FOM Professor Dr. Jörg Pscherer im Interview

Selbstmotivation in Studium und Beruf

Wer sich vorgenommen hat, neben dem Beruf oder der Ausbildung ein Studium zu absolvieren, braucht jede Menge Motivation. Doch Hand aufs Herz: Diese Motivation über einen längeren Zeitraum aufrecht zu erhalten, ist nicht immer leicht. Im Interview erläutert Prof. Dr. Jörg Pscherer, Verhaltenstherapeut, Business-Coach und Professor für Wirtschaftspsychologie und Gesundheitsmanagement an der FOM Hochschule in Nürnberg, woran man ein Motivations-Tief erkennt, welche Strategien zur Vermeidung fehlender Motivation helfen und welchen Wert authentisches Selbstmanagement als zukunftsrelevante Kompetenz hat.

22.02.2021 | Nürnberg

Herr Prof. Pscherer, welchen Antrieb haben Berufstätige, die sich für ein berufsbegleitendes Studium entscheiden?

Prof. Dr. Jörg Pscherer: Das hängt von verschiedenen äußeren Bedingungen und individuellen Motiven ab, aber sicherlich wollen berufsbegleitend Studierende mehr erreichen. Und dafür nehmen sie neben dem zeitlichen und finanziellen Aufwand etwas in Kauf. Sie sind in der Regel bereit sich anzustrengen, um anwendungsorientiertes Wissen zu erwerben, das sie gewinnbringend für ihre Berufstätigkeit einsetzen können. Wenn sie sich trotz ihrer Tagesanforderungen für einen wissenschaftlichen Transfer entscheiden, nehmen sie einen späteren Nutzen vorweg, ob nun eher extrinsisch oder intrinsisch motiviert. Sie haben mit der Entscheidung also bereits eine Grundlage für Leistungs- und Führungserfolg geschaffen: ihr privates Leben eine Zeitlang einzuschränken, um davon zu profitieren. Wenn sie diese Basis während des Studiums zielgerichtet und selbstverantwortlich umsetzen, dann gelingt effektive Eigenmotivation, ob nun beim Lernen oder Arbeiten.

Jedem von uns fällt es manchmal schwer, sich aufzuraffen, besonders beim Lernen. Doch worin unterscheidet sich eine Phase der Unlust von einem echten Motivations-Tief?

Prof. Dr. Jörg Pscherer: Gerade heute Morgen habe ich mir beim Aufwachen gedacht: Lieber noch etwas länger liegenbleiben. Der Gedanke an dieses Interview hat nicht nur Lust und Leidenschaft erzeugt. All die Mühe, Wissen und Formulierungen zu strukturieren, die Sorge, adäquate Antworten zu liefern. Aber dann waren da auch eine gewisse Vorfreude und Erfolgsgefühle ob des Abrufs von Expertenwissen während der Bearbeitung zu spüren. Man könnte sagen, ich habe eine – natürlich nur kleine – Unlust überwunden, und zwar weniger durch Schieben denn durch Angehen und Erleben, was geht. Wenn eine Demotivationsphase überschaubar ist in Intensität und Dauer, wirkt sie vorübergehend bremsend. In Worten des Reframing – also der Umdeutung – ausgedrückt, sogar energieholend und positiv emotionsregulierend. Man hält etwas aus, lässt sich nicht vom Weg abbringen und nutzt gegebenenfalls Alternativstrecken wie beispielsweise bei einem räumlichen Hindernis: wenn nicht drüber, dann dran vorbei. Die eigentliche Freude kommt später. Aber ich muss wissen, was ich will und ob die Anforderungen realitätsangemessen sind. Bei einem „echten“ Motivations-Tief stimmen meist Anspruch und Wirklichkeit nicht überein oder die Ressourcen sind einfach erschöpft. Geschieht dies über längere Zeit mit ungesunden Kompensationsversuchen, gerät man möglicherweise in eine „Burnout“ genannte Erschöpfungsdepression mit Gereiztheit, Insuffizienz und Rückzug. Dann geht schlimmstenfalls gar nichts mehr, und das benötigt intensivere Hilfe.  

Ist fehlende Motivation mehr der persönlichen Veranlagung geschuldet oder spielt die Umgebung bzw. das Thema dabei auch eine Rolle?

Prof. Dr. Jörg Pscherer: Beides, also die Disposition – nicht nur genetisch – und die Situation, dazu gehört auch das Thema, spielen eine Rolle. Persönlichkeitsmuster wie etwa die günstige Ausprägung von Gewissenhaftigkeit, emotionaler Stabilität und Neugierde sind neben Intelligenzkomponenten relativ stabile und früh erworbene Eigenschaften. Andererseits benötigen diese eine im wahrsten Sinne „anregende“ Umwelt und günstige Lernbedingungen, um sich entwickeln zu können. Die Resilienzforschung zeigt, dass auch bei ungünstigen äußeren Bedingungen Menschen kompensieren und Chancen nutzen können. Resiliente Widerstandskraft ist wiederum ein Persönlichkeitsmerkmal, das beeinfluss- und trainierbar ist. Fehlt jedoch jegliches Interesse am Thema, sei es aufgrund mangelnder Identifikation, schlechter Vermittlung oder einfach zu großer Schwierigkeit, dann ist eine effektive Motivations- und Selbststeuerung in Richtung „hin zu“ statt „weg von“ kaum möglich.

Was können Studierende tun, um aus einem Motivations-Tief herauszukommen?

