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Khaled überwindet alle Hindernisse und erfüllt sich seinen Traum vom Studium

„Ich habe mich durchgekämpft: Aufgeben war keine Option“

Aufstehen, Familienfrühstück, Weg zur Arbeit nach Frankfurt-West, Vollzeitpraktikum bei der Deutschen Börse, berufsbegleitendes Bachelor-Studium in Wirtschaftsinformatik an der FOM Hochschule, lernen und wenn noch Zeit ist: Spielzeit mit dem Sohnemann – ein ganz normaler Werktag wie ihn viele so oder so ähnlich leben. Für Khaled Kamal ist dieses Leben kein Standardprogramm. Der 35-jährige gebürtige Afghane musste unentwegt Durchhaltevermögen beweisen und viele Hindernisse überwinden, um seinen Traum von einem Studium zu verwirklichen. Eine bewundernswerte Geschichte über einen jungen Mann, der niemals aufgab.

25.02.2021 | Frankfurt a. M.

Khaled war vier Jahre alt als er mit seinem Bruder und seinen Eltern sein Zuhause in Afghanistan verließ und vor dem Taliban-Regime flüchtete. Khaleds Vater arbeitete als Journalist, seine Mutter war Religionslehrerin und spätestens ihre Lehrinhalte, die nicht der Ideologie der Taliban entsprachen, waren der Grund, warum sie fliehen mussten, sagt Khaled heute. Seine letzten Erinnerungen an die Heimat: Krieg und Tod. Bei einem Raketenanschlag wurde er selbst von Soldaten aus den Überresten seines Elternhauses gerettet, einige Familienangehörige starben. „Die Begegnung mit dem Tod macht etwas mit dir: entweder du zerbrichst daran oder du bist stark genug, weiter zu gehen“, meint Khaled nachdenklich.

Seine Familie gab alles auf und floh mit Hilfe von Schleusern aus Afghanistan – ihr Ziel: Khaleds Onkel, wohnhaft in Frankfurt am Main. Doch die Reise endete in Indien. Zwei Jahre lang saßen sie in Neu-Delhi fest, weil Schleuser nun mal leere Versprechungen machen. Ihre Flucht führte sie daraufhin nach Russland und für zwei weitere Jahre in die Ukraine. Von dort unternahmen sie vier Versuche, weiterzureisen – einer endete für die Familie sogar im Gefängnis. „Dass wir es tatsächlich nach Deutschland schafften, war großes Glück“, so der 35-Jährige.

Mit Selbstvertrauen vom Hauptschulabschluss zur Fachhochschulreife

Erst in Frankfurt am Main angekommen, konnte Khaled einen regulären Bildungsweg beginnen. Mit nur wenigen Deutschkenntnissen wurde er in die 5. Klasse der Hauptschule in Hünfeld im Landkreis Fulda eingeschult. Und hatte mit dieser Situation weiter zu kämpfen. Khaled: „Ich musste vor allem in einem rassistischen Umfeld zurechtkommen, das war hart, aber ich habe mich durchgekämpft. Aufgeben war keine Option.“ Sein Onkel unterstützte ihn und schenkte ihm bald nach seiner Ankunft in Deutschland einen Computer. Khaleds Lehrern fiel der schüchterne und ehrgeizige Junge auf. „Sie halfen mir und gaben mir Selbstvertrauen.“ So schaffte er es, auf die Realschule zu wechseln und sogar die Fachhochschulreife zu absolvieren. „Meine Familie hat immer an mich geglaubt“, erzählt der Afghane nicht ohne Stolz. Und so gab er bald seinem Vater das Versprechen, dass er mal einen guten Job haben und Anzug tragen werde.

