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  • Prof. Dr. Mira Fauth-Bühler: „Hamsterkäufe vermitteln vermeintliche Sicherheit“

Dr. Mira Fauth-Bühler, Professorin für Wirtschaftspsychologie und Neuroökonomie:

„Hamsterkäufe vermitteln vermeintliche Sicherheit“

Die COVID-19 Pandemie hat unser Land fest im Griff. Ungekannte Beschränkungen des öffentlichen Lebens versetzen viele Menschen in Angst. Dabei ist die Situation in Deutschland im Vergleich zu Ländern wie Italien, Spanien oder den USA noch verhältnismäßig entspannt. Dennoch stellen sich viele die Frage, wie sich das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben aktuell entwickeln und nach der Krise gestalten wird. Wir lassen Expertinnen und Experten der FOM in Stuttgart aus der Wirtschaftspsychologie, dem Pflegemanagement und der Volkswirtschaftslehre einige dieser Fragen beantworten. Den Auftakt macht Dr. Mira Fauth-Bühler, Professorin für Wirtschaftspsychologie und Neuroökonomie.

02.04.2020 | Stuttgart

Die Gesellschaft stellt zurzeit fest, dass in der Krise komplett andere Prioritäten gesetzt werden, als wir es bislang gewohnt waren. Die „Helden“ sind plötzlich nicht mehr Influencer, Fußballer und andere Megastars, sondern Menschen des Alltags – Kassiererinnen im Supermarkt, Pfleger, Ärzte, Polizisten. Professorin Fauth-Bühler: „Die Krise macht eine Verschiebung der Prioritäten notwendig. Abhängig von der Persönlichkeitsstruktur reagieren Konsumenten unterschiedlich darauf und auch die Kaufprioritäten verschieben sich. Zurückbesinnung auf grundlegende, vermeintlich lebenswichtige Dinge wie Toilettenpapier oder Nudeln sind wichtiger als das neue Outfit. Für die Lebensmittelläden bedeutet dies, dass Grundnahrungsmittel und Hygienemittel stärker nachgefragt werden. Aber einige Käufer schießen über das Ziel hinaus - Stichwort Hamsterkäufe.“

Hamsterkäufe vermitteln vermeintliche Sicherheit

Hamsterkäufe, betont die Expertin, vermitteln den Käufern Sicherheit und einen vermeintlichen Überlebensvorteil. „Durch Kompensation der Unsicherheit kann man selbst für Sicherheit sorgen, man hat die Kontrolle in einem kleinen umgrenzten Bereich wieder, kompensiert den Kontrollverlust im Großen“, weiß die Expertin. Ein anderer Teil der Konsumenten versuche, sich nicht mit der Realität auseinanderzusetzen, die unkontrollierbare Ängste hervorrufen könnte. Sie schauen keine Nachrichten, informieren sich bewusst nicht. Diese Menschen würden vermehrt auch Online-Shopping betreiben. Shopping werde so zur Ablenkungs-, und Verdrängungsstrategie, um sich nicht mit der angsteinflößenden, bedrohlichen Realität auseinandersetzen zu müssen.

In Unternehmen: ungeahnte Potenziale oder Schockstarre

Fauth-Bühler: „Auch bei Unternehmern sind verschiedene Verhaltensweisen auszumachen. Bei einigen löst die Krise ungeahntes, kreatives Potenzial aus und motiviert dazu, neue, innovative Wege zu beschreiten. Dadurch kann Kontrollverlust abgemildert und in bestimmten Bereichen zurückgeholt werden. Typische Beispiele aus Baden-Württemberg: Bosch entwickelt Coronatests, Trigema produziert Mundschutz statt Sportbekleidung.“ Bei anderen Unternehmern löse die fehlende (Planungs-)Sicherheit eine Art Schockstarre aus. Die Folge: Angst, Lethargie oder im schlimmsten Fall Depressionen, die einen ganzen Betrieb lahmlegen.

Prognose: marktwirtschaftliche Prinzipien im Vordergrund  

Die Frage, ob es ein langfristiges Umdenken hin zu „echten Werten“ in der Wirtschaft geben wird, sieht die Professorin eher kritisch. Fauth-Bühler: „Meines Erachtens wird es Verbesserungen in manchen Bereichen geben, aber kein langfristiges, umfassendes Umdenken. Die Bedeutung von Gesundheit und guter medizinischer Versorgung wird wieder mehr geschätzt werden. Gerade auch durch die direkten und unmittelbaren Vergleiche mit anderen Ländern wie Italien. Man erkennt im direkten Vergleich, welche Bedeutung ein gut aufgestelltes und gut finanziertes Gesundheitssystem mit geschultem Personal hat.“

Prof. Dr. Mira Fauth-Bühler Wirtschaftspsychologie
Prof. Dr. Mira Fauth-Bühler lehrt an der FOM in Stuttgart (Foto: FOM)

Auf lange Sicht, so die Wirtschaftspsychologin, werden marktwirtschaftliche Prinzipien wieder im Vordergrund stehen. Hier wird die Begründung, dass die Steuereinnahmen notwendig sind, um einen hohen Lebensstandard mit guter medizinischer Versorgung aufrechterhalten zu können, relevant. Professorin Fauth-Bühler: „Selbst jetzt, mitten in der Krise, gibt es ja bereits erste Stimmen, die fordern, die Kontaktbeschränkungen, die die Politik zur Eindämmung der Corona-Pandemie beschlossen hat, zu lockern oder dies in absehbarer Zeit zu tun, um die wirtschaftlichen Folgen zu minimieren.“

Digitalisierung wird schneller vorangetrieben

Auswirkungen erwartet Fauth-Bühler, die am FOM Hochschulzentrum Stuttgart lehrt, auch auf Forschung und Lehre. Ihre Meinung:Digitalisierung und andere Lernformate rücken in den Vordergrund, der Ausbau der digitalen Lernplattformen wird schneller vorangetrieben. Flexibilität ist dabei von Lehrenden und Studierenden notwendig.“ Change Management, so ist sie überzeugt, kommt dabei eine entscheidende Bedeutung zu: „Bei diesen rasanten Entwicklungen müssen alle Beteiligten mitgenommen werden, damit sie nicht überrollt werden, sich ausklinken oder in eine Schockstarre verfallen.“ Für die Forschung seien dagegen weniger Veränderungen zu erwarten. Fauth-Bühler: „Im Bereich der Wirtschaftspsychologie ist schon vieles digital umgesetzt und auch Kongresse werden spontan virtuell abgehalten.“

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