• FOM
  • 2021
  • Mai
  • Ein Brettspiel gegen den Pflegenotstand: „Endlich Feierabend!“ - Kölner FOM Student Simon Büngener erfindet das erste Pflegespiel Deutschlands

Ein Brettspiel gegen den Pflegenotstand: „Endlich Feierabend!“

Kölner FOM Student Simon Büngener erfindet das erste Pflegespiel Deutschlands

Drei Jahre lang arbeitete Simon Büngener rund 2000 Stunden an diesem Spiel. „Endlich Feierabend!“ heißt das Ergebnis. Es ist das erste Spiel Deutschlands, das die Pflege und den Pflegenotstand thematisiert – ein Thema, das gerade jetzt aktueller denn je ist. Das Ziel des FOM Studenten: Anhand dieses Brettspiels auch fachfremde Menschen für den Pflegenotstand zu sensibilisieren und gleichzeitig die „Schwere“ aus der Thematik zu nehmen. Der 27-Jährige studiert im 4. Semester „Gesundheits- & Sozialmanagement“ an der FOM in Köln. Denn: Der gelernte Erzieher ist selbst seit seinem 19. Lebensjahr pflegender Angehöriger und möchte das Rüstzeug dafür haben, strukturell etwas zu verändern und einen sinnvollen Beitrag für Pflegekräfte und Patienten zu leisten.

05.05.2021 | Köln

Wissensvermittlung & Sensibilisierung

Der Arbeitstag von Pflegekräften ist hart: Regelmäßiger Personalmangel, Überstunden und Wochenend-Arbeit. „Beende deine Schicht vor deinen Mitspielern!“ lautet daher das Ziel des Spiels. „Durch Fachwissen, richtiges Handeln und eine Prise Glück wollen die Mitspielerinnen und Mitspieler die Schicht so schnell wie möglich hinter sich bringen“, erklärt der Erfinder des Spiels. Auf diesem Weg werden die SpielerInnen unter anderem von einem Diagnose- und Anatomieheft begleitet sowie von Übergabe- Pausen- und Überstundenkarten. „Und das Brett ist beidseitig – für die Früh- und die Spätschicht“, erklärt Simon Büngener, der sich über 400 Spielkarten ausgedacht hat, monatelang recherchierte, Bücher verschlang und eine große Portion Durchhaltevermögen an den Tag legte. „Ich hab das Spiel bereits mit 150 Pflege- und nicht Pflegekräften testweise gespielt. Es ist extrem wichtig, es immer wieder zu spielen, um so Denkfehler zu bemerken und sicherzustellen, dass auch alle mathematischen Grundsätze stimmen“, so der Student. Und all das neben einem vollgepackten Alltag zwischen Studium an der FOM und seinem eigentlichen Beruf.

Das Spielbrett ist beidseitig bespielbar: Vor Spielbeginn kann entschieden werden - Frühschicht oder Spätschicht? (Foto: Privat)

Von der Hauptschule in die Pflegedienstleitung

Der Pädagoge kommt nicht aus einem klassischen Bildungshaushalt: Sein Bruder und er sind die ersten in der Familie, die studieren. „Wir sind nicht den klassischen Weg gegangen, Abitur – dann Studium.“ Auf der Hauptschule wurde ihm und seinen MitschülerInnen immer vermittelt: „Du kannst glücklich sein, wenn du irgendwann eine Ausbildung bekommst. Habt nicht so hohe Ziele“, aber Simon war sich sicher, dass er mehr erreichen kann! Der ehemalige Hauptschüler holte sein Fachabi nach, absolvierte eine Ausbildung zum Erzieher und fing damals an, in einer Psychiatrie zu arbeiten. Zunächst im Stationsdienst als Pädagoge, irgendwann als Stationsleitung und schließlich als Pflegedienstleitung – startete parallel das berufsbegleitende Studium an der FOM. „Aber irgendwann kam ich an einen Punkt, an dem ich kündigen musste. Ich konnte mich nicht mit dem Gedanken anfreunden, dass das wirtschaftliche Interesse so weit über dem Wohl der Mitarbeitenden und Patienten liegt“, erklärt der 27-Jährige heute. Mittlerweile ist er in der Jugendhilfe tätig, wo er Menschen, die es auf dem ersten Bildungsweg schwer hatten, bei der Ausbildung unterstützt. Gleichzeitig startete er mit der Spielentwicklung. „Ich möchte nicht „nur“ am Menschen arbeiten. Ich möchte strukturelle Dinge verändern und dafür ist das Studium extrem wichtig!“  Denn hier erhalte er Einblicke hinter die Kulissen: „Wir lernen, Wirtschaftsinteressen zu verstehen, beschäftigen uns auch mit Finanzierungen“, was er als Pädagoge bereits sehr gut für den ganzen Prozess des Spiels nutzen konnte. „Außerdem sprechen wir in den Vorlesungen über verschiedenste Zustände in der Gesundheitsbranche und wie sie sein sollten, in der Realität aber noch nicht umgesetzt werden. Der Studiengang und die Inhalte sind einfach super spannend und für uns alle relevant!“ 

