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7. Deutscher Diversity Tag in Berlin

Expertinnen diskutieren über Führungsautorität in der digitalen Arbeitswelt

Ständiger Wandel, Automatisierung, Führen auf Distanz – übernimmt jetzt bald Künstliche Intelligenz die Führung in Unternehmen? Was heißt dann Autorität in der digitalen Arbeitswelt? Um diese Frage ging es beim Diversity Forum an der FOM Hochschule in Berlin, das im Rahmen des 7. Deutschen Diversity Tags stattfand. Das Thema zog – vor allem weibliche Nachwuchs- und Führungskräfte ins Hochschulzentrum der FOM, die die Veranstaltung in Kooperation mit FidAR (Frauen in die Aufsichtsräte e.V.) und FIM (Vereinigung für Frauen im Management e.V.) organisierte.

05.06.2019 | Berlin

Führungskräfte stehen heute vor großen Herausforderungen. Trotz ständigen Wandels müssen sie Mitarbeitern Vertrauen, Glaubwürdigkeit und Orientierung geben. Das funktioniere nur mit natürlicher Autorität, meinte Astrid Preuss, Coach und Vorstands-Mitglied bei FidAR, das Thema des Abends. Deshalb sei es wichtig, dass Führungskräfte authentisch blieben, ergänzte Janine Tychsen, Coach und Regionalleiterin der FIM Berlin-Brandenburg.

Was heißt eigentlich „Natürliche Autorität“?

In ihrem Impulsvortrag umriss Prof. Dr. Friederike Müller-Friemauth, Professorin für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre und Innovationsmanagement an der FOM in Köln, erst einmal, was natürliche Autorität eigentlich heißt. Im Kern gehe es um Wissen, Erfahrung und Habitus. Autorität könne dabei aggressiv oder kohäsiv gelebt werden. „Der Trend geht allerding weg von einem aggressiven Autoritätsverständnis hin zu einem kohäsiven. Menschen, die inspirieren, können andere besser mitnehmen“, erklärte Prof. Müller-Friemauth. Natürliche Autorität hänge auch mit Charisma zusammen. „Ein Begriff mit metaphysischer Tradition, der geistige und geistliche Führung meint. Das wird in Europa gern vergessen“, stellte sie fest. Denn hier ginge es auch um Gefühle. Und Gefühle anzusprechen führe dazu, verstanden zu werden. 

Die empathische Maschine

Doch Künstliche Intelligenz (KI) kann das inzwischen auch! Prof. Müller-Friemauth zeigte verschiedene Beispiele, in denen KI menschliche Gefühle in der Sprache simulieren und Empathie zeigen. „Das ist eine neue Qualität der Kommunikation von KI.“ KI sei schon jetzt schneller, genauer und präziser als Menschen, und sie holt auch bei der kommunikativen Performance rasant auf. Prof. Müller-Friemauth forderte eine sozial- und geisteswissenschaftliche Flankierung der bisher rein technokratischen Bearbeitung des Themas im öffentlichen Diskurs. „Denn selbst wenn Maschinen bei natürlicher Autorität aufholen, sind sie doch keine Menschen. Denken Sie an natürliche Autoritäten wie Gandhi, Steve Jobs oder Michelle Obama. Das waren bzw. sind Menschen mit Haltung. Dahinter stehen Werte und Ideale, die mit unserer menschlichen Körperlichkeit zu tun haben. Hier gibt es einen gravierenden Unterschied zu KI.“ Ihren Vortrag schloss sie mit der Frage: „Wir müssen darüber diskutieren, welche Art von Maschinen wir uns geben wollen: Sollen KI’s werden wie wir oder in ihrer Erscheinung bleiben, was sie sind: Kluge und nützliche, aber doch tote Objekte?“

Brauchen wir in dieser Situation eine neue Art der Führung?

Dieser Frage ging Prof. Dr. Katharina Sachse, Professorin für Wirtschaftspsychologie an der FOM in Berlin, in ihrem Vortrag nach. Was heißt eigentlich gute Führung? Gute Führung bewirke, dass Unternehmen mit gesunden und zufriedenen Mitarbeitern besser ihre Unternehmensziele erreichen, führte Prof. Sachse aus. Seit 2006 sei jedoch statistisch feststellbar, dass sich die krankheitsbedingten Fehlzeiten aufgrund psychischer Erkrankungen und Verhaltensstörungen nahezu verdoppelt habe. Das liege nicht zuletzt an einer veränderten Arbeitswelt. Veränderungen sind immer eine Chance zu lernen. „Verantwortung und Selbstwirksamkeit steigert auch bei älteren Mitarbeitern die Bereitschaft Veränderungen anzunehmen“, führte Prof. Sachse aus. „Diese Bereitschaft kann aber durch strenge Vorgaben und Kontrolle kaputt gemacht werden.“ 

Das Diversity Forum fand an der FOM Hochschule in Berlin statt (Foto: FOM)

Führen auf Distanz und heterogene Teams

In ihrem Vortrag benannte sie verschiedene Ursachen für Veränderungen und belegte sie überwiegend mit Ergebnissen aus Abschlussarbeiten von FOM Studierenden. Eine wichtige Ursache sei, dass die ‚Führung auf Distanz‘ voranschreite. Mobiles Arbeiten und Homeoffice erforderten die Kommunikation per E-Mail, Chat oder Telefon. Da so wichtige Teile der Kommunikation verloren gingen, käme es oft zu Missverständnissen, die zu Unzufriedenheit bei Mitarbeitern führen. Hier müssten Führungskräfte eher mehr als weniger kommunizieren.

Eine weitere Ursache seien zunehmend heterogene Teams – heterogen nach Alter, Geschlecht, Sprache, Herkunft – erklärte Prof. Sachse. „Durch den zunehmenden Fachkräftemangel kommen Unternehmen auch nicht daran vorbei. Die Forschung zeigt, dass diese Teams sogar oft leistungsfähiger sind als homogene. Sie bergen nur mehr Konfliktpotential aufgrund von Vorurteilen und erlebten Ungerechtigkeiten. Das erfordert von Führungskräften mehr Kommunikation und Organisation.“

Alles anders? Alles neu?

Junge Mitarbeiter wollen wie ältere auch sinnvolle und abwechslungsreiche Aufgaben. Sie wollen sich weiterentwickeln und Wertschätzung für ihre Leistung erfahren. Die Herausforderung für Führungskräfte bestehe deshalb nach wie vor darin, die Eigenständigkeit von Mitarbeitern zu fördern, ihnen Vertrauen entgegenzubringen, ihre Individualität zu berücksichtigen und vor allem Vorbild zu sein. „Im Kern geht es immer um den Menschen und seine Bedürfnisse“, schloß Prof. Sachse ihren Vortrag. „Autoritäres Führungsverhalten sei schon seit 50 Jahren nicht mehr zielführend.“