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  • 2021
  • Mai
  • Barrierefreies Studium an der FOM Hochschule - Dolmetscher & Lippenlesen: Der Alltag einer gehörlosen Studentin

Barrierefreies Studium an der FOM Hochschule

Dolmetscher & Lippenlesen: Der Alltag einer gehörlosen Studentin

Auf den ersten Blick lebt Anna Glazewski ein ganz normales Leben: Sie studiert berufsbegleitend „Betriebswirtschaft & Wirtschaftspsychologie“ an der FOM in Duisburg, absolvierte eine Ausbildung, liest gerne Bücher, liebt die Gartenarbeit und ist seit fast sechs Monaten verheiratet. Und: Sie ist seit ihrem 4. Lebensjahr „hochgradig schwerhörig“. Welche Herausforderungen der 30-Jährigen im Alltag begegnen – auch seit der Corona-Pandemie und der Maskenpflicht – und was sich Anna als tauber Mensch für die Zukunft vom System wünscht, erzählt sie uns im Interview.

18.05.2021 | Duisburg

Anna, ich habe mich tatsächlich noch nie mit jemandem unterhalten, der oder die taub ist – ich weiß gar nicht warum… Es gibt doch so viele Möglichkeiten. Wie verständigst du dich denn?

Die einfachste Verständigung für mich ist streng genommen die Lautsprachbegleitende Gebärdensprache (LBG). Die Menschen in meinem Umfeld sind vorwiegend hörend und mein Mann, den ich seit der Schulzeit kenne, ist leichtgradig schwerhörig, ist aber weder eingeschränkt noch braucht er Hilfsmittel. Er kann durch die Schule ebenfalls die Gebärdensprache und wir verständigen uns meistens über LBG, ansonsten ist es tatsächlich die Lautsprache, über die ich mich vorwiegend verständige.

Wie fühlt es sich denn an, nichts oder schlecht zu hören? Kannst du das beschreiben?

Das werde ich tatsächlich sehr oft gefragt. Es ist recht schwer zu erklären, deshalb habe ich mir vor einiger Zeit ein Beispiel ausgedacht: Man muss sich vorstellen, dass man jemanden hört, der eine andere Sprache spricht, die man selbst nicht beherrscht. Man hört dann zwar, dass diese Person redet, versteht aber den Inhalt nicht. So ähnlich ist das auch bei mir, wenn ich das Mundbild nicht sehe oder schlecht ablesen kann. Deshalb bin ich auch auf Hilfsmittel, wie Hörgeräte, Lichtsignalanlage, Untertitel bei Filmen, Lyrics bei Musik sowie in bestimmten Fällen eben Dolmetscher angewiesen. Bezüglich des Telefonierens nutze ich sowohl privat als auch beruflich einen Telekommunikationsdienst für Hörgeschädigte, der auch nicht mehr wegzudenken ist. Zudem werden bei meinem Arbeitgeber beispielsweise auch ein paar Tage, nachdem im Intranet ein Video veröffentlicht wurde, Untertitel eingebaut. Das finde ich super.

Zum Glück ist die Technik da schon so weit… Wusstest du denn schon immer, dass du irgendwann studieren möchtest? Oder hattest du Zweifel, dass es nicht möglich sein könnte?

Ja, es war eigentlich immer mein Ziel, nach dem Abitur zu studieren. Dass ein Studium überhaupt nicht möglich sein würde, habe ich zu keiner Zeit gedacht – mir war allerdings bewusst, dass es ein steiniger Weg werden könnte.

Das kann ich mir vorstellen… Erzähl doch mal von deinem bisherigen Werdegang - welche Schule hast du besucht?

