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  • Eine Woche Corona-Warn-App - FOM Prof. Dr. Peter Preuss zieht Bilanz
23.06.2020 | Stuttgart

Herr Professor Preuss, was erhofft man sich generell vom Einsatz der neuen Corona-Warn-App?

Preuss: „Die App schlägt nicht Alarm, wenn ich mich in der Nähe einer Person aufhalte, die sich mit dem Virus infiziert hat. Sie schützt also nicht vor einer Ansteckung. Mit dem Einsatz der App möchte man im Nachhinein Infektionsketten besser und vor allem schneller nachverfolgen, als das bisher der Fall ist. Ob diese Kontaktnachverfolgung in der Praxis aber wirklich funktioniert, werden erst die kommenden Monate zeigen.“

Wie genau funktioniert die Kontaktnachverfolgung mit der neuen App?

„Die Corona-Warn-App nutzt die Bluetooth-Low-Energy-Technologie von Smartphones, um die Distanz zwischen zwei Mobilfunkgeräten zu messen. Das funktioniert folgendermaßen: Geräte, auf denen die App installiert ist, senden kontinuierlich eine zufällige Benutzer-ID. Alle fünf Minuten empfangen die Smartphones für wenige Sekunden die IDs ihrer Nachbarn, die weniger als zwei Meter von ihnen entfernt sind. Empfängt eine App die gleiche ID bei drei aufeinanderfolgenden Messungen, wird diese Benutzer-ID in einer Kontaktliste gespeichert. Wenn eine Person positiv auf Covid-19 getestet wurde, kann sie in der App ihr positives Testergebnis freigeben und die eigenen IDs der letzten 14 Tage an einen zentralen Server senden. Alle Corona-Warn-Apps holen sich in regelmäßigen Zeitabständen diese Infizierten-Listen vom Server und gleichen sie dezentral mit der eigenen Kontaktliste der letzten 14 Tage ab. Mithilfe dieser Informationen wird dann in der App errechnet, wie hoch das persönliche Infektionsrisiko des Handy-Besitzers ist.“

Und wie wird dieses Infektionsrisiko berechnet?

„Der Risikowert wird von der App anhand von vier Faktoren ermittelt. Wie lange ist das Treffen mit einer infizierten Person her? Wie nah ist man der erkrankten Person gekommen? Wie lange hat dieses Treffen gedauert? Wie hoch ist das Übertragungsrisiko nach aktuellem Wissensstand? Der vierte Faktor wird zentral vom RKI vorgegeben und immer wieder an den aktuellen epidemiologischen Erkenntnisstand angepasst. Der persönliche Risikowert ergibt sich aus der Multiplikation dieser vier Werte. Überschreitet der Risikowert einen vom RKI vorgegebenen Grenzwert, ändert sich der Risikostatus von niedrig zu hoch und der Bildschirm in der App wird rot hinterlegt. Man erhält dann eine Handlungsempfehlung, die abhängig vom berechneten Infektionsrisiko ist.“

Auf welchen Smartphones funktioniert die App?

„Die Corona-Warn-App wurde zwar von der Deutschen Telekom und der SAP im Auftrag der Bundesregierung entwickelt, den entscheidenden technischen Beitrag haben aber die beiden IT-Größen Google und Apple geliefert. Sie stellten das Bluetooth-basierte Contract-Tracing zur Verfügung. Die Corona-Warn-App ist eigentlich nur die Benutzerschnittstelle für diese Funktionalität. Für iPhones wurde das Bluetooth-basierte Contract-Tracing Ende Mai mit der iOS-Version 13.5 ausgeliefert. Das seit 2015 erhältliche iPhone 6s ist das älteste Apple-Smartphone, auf dem diese Betriebssystem-Version lauffähig ist.