„Problemthemen lassen sich kaum verkaufen!“

Doch wer mit einem solchen „schweren Thema“ ein Spiel auf den Markt bringen möchte, hat es nicht leicht. Diese Erfahrung musste auch der gelernte Erzieher machen, erhielt unzählige Absagen von Verlagen, die sich nicht trauten, ein Problemthema auf den Markt zu bringen. „Also hab ich all das, was sonst Verlage übernehmen, selbst in die Hand genommen!“ 

FOM Student Simon Büngener entwickelte das erste Pflege-Spiel Deutschlands (Fotos: Privat)

Er zog das Spiel unterhaltsam auf, entwarf einen Style im „Comic-Look“, engagierte eine Designerin, beauftragte Firmen, bestellte Spielkartons und entwickelte einen eigenen  Prototyp. „Die Mühe hat sich gelohnt: Der Adellos Verlag hat das Problem des Pflegenotstandes verstanden und möchte mit mir zusammen den Weg gehen, kreative Lösungen gegen den Pflegenotstand zu finden, anstatt einfach nur zu zuschauen“, so der Student stolz. Till Engel, der Chef des Verlags: „Das Thema ist brandaktuell. Der Ansatz, den Pflegenotstand und die Herausforderungen des Alltags einer Pflegekraft spielerisch an viele Menschen bringen zu wollen, ist clever und absolut unterstützenswert.“ 

Herzensangelegenheit: Etwas mit dem Spiel bewegen

„Pflegekräfte sollen merken, in welcher Position sie sind, welche Handlungsmacht sie haben. Die Gesellschaft – alle wissen, dass es wichtig ist, etwas zu verändern – also müssen wir dranbleiben“, erklärt der FOM Student. Dass das Thema so eine Herzensangelegenheit ist, liegt wohl auch daran, dass Simon seit seinem 19. Lebensjahr pflegender Angehöriger seines Vaters ist, der querschnittsgelähmt ist. „Auch er ist begeistert von diesem Spiel“, freut sich der gelernte Erzieher. „Mein Vater ist selbst regelmäßig im Krankenhaus. Wenn es nicht genug Pflegekräfte gibt, die sich um ihre Patienten kümmern, leiden letzten Endes die Patienten darunter. Und deshalb wagt der Kölner Student diesen Versuch, die breite Öffentlichkeit weiterhin zu sensibilisieren. Sein Spiel wurde bereits auf dem digitalen Innovationsforum vorgestellt, „und bisher kann man auf der „Startnext“-Webseite dem Spiel „folgen“ und erhält eine Nachricht, sobald es verfügbar ist“, freut sich der Spielentwickler. Nach der Startnext - Kampagne, ist es dann wie andere Brettspiele auch, bei Amazon, dem Adellos Shop und in verschiedenen Läden erhältlich. Zukünftig möchte Simon Büngener auch noch den Master in „Public Health“ an der FOM in Köln anschließen. „Ich möchte mein Wissen weiter vertiefen, mich mit dem demographischen Wandel beschäftigen, aber auch den Managementanteilen.“ Darüber hinaus schreibt der Student gerade ein Buch über junge pflegende Angehörige und hat weitere Spielentwicklungen geplant…

Mit diesem Spiel möchte der FOM Student auch fachfremde Menschen für den Pflegenotstand sensibilisieren und gleichzeitig die „Schwere“ aus der Thematik nehmen (Foto: Privat)