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Neusser FOM Dozent im Interview – Logistik & Digitalisierung

Der Supermarkt von morgen: „Müsliriegel on demand“

Freitagabend: Die Entscheidung fürs Dinner ist getroffen, der smarte Kühlschrank und das smarte Küchenregal werden auf fehlende Zutaten gescannt, die dann direkt auf einer digitalen Einkaufsliste auf dem Smartphone landen. Eine Stunde später liegt die Nahrung, die im 3D-Drucker zubereitet wurde, im klimatisierten Briefkasten. So kann es aussehen, das skurrile Szenario für das Einkaufserlebnis der Zukunft. Wissenschaftler forschen schon seit Langem an neuen Technologien und Konzepten. FOM Dozent Klaus Middeldorf berichtet im Interview, wie der Supermarkt von morgen tatsächlich aussehen könnte.

19.03.2021 | Neuss

Herr Middeldorf, Abstandsregelungen, Hamsterkäufe und Hygienemaßnahmen haben im deutschen Lebensmitteleinzelhandel bereits zu einem Wandel in Richtung Digitalisierung geführt. Aber: Wie stellen Sie sich den Supermarkt von morgen vor? Wird es noch smarter, digitaler und bequemer?

Sicherlich werden Supermärkte in Zukunft noch mehr tun, um für ihre Kunden weitere „Erlebnisse“ zu schaffen. Das ist es, was Supermärkte antreibt, wenn sie über die weiteren Möglichkeiten der Digitalisierung nachdenken.

Zum Beispiel was die Bezahlungsmöglichkeiten anbelangt? Wird an der Kasse Schlange stehen Geschichte sein?

Es gibt bereits Pilot-Supermärkte, in denen es keine sichtbaren Kassen mehr gibt, damit entfällt der von den Kunden häufig als lästig empfundene Gang zur Kasse nach dem Einkauf. Der Kunde entnimmt die Waren an den jeweiligen Stellen im Supermarkt und verlässt diesen danach. Ein solcher Supermarkt ohne sichtbare Kassen bedingt aber die Verfügbarkeit von Kundendaten – mindestens die Hinterlegung einer Kontoverbindung oder einer Kreditkarte.

Über den „Bezahlvorgang“ und über das damit verbundene „Scannen“ der Produkte wird auch der Warenbestand im Supermarkt gesteuert. diese Bewegung am Point of Sale“ wiederum hat Konsequenzen über den Supermarkt hinaus, das heißt für die komplette Wertschöpfungskette.

In unseren Lehrveranstaltungen an der FOM beschäftigen wir uns mit diesen Entwicklungen. Wir schauen dabei nicht nur auf die Kundenseite, sondern nehmen die gesamte Wertschöpfungskette in den Blick. Zum Beispiel in der Lebensmittelindustrie oder allgemein in den sogenannten „fast moving consumer goods“. Natürlich geht es in diesen Wertschöpfungsketten immer um den Kundennutzen und um die Produkte, die einen solchen Kundennutzen stiften. Der Supermarkt ist dann das Ziel aller Akteure in diesen Wertschöpfungsketten – der „Point of Sale“ oder der „Point of consumption“, wenn der Kunde den Müsliriegel gleich im Supermarkt aufisst. Aber bis das Produkt diesen Punkt erreicht hat, finden natürlich viele Prozesse statt, in denen die Digitalisierung ebenfalls wirkt.

Ein Kundennutzen wäre beispielsweise ein smarter Kühlschrank. Kann unser Kühlschrank bald fehlende Zutaten für ein geplantes Rezept selbst scannen und im Supermarkt ordern?

Durchaus. „Smarte Dinge“ verfügen über die Fähigkeit, Daten zu erfassen, zu speichern, zu verarbeiten und mit anderen „smarten Dingen“ und den Menschen zu kommunizieren. Eine solche Kommunikation kann zum Beispiel über das Internet erfolgen, ein solcher smarter Kühlschrank oder Regal wird dann zum Mitglied der großen Familie, die das „Internet der Dinge“ darstellt.

Abstandsregelungen und Hygienemaßnahmen haben im deutschen Lebensmitteleinzelhandel bereits zu einem Wandel in Richtung Digitalisierung geführt (Foto: AdobeStock/vectorfusionart)

Und mit welchem anderen smarten „Ding“ könnte unser smartes Regal zuhause kommunizieren?

