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Ein Beruf, der von Spliss und Seelenballast befreit

Friseurin, Sozialarbeiterin & FOM Studentin: Svenja Quartier über ihren Weg von der Hauptschule ins Studium

„Erzähl das doch deinem Friseur“ – ein genervter Spruch, um eine Plaudertasche zum Schweigen zu bringen. Und tatsächlich: Während die Haare geschnitten werden oder die Frisur geföhnt wird, fangen viele Kunden an zu erzählen. Beziehungsthemen, Dating-Geschichten, Bewegendes aus dem Alltag: „Der Besuch beim Friseur gibt manchen eben die Chance, in eine tiefgehende Kommunikation einzutauchen“, weiß Svenja Quartier, Saloninhaberin aus Düsseldorf. Gleich nach der Hauptschule machte sie eine Ausbildung zur Friseurin, arbeitet mittlerweile seit 17 Jahren in diesem Beruf. Doch die 34-Jährige hat noch größere Pläne für sich. Sie absolvierte bereits verschiedenste Lehrgänge im Gesundheitsbereich, studiert sogar mittlerweile berufsbegleitend den Bachelor-Studiengang „Soziale Arbeit“ an der FOM in Düsseldorf. Svenja ist überzeugt: „Der Friseur-Job und die soziale Arbeit lassen sich wunderbar kombinieren!“

19.02.2021 | Düsseldorf

„Wer einen Hauptschulabschluss hat, aus dem wird nichts?“

Svenja Quartier besuchte nach der Grundschule die Hauptschule: „Ich hab schon immer etwas um die Ecke gedacht – und meine Noten waren nicht sonderlich gut, also bekam ich eine Empfehlung für diese Schule.“ Wirklich in Frage gestellt habe sie diese Entscheidung nie, denn schließlich besuchten auch ihre Eltern damals eine Hauptschule. Doch: „Ich hatte nie das Bild im Kopf `Wer auf diese Schule geht, aus dem wird nichts.`“ Denn die Hauptschul-Zeit sei sehr lehrreich für sie gewesen: „Gerade für den Bereich der sozialen Arbeit hat mich diese Zeit sehr geprägt“, weiß Svenja heute. Sie verstand damals schon, wie sie mit verschiedenen Charakteren umzugehen hatte und stellte sich viele Fragen: „Was macht das Rauchen mit den Leuten? Warum prügeln sich die Jungs täglich?“ Sie beobachtete viel, hatte Zeit für sich und ihre Interessen – denn das Schulische forderte sie nicht sonderlich heraus. Und tatsächlich erlernte sie in dieser Zeit auch ihre ersten unternehmerischen Fähigkeiten: „Ich führte schon in der 7. Klasse den Schulkiosk mit. Ich schmierte Brötchen, kümmerte mich um die Kassenführung, verkaufte Süßkram und Getränke.“

Nach der Hauptschule startete die damals 16-Jährige schließlich eine Ausbildung zur Friseurin. In den Jahren darauf wurde sie schnell zur stellvertretenden Salonleitung, zur Friseurtrainerin und zur Leiterin einer Hairacademie – bis sie sich vor sechs Jahren mit einem eigenen Salon selbstständig machte. „Ich wollte in Ruhe die Haare meiner Kunden schneiden, Zeit für sie haben und Gespräche führen können – wenn erwünscht.“ Doch in all der Zeit hatte Svenja immer auch Lust, neue Dinge zu probieren: Sie wurde nebenbei zur Groupfitness-Trainerin und Yoga-Lehrerin ausgebildet, machte auch eine Ausbildung zum systemischen Coach und im Bereich des Neuro-Linguistischen Programmierens (NLP). „Im Bereich der Haarkunst hatte ich mein Handwerk mittlerweile gefestigt, doch ich wollte mehr!“ Und so entschied sie sich im Jahr 2020 dazu, auch noch ein Studium zu wagen. 