Ich bin in eine Förderschule für Hörgeschädigte gegangen und habe dort meine Mittlere Reife mit Qualifikation erlangt. Danach besuchte ich ein Berufskolleg für Hörgeschädigte und habe meine Allgemeine Hochschulreife absolviert. Nach dem Abi studierte ich drei Semester an der TU in Dortmund auf Lehramt. Dabei hatte ich allerdings feststellen müssen, dass mir ein strukturierter Tagesablauf fehlt, zudem hatte ich lange Zeit keine Dolmetscher, da der Antrag damals abgelehnt wurde und der Prozess sich in die Länge zog. Das hat mir auch etwas die Motivation genommen, da ich das Gefühl hatte, dass ich nicht mehr mithalten konnte, weil ich ohne Dolmetscher vieles nicht mitbekam und der Hörsaal meistens sehr überfüllt war. Damals habe ich mich auch noch nicht getraut, andere Kommilitonen um Unterstützung zu bitten und ich wollte nicht von ihnen abhängig werden. Deswegen entschloss ich mich dazu, das Studium abzubrechen und eine Ausbildung zur Industriekauffrau zu beginnen.

Okay und wo hast du die Ausbildung absolviert? Hast du schnell einen Platz gefunden?

Meine Ausbildung habe ich im Rahmen der Maßnahme „100 zusätzliche Ausbildungsplätze für Jugendliche und junge Erwachsene mit Behinderung in NRW“ absolviert. Der Grund hierfür war, dass ich, trotz zahlreicher Bewerbungen, keine Zusage für einen „normalen“ Ausbildungsplatz bekommen hatte. Nach der Ausbildung 2016 wurde ich erfreulicherweise vom Kooperationsbetrieb übernommen und war dort noch weitere drei Jahre in verschiedenen Abteilungen – Personal, Recht und Controlling – tätig, wechselte auf eigenen Wunsch hin noch zweimal den Arbeitgeber. Nun bin ich seit Februar letzten Jahres bei einer Netzgesellschaft in der Abteilung Objekt- & Baumanagement tätig. Im Gegensatz zu den „normalen“ Auszubildenden erhält man während dieser Maßnahme allerdings kein pro Ausbildungsjahr steigendes Ausbildungsgeld, es bleibt die ganze Zeit gleich. Im Vergleich fällt dieser Betrag meistens sehr niedrig aus. Hier muss man dann abwägen, was einem wichtiger ist…

Verstehe. Klingt auf den ersten Blick nicht gerade fair… Und woher kam dann der Wunsch, doch nochmal ein Studium zu beginnen?

Ja das stimmt, allerdings bin ich froh, dass es diese Möglichkeit überhaupt gibt. Ich war schon immer sehr wissbegierig und das Lernen macht mir Spaß! Außerdem war es mir wichtig, nicht auf der Stelle stehenzubleiben. Nach der Ausbildung merkte ich sehr schnell, dass mir etwas fehlte und ich mich gerne nebenberuflich weiterbilden wollte. Daraufhin erwarb ich zunächst den Ausbildereignungsschein und absolvierte anschließend eine Weiterbildung zur Wirtschaftsfachwirtin (IHK). Ich wollte erstmal schauen, ob das überhaupt etwas für mich ist, sich nebenberuflich weiterzubilden. Da mir die BCW Weiterbildung hinsichtlich der Schriftdolmetscher als einziger Anbieter eine positive Rückmeldung gab, absolvierte ich sie dort. So bin ich dann auch auf die FOM Hochschule aufmerksam geworden, die ja zur BCW-Gruppe gehört.

Und was sagst du heute? Ist ein barrierefreies Studium an der FOM gut möglich?

Definitiv. Während des gesamten Studiums habe ich mich zu keiner Zeit benachteiligt gefühlt. Es besteht eine große Bereitschaft, gemeinsam nach einer Lösung zu suchen – und die haben wir gefunden.

Klär uns doch mal auf. Wie läuft das denn überhaupt ab in den Vorlesungen?