Nun ja, zum Beispiel mit der ebenfalls smarten Küchenmaschine oder dem ebenfalls smarten Regal im Supermarkt. Das smarte Regal zuhause könnte zum Beispiel sagen „Hallo, wir sind gut angekommen, es liegen im Augenblick fünf Müsliriegel auf diesem Regal, das wird erst einmal reichen, wir melden uns bei dir, wenn wir neue Müsliriegel brauchen.“ Das smarte Regal zuhause würde dann zur gegebenen Zeit durch Kommunikation mit dem smarten Regal im Supermarkt einen Bestellvorgang auslösen. Richtig elegant werden solche smarten Vorgänge dann, wenn auch gleich ein Transport der Müsliriegel nach Hause ausgelöst wird.

Stimmt. Aber dann müsste man für bestimmte Lebensmittel zum Beispiel eine Art Kühl-Briefkasten haben?

Richtig. An dieser Stelle kommen smarte Behälter ins Spiel, zum Beispiel solche, die Temperaturen konstant halten. Und wenn dann dieser smarte Behälter mit den bestellten Waren mit einer Drohne vom Supermarkt direkt auf den Balkon der Kunden geflogen wird – dann haben wir eine annähernd durchgängige – smarte und vernetzte – Lieferkette vom Supermarktregal direkt zum Kunden.

FOM Dozent Dr. Klaus Middeldorf lehrt das Modul „Digitalisierung“ im Master Logistik & Supply Chain Management (Foto: FOM)
Ist Schlange stehen im Supermarkt bald Geschichte? Sind unsere Briefkästen bald alle klimatisiert? (Foto: AdobeStock/vectorfusionart)

Und was glauben Sie, wird sich in den Regalen befinden? Wird sich auch hier etwas verändern?

Es könnte sein, dass in Zukunft gar keine Müsliriegel mehr auf den smarten Regalen liegen, sondern dass diese Müsliriegel erst dann hergestellt werden, wenn sie bestellt werden – sozusagen in Form von „Müsliriegel on demand“. Erste Anwendungen von 3 D-Druckern für Lebensmittel existieren ja bereits. Im Augenblick ist allerdings noch nicht erkennbar, wann solche Anwendungen Realität werden. Es sind noch viele technische Probleme zu lösen und auch viele Probleme, die mit der Akzeptanz solcher Produkte durch den Kunden zu tun haben.

Behandeln Sie diese Themen auch in den Vorlesungen an der FOM?

In unseren Lehrveranstaltungen an der FOM geht es um den Nutzen der Digitalisierung in den verschiedenen Funktionen in Unternehmen und in den Wertschöpfungsketten. Wir betrachten dazu die Digitalisierung in der Beschaffung (Beschaffung 4.0), in der Produktion (Industrie 4.0), in der Distribution (Distribution 4.0) und in allen damit zusammenhängenden Logistikprozessen (Logistik 4.0).

Wie ich schon erläutert habe, sind eine Vielzahl von Kommunikationen möglich. Interessant ist dabei, dass all diese Kommunikationen – über die ausgetauschten Daten – analysiert werden können. So werden Muster erkannt, wie beispielsweise in einem Haushalt häufig gekochte Gerichte. Über eine solche Mustererkennung wiederum können auch Optimierungen vorgenommen werden. Interessant werden solche Muster dann, wenn sie zum Beispiel dazu führen, die Bestellung von Zutaten zu optimieren und damit auch Verschwendung zu vermeiden. In einem größeren Zusammenhang betrachtet, werden Beschaffung und Einkauf von Gütern besser planbar.

Was sich wiederum positiv auf die Umwelt auswirken könnte – verstehe. Noch eine letzte Frage: Der Online-Handel läuft dem stationären Handel ja mehr und mehr den Rang ab – gerade in diesen besonderen Zeiten. Ist der Supermarkt von morgen also eine Möglichkeit, dem etwas entgegenzusetzen?

Es ist erkennbar, dass zukünftig beide Formen des Handels in einem sogenannten Omnichannel-Handel zusammengeführt werden. Das physische Angebot in einem Supermarkt wird mit dem digitalen Angebot zum Beispiel auf einer Handelsplattform zusammengeführt, bzw. digital vernetzt. Dem Kunden stehen damit beide Handelsformen gleichermaßen zur Verfügung. Die Voraussetzungen, um solche Omnichannel–Lösungen für den Handel aufzubauen, sind komplex. Es müssen gut abgestimmte Informationssysteme existieren und es bedarf einer smarten Logistik. Auf solche Aufgaben bereiten wir die Studierenden unserer Hochschule vor.

Herr Middeldorf, haben Sie vielen Dank für das spannende Gespräch. Dann können wir jetzt gespannt sein, ob sich der 3D-Müsliriegel auch geschmacklich unterscheiden wird…

Jana Antkowiak

Am Institut für Logistik- & Dienstleistungsmanagement (ild) der FOM Hochschule wird intensiv zum Thema Logistik und Digitalisierung geforscht: www.fom-ild.de