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  • Prof. Dr. Zenobia Frosch: „Wir haben auch in Stuttgart einen Fachkräftemangel in der Pflege“

Dr. Zenobia Frosch, Professorin für Gesundheits- & Sozialmanagement:

„Wir haben auch in Stuttgart einen Fachkräftemangel in der Pflege“

Die Gesundheitssysteme stehen weltweit vor einer gewaltigen Bewährungsprobe. Deutschland scheint dabei im Kampf gegen die COVID-19 Pandemie bessere Karten zu haben als die meisten anderen Länder. Doch wie wird sich die Krise entwickeln? Im zweiten Teil unserer Serie, in der Expertinnen und Experten der FOM in Stuttgart aus der Wirtschaftspsychologie, dem Pflegemanagement und der Volkswirtschaftslehre einige drängende Fragen beantworten, nimmt Dr. Zenobia Frosch Stellung. Sie ist Professorin für Gesundheits- & Sozialmanagement, insbesondere Pflegemanagement, an der Stuttgarter FOM.

14.04.2020 | Stuttgart

Auch in Stuttgart wurden die Intensivkapazitäten inzwischen nochmals ausgebaut, führend ist hier das Klinikum der Landeshauptstadt. Dieser Ausbau ist, im Zusammenspiel mit weiteren Maßnahmen, von größter Bedeutung für die Region. Professorin Frosch: „Wichtig ist, einer Überforderung der Krankenhäuser vorzubeugen, indem die sozialen Kontakte auf ein Minimum beschränkt werden. Denn je weniger Kontakt Menschen miteinander haben, desto langsamer breitet sich das Virus aus. Und eine langsame Ausbreitung verhindert, dass die im Grunde gut gerüsteten Krankenhäuser, auch in der Region Stuttgart, an ihre Grenzen kommen“.

Situation besser als in anderen europäischen Ländern

„Wir hatten und haben ein gutes Gesundheitssystem. Jedoch auch eines der teuersten Systeme. Damit dies finanzierbar bleibt, wurden in den letzten Jahrzehnten viele Veränderungen und Einsparungen vorgenommen. Allerdings war dies ein langsamerer Prozess als bei unseren Nachbarn und so haben wir immer noch deutlich mehr Intensivkapazitäten“, betont die Professorin. Im Vergleich zu Italien habe Deutschland bezogen auf 1.000 Einwohner zweieinhalb Mal so viele Intensivbetten. Nachbarländer dagegen haben vieles schneller ambulantisiert. Auch Intensivkapazitäten wurden dort reduziert und konzentriert.

Ein weiterer Aspekt, der auch Baden-Württemberg und die Region Stuttgart trifft: „Der Fachkräftemangel in der Medizin und in der Pflege tritt jetzt sichtbar zu Tage“, erläutert Zenobia Frosch. Der Pflegeberuf wurde in den letzten Jahren eher als unattraktiv betrachtet. Hintergrund waren die Arbeitszeiten wie Wochenenddienste, Nachtdienste sowie oft wenig verlässliche Dienstplanung. Einhergehend mit dem Ruf nach ausreichender und verlässlicher Besetzung und monetärer Würdigung. Aktuell finde nun eine Anerkennung für sämtliche systemrelevanten Berufe statt. Die Erkenntnis, dass unsere Gesellschaft auf das Ausübenbestimmter Berufe mehr angewiesen ist als auf andere, scheine vor allem in Krisenzeiten besonders präsent.

Regelmäßige Studien in Deutschland zeigen allerdings auf, dass das Ansehen der verschiedenen systemrelevanten Berufsgruppen außerhalb von Krisenzeiten eine überwiegend unterdurchschnittliche Wertschätzung bringt. Es kann also davon ausgegangen dass diese Welle der Anerkennung mit der Zeit wieder abflacht.

Big Data im Gesundheitswesen bis fünf Jahre hinter der Industrie

Mit Blick auf die weitere Entwicklung erscheinen nach Einschätzung der Expertin mehrere Szenarien realistisch. Zum Einen die Sehnsucht nach Keimfreiheit. Dies könnte bedeuten, dass Hygiene einen noch höheren Stellenwert bekommen wird.

Prof. Dr. Zenobia Frosch FOM Stuttgart

Die Überlegungen des Robert Koch-Instituts, per freiwilliger App Daten zu generieren, kommentiert Zenobia Frosch so: „Unter dem Zeitaspekt betrachtet, ist der Stand des Gesundheitswesens in Sachen Big Data etwa vier bis fünf Jahre hinter dem der Industrie. Jetzt könnte eine zügigere Digitalisierung im Gesundheitswesen möglich sein“.

Ein anderer Trend ist nach Einschätzung der Professorin der schnellere Ausbau der Regionalisierung. Erste Ansätze, wie regionale Gesundheitszentren, finden sich auch im Raum Stuttgart bereits. Ein weiteres Stichwort: die resiliente Gesellschaft. Frosch: „Gesundheit wird nicht länger als etwas gesehen, das nur den individuellen Körper und das eigene Verhalten betrifft. Vielmehr wird Gesundheit ganzheitlicher betrachtet: Umwelt, Stadt, Politik, Weltgemeinschaft als wichtige Faktoren für die menschliche Gesundheit. Hier geht es darum, gesunde Umwelten für alle zu schaffen“.

Unternehmen auch in Baden-Württemberg stellen Produktion um

Professorin Frosch sieht allerdings auch einige kritische Fragen: „Ergänzend zu den Szenarien muss auch festgestellt werden, dass wir im Bereich der Gesundheitswirtschaft jetzt, nach dem Ausbruch dieser weltweiten Krise, merken, dass das reine Vertrauen in die Kräfte des Marktes durchaus kritisch war“. Dies werde am Beispiel der Arzneimittelproduktion oder bei der Produktion von erforderlichen Hilfsmitteln, die zur Seuchenbekämpfung notwendig sind, deutlich. Auch in Baden-Württemberg hat hier bereits ein Umdenken begonnen, viele Unternehmen sind in die Produktion vom Mundschutzmasken, Desinfektionsmitteln und Schutzkleidung eingestiegen. Andere haben ihre Kapazitäten verlagert und stellen nun Plexiglasscheiben her, die Kassiererinnen an der Supermarkt-Kasse schützen.

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