Ich habe Dolmetscher, die mich während des Studiums begleiten. Sie sind immer zu zweit im Einsatz, da sie sich im 15-minütigen-Takt abwechseln müssen. Die Schriftdolmetscher benötige ich aus einem einfachen Grund, nämlich, weil ich mich nicht stundenlang am Stück nur auf das Mundbild konzentrieren kann, schon gar nicht nach einem langen Arbeitstag. Auch ist es mir dann nicht möglich, mir nebenbei Notizen zu machen oder mal kurz abzuschweifen. Geschweige denn auch noch darauf zu achten, wenn jemand hinter mir spricht. Dann muss ich diese Person erst einmal suchen und bis ich diese gefunden habe, ist der Satz meist schon zu Ende gesprochen. Hinzu kommt noch, dass es eher Glückssache ist, ob ich jemandem gut vom Mund ablesen kann, hat die Person z.B. einen Bart, der die Lippen verdeckt oder einen starken Akzent, ist es mir kaum möglich. Aber selbst bei einem „guten“ Lippenlesen kann ich nie alle Wörter zu 100 Prozent ablesen und muss mir den Zusammenhang aus den Wörtern, die ich ablesen konnte und dem aktuellen Thema bzw. der Situation meistens zusammenreimen.

Und was haben deine Kommilitonen dazu gesagt, als sie erfuhren, dass du taub bist? Haben sie dich mit Fragen gelöchert? Sind sie neugierig oder eher vorsichtig zurückhaltend?

Es gab den einen oder anderen Kommilitonen, der sich sehr dafür interessiert hat und Näheres darüber erfahren wollte. Das fand ich auch völlig in Ordnung. Anfangs war es tatsächlich manchmal so, dass die Dolmetscher, trotz vorheriger Information, für Studenten gehalten wurden, das haben wir aber natürlich mit Humor genommen. Wie eine Außenseiterin habe ich mich nie gefühlt, alle haben mich weitestgehend normal behandelt und wir haben uns alle, wie es so üblich ist, gegenseitig unterstützt. Und, ja, es gibt tatsächlich den einen oder anderen mit dem ich auch bis heute noch privat in Kontakt stehe, das finde ich schön.

FOM Studentin Anna Glazewski ist seit ihrem 4. Lebensjahr hochgradig schwerhörig (Foto: i.A. der RWW Rheinisch-Westfälische Wasserwerksgesellschaft mbH)

Was ist denn das Thema deiner Bachelor-Arbeit?

Passend zu meiner Situation lautet der Titel meiner Arbeit: „Umgang mit sozialer Inklusion und Diversität in Unternehmen – eine empirische Untersuchung über die Auswirkung auf das Commitment und die Arbeitszufriedenheit“.

Das klingt sehr spannend! Welche gesellschaftlichen bzw. politischen Veränderungen würdest du dir denn für taube Menschen wünschen? Was könnte dir den Alltag noch leichter machen? Oder würdest du sagen, es läuft schon alles optimal?

Es ist noch lange nicht alles optimal. Meiner Meinung nach muss noch einiges getan werden und ich denke, dass dies so ziemlich auf alle Formen von Einschränkungen zutrifft. Daher hoffe ich, dass ich mit meiner Bachelorarbeit zu weiteren Forschungen anregen kann. In erster Linie ist es meiner Meinung nach wichtig, dass im Arbeitsleben die Informationen zum Thema gezielter fließen. Es mag sein, dass bereits mehr oder weniger viele Informationen vorliegen, allerdings denke ich, dass viele Unternehmen nicht wissen, wo und nach was gesucht werden sollte oder eben aufgrund der fehlenden Erfahrung eine negative Einstellung zur Thematik haben. Deshalb ist es auch wichtig, dass z.B. ein regelmäßiger Austausch mit denjenigen, die bereits Erfahrung gemacht haben, stattfindet. Natürlich muss hierzu auch die Bereitschaft vorhanden sein, deshalb sollte man sich die Frage stellen, wie diese Bereitschaft erreicht werden kann, beispielsweise durch gezieltere politische Maßnahmen. Dieser Austausch ist denke ich auch wichtig, damit die Arbeitgeber offener gegenüber Menschen mit Schwerbehinderung werden und wissen, an welche Adressaten sie sich wenden können und wie sie mit der Situation umgehen können, denn ich denke, dass die Thematik auch in Zukunft bezüglich dem Fachkräftemangel immer mehr in den Vordergrund rücken wird.

