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  • Prof. Dr. Sonja Klose: „Ohne soziale Netzwerke wäre unser Alltag in der Corona-Krise nur halb so sozial“

3 Fragen an Marketing-Professorin Dr. Sonja Klose

„Ohne soziale Netzwerke wäre unser Alltag in der Corona-Krise nur halb so sozial“

Während die Welt offline gegen einen großen Gegner kämpft, offenbart sich online, dass Facebook, Twitter, Instagram & Co. in Zeiten von sozialer Abstinenz nicht mehr wegzudenken sind. Statt Hass und Hetze zeigt sich auf einmal die gute Seite der sozialen Netzwerke: Künstler streamen Konzerte, Pastoren halten Kontakt zu ihren Gemeinden, Nutzer rufen zu Spenden für den Laden um die Ecke auf und solidarische Bekundungen für Pflegepersonal gehen viral. Prof. Dr. Sonja Klose lehrt Marketing an der privaten FOM Hochschule in Berlin und sagt: „Soziale Netzwerke haben in Corona-Zeiten dieselben Vorteile, Risiken und Nebenwirkungen wie sonst auch – allerdings fehlt im Moment der Ausgleich durch die analogen sozialen Netzwerke.“ Wir haben sie gefragt, wie soziale Netzwerke durch Krisen helfen können.

06.04.2020 | Berlin

Welche Möglichkeiten bieten soziale Netzwerke in Krisen?

Prof. Dr. Sonja Klose: Soziale Netzwerke wie Facebook, Instagram oder YouTube haben schon immer eine Möglichkeit des Kontaktaufbaus und der Kontaktpflege geboten. Bisher war das ein „add-on“ zu realen Kontakten. Jetzt ändert sich aber die Bedeutung: Soziale Netzwerke ersetzen den physischen Kontakt komplett. Eine weitere Möglichkeit: Vor allem bei Facebook formieren sich Gruppen, die ganz konkret die Hilfe untereinander organisieren. Facebook-User werden zu Einkaufshelfern für Menschen aus Risikogruppen und Berliner Unternehmen bieten Gutscheine der momentan geschlossenen Kiezläden. Eine andere Unterstützung aus sozialen Netzwerken ist die Welle der Solidarität, die aktuell die Pflegebranche trifft und durch die virale Verbreitung immer mehr an Fahrt gewinnt.

Über die sozialen Netzwerke besteht natürlich auch die Möglichkeit, dass Informationen an alle verbreitet werden – allerdings sind nicht alle Absender seriös, nicht alle Informationen entsprechen der Wahrheit. Jeder Mensch hat aber über soziale Netzwerke zumindest die Chance, das eigene Informationsbedürfnis zu befriedigen. Für viele bedeutet es ein Stück gefühlte Sicherheit. Und die Infos sind schnell: Über die sozialen Medien ist die neueste Einschätzung vom Virologen Prof. Drosten bereits in allen Haushalten verfügbar, wenn er die Aufnahme beendet hat. Musste man in den Zeiten vor Facebook & Co. auf die abendlichen Nachrichten warten, so hat sich das Tempo rasant gesteigert.

Unternehmen haben in den sozialen Netzwerken auch viele Möglichkeiten, zum Beispiel sich als verlässliche Partner darzustellen – oder als das Gegenteil. Trigema näht Schutzmasken, Jägermeister produziert Desinfektionsmittel, Bosch entwickelt einen Schnelltest. Die Marken adidas, Deichmann und H&M stellen vorläufig öffentlichkeitswirksam die Mietzahlungen für ihre Immobilien ein.

Warum sind die Hashtags #FlattenTheCurve, #NachbarschaftsChallenge und #stayhome so erfolgreich?

Hashtags sind dann erfolgreich, wenn sie den sog. „Tipping Point“ erreichen, also von einer ausreichend großen Anzahl relevanter Persönlichkeiten und deren Followern geteilt werden.

Prof. Dr. Sonja Klose
Prof. Dr. Sonja Klose lehrt Marketing an der FOM in Berlin

Irgendwann schaffen sie es auch in die klassischen Medien, wie es bei zum Beispiel bei #metoo der Fall war. Spätestens dann greift der Herdentrieb, und selbst Menschen, die anfangs noch nicht überzeugt waren, dass es richtig ist, zuhause zu bleiben, ändern nun ihre Meinung. Die Hashtags #FlattenTheCurve, #NachbarschaftsChallenge und #stayhome betreffen alle Menschen, der wahrscheinlich simpelste Grund, warum sie so erfolgreich sind.

Soziale Medien wirken momentan sozialer. Oder waren sie das schon immer - und wir haben sie in der Vorkrisenzeit einfach unterschätzt?

Wenn man sozial gleichsetzt mit hilfsbereit oder gemeinnützig, dann ist es nicht das Medium, was sozial ist, sondern die Nutzer. Und viele Nutzer in den sozialen Netzwerken sind, meinen Beobachtungen nach, tatsächlich menschlicher und sozialer geworden.