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Drei Fragen an FOM Dozentin Sandra Brauer

„Wie voll ist der Akku?“ – Tipps für die digitale Balance

11.11.2021 | Hamburg

Schon nach dem Aufwachen der erste Griff zum Smartphone, Video-Konferenzen statt Präsenzmeetings, dazu der ständige Blick in die Sozialen Netzwerke: Unser Alltag wird zunehmend durch digitale Technik bestimmt, privat wie auch beruflich. „Auch, wenn die Digitalisierung vieles einfacher macht: Ein ‚Zuviel‘ kann durchaus Stress auslösen“, weiß FOM Dozentin Sandra Brauer, Expertin für Prozessbegleitung in der digitalen Transformation. Im Interview erklärt die freiberufliche systemische Beraterin und Trainerin, warum die „digitale Balance“ so wichtig ist – und was man tun kann, um sie zu halten.

FOM Hochschule: Digitale Resilienz und digitale Balance zählen zu den Kernthemen Ihrer Arbeit. Was verbirgt sich hinter diesen Begriffen?

Sandra Brauer: Resilienz bedeutet Krisenfestigkeit. Daran anknüpfend verstehe ich unter digitaler Resilienz die Fähigkeit von Menschen, dem digitalen Strukturwandel gelassen zu begegnen. Dieser Wandel betrifft heute fast alle Branchen und Bereiche – selbst Personaleinstellungsprozesse! Die digitale Balance hingegen bezieht sich mehr auf den persönlichen Alltag: Hier geht es um den bewussten, kontrollierten Umgang jeder und jedes Einzelnen mit digitalen Medien. Dabei einen verträglichen Weg zu finden ist oft nicht leicht, weil die Grenzen zwischen Privatem und Beruflichem durch den digitalen Strukturwandel zunehmend verschwimmen.

FOM: Was passiert, wenn es nicht gelingt, die digitale Balance zu wahren, Resilienz zu entwickeln?

Brauer: Dann kann Digitalisierung durchaus Stress bewirken. Laut Weltgesundheitsorganisation WHO ist Stress eine der größten Gesundheitsgefahren überhaupt im 21. Jahrhundert, und der digitale Strukturwandel verstärkt dieses Risiko. Diese Belastungen zeigen sich Studien zufolge in einem erhöhten Risiko für Schlafstörungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Erkrankungen des Muskel-Skelettsystems. Aber selbst wenn es nicht so weit kommt: Wer sich digital überlastet fühlt, ist gereizter, die Motivation kann sinken und damit auch die Produktivität. Deshalb ist es auch für Unternehmen sehr wichtig, eine solche Überlastung bei den eigenen Mitarbeitenden wahrzunehmen und zu überlegen, was sie dagegen tun und wie sie vorbeugen können.

FOM: Worauf sollten Teilnehmende in virtuellen Runden achten, um nicht die digitale Balance zu verlieren?

Brauer: Bei längeren Online-Meetings und Veranstaltungen ist es einfach wichtig, regelmäßig zu fragen: Wie geht es den Teilnehmerinnen und Teilnehmern gerade, wie voll ist der Akku? Ich empfehle, nach fünfzig Minuten eine etwa zehnminütige Pause einzulegen, und zwar abseits des Bildschirms. Wichtig zur Stressreduktion ist auch Interaktion, das heißt für die Vortragenden sowie für die Teilnehmenden: Keine Monologe halten, die länger als etwa sieben Minuten dauern! In Präsentationen und Konferenzen sollte man verstärkt mit interaktiven Medien und Methoden arbeiten, beispielsweise mit Videos, virtuellen Whiteboards oder Mindmapping. 

FOM Dozentin Sandra Brauer
Sandra Brauer, Expertin für Prozessbegleitung in der digitalen Transformation, ist als freiberufliche systemische Beraterin und Trainerin tätig. An der FOM in Hamburg lehrt sie „Psychologische Gesprächsführung“ (Foto: Privat)

Fünf Tipps für die digitale Balance:

1. Parallelkommunikation vermeiden. Während einer Videokonferenz keine Handy-Nachrichten und Soziale Netzwerke checken, analogen Störungen durch Arbeitskolleginnen und -kollegen bzw. Familienmitglieder vorbeugen.

2. Online-Besprechungen begrenzen. Bewusst hinterfragen, wann eine Besprechung einzuberufen notwendig und wann die eigene Teilnahme sinnvoll ist.

3. Stille Phasen. Kommunikationskanäle wie E-Mail-Programm und Telefon (sofern möglich) zeitweise ausstellen, wenn man konzentriert arbeiten will.

4. Ortswechsel für neue Energie. Zur Abwechslung ein Job-Telefonat während eines Gangs durch den Park führen.

5. Bewusst in den Feierabend wechseln. Im Homeoffice den Rechner ausschalten, wenn die Tagesaufgaben erledigt sind. 

Frau vor Laptop mit Handy
Unser Alltag wird zunehmend durch digitale Technik bestimmt, privat wie auch beruflich (Foto: bnenin - stock.adobe.com)