Welchen Tipp würdest du anderen Menschen mit Einschränkungen geben? Generell für das Leben, aber natürlich auch für ein Studium.

Was mir persönlich sehr am Herzen liegt ist, dass sich Menschen mit Einschränkungen mehr zutrauen sollten. Denn es gibt immer andere Menschen, die der Meinung sind, dass man etwas nicht schafft, es nicht möglich ist oder keinen Sinn macht, weil man als Schwerbehinderter ja eh keine besondere Chancen hat. Das alles war auch bei mir der Fall. Davon darf und sollte man sich auf keinen Fall herunterziehen lassen. Heute kann ich aber sagen, dass alles möglich ist, wenn man ein Ziel vor Augen hat, bemüht ist dies zu erreichen und vor allen Dingen Menschen um Unterstützung bittet oder sich erkundigt, welche Möglichkeiten es gibt. Ich weiß, dass es manchmal eine Hürde ist, die man erst einmal überwinden muss, aber das legt sich erfahrungsgemäß mit der Zeit und man wird viel offener und Selbstbewusster.

Eine letzte Frage habe ich noch: Die Umstellungen durch die Pandemie haben dich ja vermutlich nochmal mehr beeinflusst als viele andere, oder? Inwiefern bedeuten die aktuellen Veränderungen Schwierigkeiten oder vielleicht auch Vorteile für dich? Durch die Masken fällt das Lippenlesen ja weg? Und die virtuellen Präsenzvorlesungen – wie läuft das alles für dich?

Ich erinnere mich noch genau, wie alles anfing. Das war im März letzten Jahres, als ich an einem Freitagvormittag von einem Workshop nach Hause kam und eine Nachricht von der FOM erhielt, dass vorerst keine Präsenzvorlesungen im Hörsaal mehr stattfinden können. Zu dem Zeitpunkt hatte ich schon die Befürchtung, dass wahrscheinlich auf Online umgestellt werden würde. Mir gingen zu dem Zeitpunkt gefühlte 1.000 Fragen durch den Kopf, eine davon war : Wie kann ich denn dann den Vorlesungen noch folgen? Die Schriftdolmetscher waren ja auch eigentlich nur auf das Dolmetschen in Präsenz eingestellt. Wir haben allerdings relativ schnell und mit einigen Probeläufen eine Lösung gefunden und alle Dozenten als auch Kommilitonen haben mitgemacht. Dafür bin ich sehr dankbar. Die virtuellen Vorlesungen waren, wie aber wahrscheinlich für alle anderen auch, anfangs zwar sehr gewöhnungsbedürftig und manchmal sehr anstrengend, allerdings fand ich das in vielen Punkten eher vorteilhaft, weil man sich z.B. die Anfahrt sparen konnte und von jedem beliebigen Ort aus teilnehmen konnte. Für die Zukunft fände ich es sogar gut, wenn es eine Mischform aus Präsenz und Online geben würde. Und zu den Masken: Die Masken stellen definitiv ein großes Kommunikationsproblem dar, allerdings nehmen die meisten Gesprächspartner – natürlich unter Einhaltung der Abstandsregel – ihre Maske ab, greifen zu Papier und Stift, tippen in den PC ein oder wir nutzen das Handy. Eigentlich hat das Ganze aber eher mehr Vorteile mit sich gebracht, nämlich, dass vieles nun mehr denn je digital abläuft, was für mich hinsichtlich der Kommunikation vieles vereinfacht hat, z.B. Online-Terminvereinbarung, Chat-Funktion im Kundenservice, schnellere Rückmeldung per Mail usw. Ich hoffe sehr, dass dies auch nach der Pandemie erhalten bleibt.

Anna, ich danke dir ganz herzlich für die vielen spannenden Einblicke in dein Leben. Weiterhin ganz viel Erfolg auf deinem Weg – halte uns gerne auf dem Laufenden, wie es für dich weitergeht!

 

Das Interview führte Jana Antkowiak.