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Dr. Michael Colombo übernimmt Professur an der FOM

„München ist der deutsche Hub für Künstliche Intelligenz“

Künstliche Intelligenz (KI), Big Data oder Maschinelles Lernen (ML) sind keine Zukunftsthemen mehr. Sie sind längst in unserem Alltag angekommen – oft bemerken wir es gar nicht, wie Prof. Dr. Michael Colombo erklärt. Seit seinem Physik-Studium befasst er sich damit, Regeln und Muster in Daten herauszufinden. Jetzt wurde er an der FOM Hochschule in München zum Professor für Wirtschaftsinformatik und Big Data ernannt. Im Gespräch erläutert der 55-Jährige, warum er die Landeshauptstadt als den deutschen KI-Hub sieht.

24.09.2021 | München

Professor Colombo, wie erklärt man die Begriffe ‚Künstliche Intelligenz‘, ‚Big Data‘ und ‚Machine Learning‘ kurz und knapp?

Michael Colombo: Nehmen wir Computer, bei denen Wenn-Dann-Regeln hinterlegt sind, die von uns Menschen ausgedacht und codiert wurden. Der Unterschied zur KI ist, dass wir nun die Regeln nicht mehr selbst vorgeben, sondern Algorithmen, also Rechenverfahren, auf Daten losgehen, um solche Regeln zu finden. Dieses Verfahren extrahiert die Regeln. Das heißt: Wir entwickeln die Regeln nicht mehr selbst, sondern bekommen sie quasi automatisch aus dem Datensatz gefiltert. Das ist aus meiner Sicht der Kern von Künstlicher Intelligenz und Maschinellem Lernen.

Wie weit ist KI schon in unserem Leben angekommen?

Colombo: Als Verbraucher, also im Bereich Business-to-Consumer (B2C), ist jeder von uns damit im Alltag schon in Kontakt – oft ohne es zu merken. Beispiel hierfür sind Spurhalte- und Bremsassistenten im Auto, Spracherkennung mit Siri und Alexa, wo Tonwellen in Text umgesetzt werden, Google-Translate oder Empfehlungslisten wie bei Spotify und bei der Suche im Internet. Auch Backöfen nehmen schon die Wärmestrahlung des Bratens auf und steuern, wie lange das Fleisch bis zum Garpunkt noch braucht.

Stimmt es, dass Deutschland bei dieser Hochtechnologie von anderen Nationen abgehängt wurde?

Colombo: Den B2C-Bereich führen tatsächlich Amerika und China an. Das liegt daran, dass sie auf so viele Kundendaten von ihren global agierenden Unternehmen wie Amazon oder Alibaba zurückgreifen können. Denn wer mehr Daten hat, kann auch mehr Muster erkennen. Wir sind jedoch im industriellen Bereich oft viel besser aufgestellt, also im Business-to-Business-Bereich (B2B). In Deutschland findet sowohl an Universitäten und öffentlich finanzierten Institutionen als auch in Unternehmen mit eigenen Forschungszentren sehr gute Grundlagen- und angewandte Forschung statt, weshalb ich nicht glaube, dass wir abgehängt wurden. Wir müssen jetzt aber schnell noch mehr in die Breite gehen und dazu vor allem auch in die Ausbildung investieren.

Sie haben in Physik promoviert und in der Führung großer Unternehmensberatungen gearbeitet. Aus welchem Grund sind Sie an die FOM Hochschule gewechselt?

Colombo: Weil wir insgesamt mehr Leute in den Bereichen KI und ML ausbilden müssen. Als die Begriffe KI, Big Data und ML in Mode kamen und die Bundesregierung ihre KI-Strategie verkündete, fragte ich mich, wo die vielen Professorinnen und Professoren eigentlich herkommen sollen. Bei der Suche nach Antworten blieb ich bei mir selbst hängen. Zudem hatte ich auch das Gefühl, dass ich damit der Gesellschaft etwas zurückgeben kann. Und Erwachsenenbildung liegt mir, denn nichts Anderes habe ich viele Jahre lang in der Beratung und am Technologischen Institut für angewandte Künstliche Intelligenz gemacht. So kam ich 2019 zur FOM Hochschule in München und habe die Lehre zu meiner Mission gemacht. An der FOM sind Grundkurse zu KI und Big Data bereits in vielen Bachelor-Studiengängen der Betriebswirtschaft und der Wirtschaftsinformatik fest etabliert. Wer das spannend findet, kann auch den weiterführenden Master-Studiengang Big Data & Business Analytics belegen. Denn wie gesagt, wir brauchen jeden, um KI und Big Data breit in die Unternehmen zu tragen!