Prof. Dr. Jörg Pscherer: Das Tief erkennen, Erfolgserlebnisse vorwegnehmen, Teilerfolge schaffen und Hindernisse beseitigen. Wichtig ist, nicht in der Tiefenfantasie zu verharren, sondern etwa zu sagen: „Ich bin nicht das Tief, ich habe gerade ein Tief. Was will mir dieses Gefühl sagen, wie kann ich es überwinden?“ Motivationspsychologen sprechen von Volition, dem Einsatz bewusster Willensstrategien der Selbstkontrolle: ablenkende Impulse – etwa die eingehende Nachricht auf dem Handy – unterdrücken, die Aufmerksamkeit auf hilfreiche Alternativen lenken und eine positive Fantasie aufbauen. Falls grundsätzliche Motivationshindernisse bestehen, sollten diese auch übergeordnet betrachtet werden, z.B. durch die Frage: „Will und kann ich das wirklich? Was ist mein Zukunftsziel, ist es den Preis wert?“. Kopf und Bauch sollten im Einklang sein, um sich mit Weitblick zu motivieren. Und nicht alles zu ernst nehmen, denn Leichtigkeit und die Fähigkeit, sich vom Problem zu distanzieren, ohne den Lösungsweg zu verlassen, ist eine wichtige Selbstmanagementkompetenz. 

Prof. Dr. Jörg Pscherer lehrt Wirtschaftspsychologie an der FOM Hochschule in Nürnberg (Foto: Tom Schulte/FOM)

Um selbst in stressigen Phasen die Lust am Studium gar nicht erst zu verlieren – welche Strategie ist sinnvoller: Misserfolge vermeiden oder Erfolge verbuchen zu wollen?

Prof. Dr. Jörg Pscherer: Wenn primär Misserfolge vermieden werden, dann entsteht ein „weniger von“, nämlich von negativen Gefühlen. Leider ist dies nur recht kurzfristig wirksam, denn Unlustvermeidung schwächt Selbstwirksamkeit und stärkt damit die Scheu vor der nächsten Herausforderung. Diese ist von der Wortbedeutung her betrachtet für einen Misserfolgsmeider auch keine Heraus- sondern eine gefühlte Überforderung. Erfolgsorientierte Personen wählen eher mittlere Schwierigkeitsgrade, die tatsächlichen Erfolg wahrscheinlicher machen; Nebenbei gesagt, sind zu leichte Aufgaben nicht wirklich leistungs- sondern Langeweile fördernd. In der Treppenanalogie gesprochen geht es darum, mit dem richtigen Pacing aufzusteigen und die Plateaus gerade in stressigen Phasen für Regeneration zu nutzen. Um sich dann wieder nach oben zu orientieren mit Blick auf die nächsten Steps der Aufgaben- und Problembewältigung.

Welchen Einfluss haben positives Denken bzw. eine optimistische Grundhaltung beim Thema Motivation?

Prof. Dr. Jörg Pscherer: Mit einer rosa Brille und „Ich denk´ mal positiv, dann ist alles super“ funktioniert es jedenfalls nicht. Eher mit einem selbstwirksamen Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und Stärken sowie einem realistischen Optimismus. Letzterer greift dann, wenn Bedingungen nicht oder nur schwer beeinflussbar sind. Zwar sage ich meinen Klienten in der Coachingpraxis gern: „Nicht alles ist möglich, aber immer ist etwas möglich“. Die pandemischen letzten Monate fordern harte Einschnitte, mahnen zur Vorsicht. Und trotzdem halten wir besser durch, wenn wir hoffen, dass es wieder gut wird; dann verstehen wir besser, was uns individuell stärkt, sozial verbindet und Sinn gibt. Und in der Zwischenzeit gilt es, uns wortwörtlich zu bewegen inklusive kreativer Alternativen. Das nennt man chancenorientiertes Denken – geduldig, wirklichkeitsnah und optimistisch zugleich. Gepaart mit Entschlossenheit und Selbstdisziplin ist das eine gute Motivationsbasis gerade auch für beruflichen Erfolg.

Kann man eine solche Einstellung trainieren?

Prof. Dr. Jörg Pscherer: Selbstmanagement im ganzheitlichen Verständnis ist eine zentrale, zukunftsrelevante Kompetenz, die fachlich-methodisches Know-how mit werteorientierter Integrität verknüpft. Ein so verstandenes authentisches Selbstmanagement ist eine Haltung, die auf aufrichtiger Selbsterkenntnis und kongruentem Verhalten der Umwelt gegenüber beruht. Diese Einstellung kann natürlich nicht verordnet oder einfach „erzeugt“ werden. Aber die Positive Psychologie bietet Tools im Rahmen von Coaching und Training, um sich zu sensibilisieren, persönlich zu entwickeln und Fertigkeiten zu üben; mittels individuell zugeschnittener, ressourcenaktivierender Konzepte des konstruktiven, nachhaltigen Denkens, Fühlens und Handelns. Als Beispiel sei die „WOOP“-Methode genannt, als systematische Strecke vom abstrakten Wunsch zur konkreten Tat. Um Ziele konsequent zu verfolgen, sollten unbewusste Widerstände mit expliziten Motiven in Einklang stehen und auch Misserfolge akzeptiert werden. Vorlieben und Vorgaben müssen sozusagen eine Passung eingehen. Wenn dann noch Anforderungen und Fähigkeiten im Einklang sind, dann kommen wir in eine dynamische Balance bis hin zum Flow-Gefühl – wenn vielleicht auch nur eine Zeitlang bis zur nächsten Durstrecke, denn Lernen ist anstrengend, der Gesamterfolg des Studiums nicht unmittelbar. Was aber zählt, ist sowieso mehr als Erfolg: eine gelingende Zukunft.

Vielen Dank für das Gespräch!

Silke Fortmann