Mit 18 Jahren und seinem Abschluss in der Tasche, glaubte Khaled nun, die Freiheit zu spüren, interessierte sich für den Informatik-Studiengang an der Hochschule Fulda. Sein Traum zum Greifen nah. Dann die Ernüchterung. Mit seiner Volljährigkeit griff die sogenannte Duldung, nach Definition des deutschen Aufenthaltsrechts eine „vorübergehende Aussetzung der Abschiebung“ von eigentlich ausreisepflichtigen Ausländern. Alle drei Monate musste sich Khaled vom Amt für Migration und Integration einen Duldungsstempel holen, er lebte mit der ständigen Angst, beim nächsten Mal keine Genehmigung zu erhalten. Von den Behörden bekam er den Rat, kein Studium anzugehen, sondern einen Vollzeitjob anzunehmen, um die Chancen für einen dauerhaften Aufenthalt in Deutschland zu vergrößern.

Khaled Kamal studiert an der FOM in Frankfurt
"Ich bin seit dem Wintersemester 2019 im Bachelor of Science in ‚Wirtschaftsinformatik‘ eingeschrieben", sagt Khaled stolz. (Foto: privat)
Khaled Kamal FOM Student
Khaled Kamal hat sich durchgekämpft und lebt jetzt seinen Traum (Foto: privat)

Duldungsstempel statt Studentenausweis

Der Traum von einem IT-Studium hatte sich erst einmal ausgeträumt. Khaled wurde Reinigungsfachkraft in einem Hotel und verdiente jahrelang 5,40 Euro pro geputztem Zimmer. Wer stellt schon jemanden ein, der nur eine dreimonatige Aufenthaltserlaubnis hat?  „Meine Motivation, auch diese Zeit durchzustehen, war, eines Tages für immer in Deutschland bleiben zu können und studieren zu gehen.“ Khaled ging seinen Weg. Privat las er sich immer mehr in Software Development ein und im Beruflichen nahm er seinen ganzen Mut zusammen und wechselte zu Adidas, als er endlich ein zweijähriges Visum für den Verbleib in Deutschland erhalten hatte - zuerst als Kassierer, dann als Sales Assistent und Produkttrainer. Vor ein paar Jahren wechselte er zu einem der größten Konzerne für Autovermietung, Carsharing und Fahrdienstvermittlung. Er verdiente gutes Geld als Senior Driver und Chauffeur für hochkarätige CEOs. Mit dem Erhalt der deutschen Staatsbürgerschaft keimte in ihm aber dann doch wieder sein Traum auf: War jetzt endlich die Zeit für sein Studium gekommen?

Alle Zweifel legten sich als Khaled sich für ein berufsbegleitendes Studium an der FOM Hochschule in Frankfurt am Main entschied. „Ich bin so glücklich, dass die FOM mir und vielen Berufstätigen die Möglichkeit gibt, neben dem Beruf für meine Berufung zu studieren: ich bin seit dem Wintersemester 2019 im Bachelor of Science in ‚Wirtschaftsinformatik‘ eingeschrieben und studiere aktuell im dritten Semester“, erzählt Khaled stolz. Das Konzept des Studiums neben dem Beruf sei perfekt für ihn, seinen Traum Realität werden zu lassen, so der 35-Jährige. Die unbezahlte Wartezeit zwischen den Chauffeur-Jobs konnte er optimal zum Lernen nutzen – bis er sich zusammen mit seiner Frau entschied, einen weiteren großen Schritt zu gehen. Sollte er eine Zusage für das bezahlte Vollzeitpraktikum im Informatikbereich bei der Deutschen Börse AG erhalten, würde er seinen Fahrer-Job kündigen.

Traum-Job und Traum-Studium

Seine Passion für IT und seine Geschichte überzeugten letztlich die Deutsche Börse. Seit Oktober des letzten Jahres absolviert Khaled nun in der Compliance Abteilung im Bereich Robotic Process Automation das Vollzeitpraktikum und kann sich nicht vorstellen, jemals wieder etwas anderes zu tun. „Ich erhalte sogar die Chance auf Übernahme – das könnte mein berufliches Happy End werden“, meint Khaled motiviert. Und fügt schmunzelnd hinzu: „Vom ersten Monatsgehalt als Informatiker habe ich mir erstmal einen teuren Anzug gekauft und ihn natürlich meinem Vater präsentiert.“

Das Interview führte Karolin Wochlik