Saloninhaberin Svenja Quartier studiert "Soziale Arbeit" an der FOM in Düsseldorf (Foto: Privat)

„Ich musste lernen, zu lernen!“

Denn trotz ihrer vielen Weiterbildungen hatte die gelernte Friseurin nicht genug Selbstbewusstsein, zu sagen: „Ich kann das! Ich coache jetzt beispielsweise eine Familie oder ein Paar und berate sie.“ „Mir fehlte neben den abgeschlossenen Ausbildungen im sozialen Bereich einfach der akademische Background“, so die Düsseldorfer Studentin. Doch: Sie hatte keinen blassen Schimmer, wie ein Studium ablaufen würde. „Ich kannte Studieren nur aus Filmen. Aber ich wollte es einfach ausprobieren!“ Sie schaute sich um und entschied sich für das berufsbegleitende Studium an der FOM Hochschule. „Ein Vollzeitstudium kam auch kurz in Frage – aber nur in meinem Kopf, nicht auf meinem Konto“, lacht die 34-Jährige. Ihre Kundinnen und Kunden waren zwar überrascht, als sie ihnen von dem Studium erzählte, aber sie hätten sich auch sehr für sie gefreut, schmunzelt Svenja. Und auch sie kann bereits nach nur einem Semester sagen, schon jetzt viel selbstbewusster zu sein und ihr praktisches Wissen durch die Theorie untermauert zu haben. „Einführung in die Soziale Arbeit, in die Sozialpolitik, in das Kompetenz- & Sozialmanagement. All diese Bereiche erweitern meinen Horizont und die Sicht auf verschiedenste Dinge.“

Soziale Arbeit und Haareschneiden verbinden

Mittlerweile hat Svenja auch schon erste Klienten. Aber auch während sie ihren Kundinnen und Kunden das Selbstbewusstsein auffrisiert, schlüpft sie oft in die Rolle der Beraterin. „Das hat mich auf die Idee gebracht, die beiden Jobs zu verbinden.“ Und sie hat bereits einige grobe Konzepte im Kopf: Sei es ein Salon, in dem Jugendliche arbeiten, die ins Arbeitsleben starten wollen oder ein Konzept zur Inklusion und Integration. Eine weitere Idee: Ein Friseursalon für und mit Taubstummen: „Ich habe ohnehin schon lange Interesse daran, die Gebärdensprache zu lernen. Das ließe sich sicherlich auch gut verbinden – es gibt so viele Möglichkeiten!“ Fakt ist: Die angehende Sozialarbeiterin möchte tiefer gehen. „Ich möchte in den nächsten Jahren meines Berufslebens nicht nur das Äußere positiv beeinflussen, sondern auch das Innere!“ Und um ihr Wissen zu erweitern und die vielen Aspekte dieses Berufsbildes abzudecken und zu einer kompetenten Beraterin und Unterstützerin zu werden, hat sie nun noch fünf Semester im Tagesstudium an der FOM vor sich. „Ich sehe das Studium als einen Türöffner, denn ich werde mehr Möglichkeiten haben und mehr Akzeptanz erhalten. Außerdem liebe ich es mittlerweile, zu lernen.“

Die 34-Jährige arbeitet bereits seit 17 Jahren im Friseurberuf - bildet sich nun in eine andere Richtung weiter (Foto: Nimer & Jenny Visual Storytelling)

Während Corona Lerntechniken erforscht

Pandemiebedingt hatte Svenja bislang nur zwei Monate Vorlesungen vor Ort am Düsseldorfer Hochschulzentrum an der Toulouser Allee, „aber online klappt es auch sehr gut.“ Dennoch freut sie sich schon sehr, bald wieder gemeinsam mit ihren Mitstudierenden im Hörsaal zu sitzen. „Ich hab sogar schon eine Kommilitonin, mit der ich eine Fahrgemeinschaft gebildet habe.“ Aber auch der Kontakt über WhatsApp laufe super – sowohl zu den Kommilitonen als auch zu den Dozierenden. Und ihre Noten können sich sehen lassen: „Bis jetzt habe ich für mich überraschend gute Noten geschrieben. Es tut gut, mich selbst in einem neuen Licht zu sehen.“ Ihre freie Zeit habe sie in den letzten Wochen und Monaten dazu genutzt, Lerntechniken auszuprobieren. Und so plakatiert sie Wände, klebt Post-Its auf Alltagsgegenstände und folgt der sogenannten „Loci-Methode“. „Ich habe in meinem Leben vorher noch nie gelernt – wenn, dann mal Sachen überflogen, aber tatsächliches Lernen musste ich erstmal erlernen!“

Svenja Quartier ist überzeugt: „Jeder Weg ist gut, so wie er ist. Jede Station hat mich persönlich und beruflich weitergebracht und ich bin gespannt, wohin mich mein Hochschulabschluss noch bringen wird!“ 

Jana Antkowiak

Die ehemalige Hauptschülerin musste erstmal "lernen, zu lernen" (Foto: Privat)