Wie können Münchner Unternehmen davon profitieren?

Colombo: Gerade in München haben große Unternehmen wie BMW, Siemens, Airbus oder die Allianz längst Initiativen für den KI-Einsatz aufgelegt. Es ist aber oft schwierig für sie, ausreichend geeignete Mitarbeitende zu finden, weil sie dabei auch im direkten Wettbewerb mit den großen Anbietern von Cloud- und KI-Services wie Google, Microsoft, Amazon, IBM oder auch der Deutschen Telekom stehen, die in München ja auch sehr stark vertreten sind. Der Markt an KI-Spezialisten und Data Scientists ist praktisch leergefegt. Ich bin fest davon überzeugt, dass München der deutsche Hub für Künstliche Intelligenz und Maschinelles Lernen ist, wie Berlin der Hotspot für Start-ups. Wir müssen es schaffen, die Nachfrage an Mitarbeitenden auf allen Ebenen zu befriedigen. Die TUM und die LMU bilden schon Spitzenforscher aus, aber es sind ja auch Leute gefragt, die die KI in den täglichen Betrieb bringen. Genau hier wollen wir die FOM noch deutlicher positionieren und den Studierenden klarmachen, dass sie anwendungsorientierte KI und Big Data Analytics von einem starken Team in der Praxis verankerter haupt- und nebenberuflich Lehrender lernen können.

Neu berufen: Prof. Dr. Michael Colombo ist Experte für Künstliche Intelligenz und Big Data an der FOM Hochschule in München (Foto: privat)

Welche Chancen bietet KI für den Mittelstand?

Colombo: Wir brauchen KI letztlich in allen Produkten, die wir hier in Deutschland erstellen. Das sind neben dem Automobilsektor und seinem Zielbild des autonomen Fahrens insbesondere industrielle Güter und Dienstleistungen. Aber auch in der Leistungserstellung und in Verwaltungsprozessen kann KI die Effizienz und Wettbewerbsfähigkeit steigern. Das betrifft jedes Unternehmen – sowohl große als auch mittlere und kleine.

Das klingt sehr abstrakt, können Sie ein Beispiel nennen?

Colombo: Nehmen Sie als einfaches Beispiel Bestellungen, die bei vielen produzierenden mittelständischen Unternehmen oft noch als Tabellen im PDF-Format eingehen, also als unstrukturierte Daten. Bis heute gibt es Mitarbeitende, die solche Tabellen abtippen. Mit ML schafft man es, die Daten aus den Tabellen herauszuholen und in das Bestellsystem einzuspeisen. Zur Sicherheit prüft der Mitarbeiter noch, ob die Maschine alles richtiggemacht hat. Aber der ermüdende Vorgang des Abschreibens entfällt und der ganze Prozess läuft viel schneller ab. Entscheidend ist, dass man solche Themen angeht und sich traut. Wir ermutigen unsere Studierenden, solche Themen im Rahmen von Semester- und Abschlussarbeiten aufzunehmen. Danach sind auch die Verantwortlichen in den Unternehmen überrascht, wie schnell man viel bewirken kann.

Macht Künstliche Intelligenz den Menschen mittel- oder langfristig überflüssig?

Colombo: Die Befürchtung gab es schon immer, wenn es um neue Technologien ging. Ich halte sie für unbegründet. Der amerikanische KI-Experte und Vordenker Andrew Ng hat einmal gesagt, dass alle Entscheidungen, die ein Mensch in einer Sekunde treffen kann, wahrscheinlich eines Tages von KI übernommen werden. Das relativiert die vermeintliche Bedrohung aus meiner Sicht. In der Praxis gehören die mit KI angegangenen Tätigkeiten gerade bei den Mitarbeitenden oft zu den am meisten gehassten, wie das bereits genannte Eingeben von Tabellen. Wir alle erleben jeden Tag selbst, dass zu bedienende Maschinen und IT-Systeme immer komplizierter in der Anwendung werden. KI-unterstützte Assistenzsysteme im betrieblichen Umfeld entlasten den Menschen in unübersichtlichen und stressigen Situationen, was die Arbeit einfacher und sicherer macht. Eben ein bisschen so, wie der schon genannte Bremsassistent, der uns als Fahrer auch nicht gleich überflüssig macht. Aber für die Ausbildung an der FOM heißt das natürlich auch, dass wir die Studierenden darauf vorbereiten, in ihrem Berufsalltag mit solchen Befürchtungen umgehen zu können. Wir vermitteln deshalb nicht nur die analytischen und technischen Fähigkeiten zu KI und Big Data, sondern auch die erforderlichen Soft Skills. 

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