Google bietet das Bluetooth-basierte Contract-Tracing für Android-Geräte als Google-Play-Dienst an. Für diesen Dienst ist mindestens die Android-Version 6.0 Marshmallow von 2015 notwendig. Das Smartphone muss natürlich auch über die notwendige Hardware verfügen, also Bluetooth Low Energy anbieten. Das ist aber bei allen Smartphones, die in den letzten Jahren auf den Markt kamen, der Fall. Auf aktuellen HUAWAI-Geräten, wie dem P40 Pro, kann die App allerdings noch nicht installiert werden, da mit diesen Smartphones nicht mehr auf den Google-Play-Store zugegriffen werden kann. Für diese Geräte soll die Corona-Warn-App aber in Kürze in der HUAWAI AppGallery angeboten werden.“

FOM Professor Peter Preuss Wirtschaftsinformatik
Prof. Dr. Peter Preuss lehrt Wirtschaftsinformatik an der FOM in Stuttgart (Foto: FOM)

Wie sehr wird das Datenvolumen von der App beansprucht?

„Für den ID-Austausch über Bluetooth Low Energy wird das Mobilfunknetz nicht benötigt. Das Contact-Tracing funktioniert sogar, wenn die Smartphones gar keinen Netzempfang haben. Die Mobilfunkverbindung wird hauptsächlich für den Austausch der ID-Listen mit dem zentralen Server verwendet. Im Vergleich zu anderen Apps ist das hierbei anfallende Datenvolumen aber verschwindend gering. Bei der Vorstellung der neuen App hat Telekom-CEO Tim Höttges auch verkündet, dass alle deutschen Mobilfunkanbieter für die App ein Zero-Rating zugesichert haben. Das bedeutet, dass der Datenverkehr der Corona-Warn-App nicht auf das mobile Datenvolumen der Nutzer angerechnet wird.“

Wie sieht es eigentlich in den anderen europäischen Ländern aus? Gibt es dort auch Corona-Apps?

„In zehn europäischen Ländern ist bereits eine Corona-Tracing-App im Einsatz und in neun weiteren wird sie momentan entwickelt. Außer in der Türkei ist die Installation der App dabei freiwillig. In den meisten Fällen wird auch Bluetooth zur Abstandsmessung eingesetzt. Die deutsche Corona-Warn-App ist aber die erste Lösung, bei der die neue Schnittstelle von Google und Apple verwendet wird. Apps, die Bluetooth-basiert arbeiten, werden momentan so angepasst, dass sie diese neue Schnittstelle ebenfalls nutzen können. Lediglich in der Slowakei, in Island und in der Ukraine werden unpräzise GPS-Standortdaten für die Kontaktnachverfolgung verwendet. Eine zentrale Datenspeicherung wird in Frankreich, in Bulgarien, in Norwegen und in der Ukraine gemacht, in den restlichen Ländern wird ein dezentraler Ansatz wie in Deutschland präferiert. Die Download-Rate der französischen Zentrallösung ist aber viel niedriger als in Deutschland und in Norwegen werden aus datenschutzrechtlichen Gründen aktuell gar keine Daten mehr gesammelt. In England wurde ein zentraler Ansatz präferiert, dort schwenkt man aber gerade auf eine Lösung um, die wie in Deutschland das dezentrale Contract-Tracing von Apple und Google verwendet.“

Wie ist Ihre persönliche Einschätzung? Ist die Corona-Warn-App technisch dazu in der Lage, die Ausbreitung des Corona-Virus einzudämmen?

„Wir erleben momentan einen Betatest der App, der aus Zeitgründen mit der gesamten deutschen Bevölkerung durchgeführt wird. Es muss meines Erachtens also erst noch bewiesen werden, dass insbesondere die von Google und Apple programmierte Abstandsmessung via Bluetooth Low Energy hinreichend gut funktioniert. Diese Funktechnik wurde ursprünglich ja nicht entwickelt, um Entfernungen zu messen. Ältere Smartphones senden beispielsweise unterschiedlich starke Bluetooth-Signale, und das muss bei der Abstandsmessung entsprechend berücksichtigt werden. Laut Dr. Jürgen Müller, dem CTO der SAP, ist die Risikoeinschätzung der Corona-Warn-App in 80 Prozent der Fälle korrekt. Das ist ein Wert, der noch akzeptabel wäre. Wenn sich die Trefferquote allerdings als schlechter erweist, bekommt man beispielsweise zu häufig eine falsche Infektionswarnung, wird das Vertrauen in die App massiv sinken und die Nutzer werden den Warnmeldungen keinen Glauben mehr schenken.“