (innerhalb und zwischen Sektoren) eine intelligente Datenübertragung. Dort fehlen einheitliche Standards zur Übermittlung von Daten und in vielen Einrichtungen seien Papierwirtschaft und Faxgeräte noch an der Tagesordnung, was zum einen die Patientensicherheit gefährden und zum anderen das Pflegepersonal zusätzlich belasten kann. Die derzeit in Umsetzung befindlichen Konzepte der Elektronischen Patientenakte und der E-Rezepte würden definitiv einen besseren Datenaustausch und bessere Datenverfügbarkeit unterstützen. „Die Corona-Pandemie hat die derzeit problematischen Arbeitsbedingungen und Ausstattungen sichtbar gemacht. Das ist unsere Chance, um die Digitalisierung in der Pflege zu beschleunigen und mutige Entscheidungen zu treffen“, so Lux. 

Gibt es so etwas wie Pandemie-Ethik?

Prof. Dr. Stefan Heinemann, Professor für Wirtschaftsethik an der FOM sowie Sprecher der Ethik-Ellipse Smart Hospital der Universitätsmedizin Essen, erläuterte in seinem Vortrag, wie Corona als gesellschaftliche Herausforderung zwischen Wissenschaft, Politik, Gesellschaft und Wirtschaft steht. „Ethik rückt immer mehr in den Fokus und der moralische Blick wird zunehmend wichtiger“, so Heinemann. Insbesondere die Ressourcenknappheit – beispielsweise von Intensivbetten oder Impfstoffen – bringe die Ethik auf den Schirm. „Wer soll im Extremfall behandelt werden? Wer wird wann geimpft? Offenkundig sind dies alles Wertefragen, die gesellschaftlich intensiv diskutiert werden sollten, aber dies auch früh genug und nicht erst, wenn der Zug bereits abgefahren ist. Die Pandemie geht man am besten präventiv an, auch aus ethischen Gründen“, so der FOM Professor.