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Gesundheitspsychologische Studie zur Händedesinfektion

Prof. Dr. Eva Lermer: „Bereits mit simplen Maßnahmen können wir relevante Verhaltensänderungen erzielen“

Hände waschen! So lautet eine der wohl wichtigsten Regeln in unserem neuen Corona-Alltag. In Krankenhäusern reicht diese Maßnahme – ganz unabhängig von Covid-19 – jedoch nicht aus: Um die bereits geschwächten Patienten vor Infektionen aller Art zu schützen, ist eine zusätzliche, gründliche Händedesinfektion vonnöten. Wie man Besucherinnen und Besucher dazu motivieren kann, Desinfektionsspender im Eingangsbereich eines Krankenhauses zu nutzen, zeigt eine aktuelle Studie aus der Gesundheitspsychologie. Prof. Dr. Eva Lermer, Expertin für Wirtschaftspsychologie an der FOM in München, hat diese Studie maßgeblich betreut – und spricht im Interview über die wichtigsten Erkenntnisse.

08.05.2020 | München

Frau Professorin Lermer, um was für ein Forschungsprojekt handelt es sich genau?

Tatsächlich ist es so, dass die Händedesinfektionsraten in Krankenhäusern zu niedrig sind, vor allem bei den Besuchern. Doch wie kann man das ändern? In unserer Studie, die federführend von meiner Doktorandin Susanne Gaube M.Sc. von der Universität Regensburg durchgeführt wurde, haben wir die Prinzipien der Persuasion nach Robert B. Cialdini  einem renommierten US-amerikanischen Psychologen  in Bezug auf Verhaltensänderungen bei der Händedesinfektion untersucht. Dabei handelt es sich um grundlegende Mechanismen, durch die sich Menschen oft unwillentlich beeinflussen lassen: Gegenseitigkeit (Reziprozität), Verlässlichkeit und Widerspruchsfreiheit (Commitment und Konsistenz), Gemeinschaft, Soziale Bewährtheit, Sympathie, Autorität und Knappheit. Für jedes dieser sieben Prinzipien haben wir ein digitales Plakat mit einer Botschaft zusammengestellt. Diese wurden jeweils für eine Woche über einem Desinfektionsmittelspender im Eingangsbereich eines Krankenhauses gezeigt. Ein Sensorensystem hat in dieser Zeit unauffällig und anonym die Bewegungsdaten von über 245.000 Personen erfasst. So konnten wir feststellen, wie viele Menschen den Desinfektionsspender wirklich benutzten  oder eben nicht.

Was war auf den Plakaten zu sehen?

Die Plakate zeigten jeweils ein Foto aus dem Krankenhaus – Klinikpersonal, Patienten, Besucher – mit einer unterstützenden Textzeile. Im Rahmen von Voruntersuchungen haben wir sichergestellt, dass die meisten Menschen die Botschaften so verstehen, wie wir es vermuten würden, denn nur so konnten wir die Verhaltensänderungen korrekt interpretieren. Zur höchsten Desinfektionsrate führte das Plakat zum Autoritätsprinzip. Darauf war der Klinikdirektor zu sehen mit der Botschaft: „Als ärztlicher Direktor ist mir Händedesinfektion auch bei Besuchern ein großes Anliegen“. Gut funktioniert hat auch das Plakat, das mit dem Prinzip der sozialen Bewährtheit überzeugen sollte. Hier haben wir junge und ältere Besucher mit einem Desinfektionsmittelspender abgebildet, darunter stand die Textzeile: „Unsere Besucher der Klinik desinfizieren sich ihre Hände“.

Haben Sie mit diesem Ergebnis gerechnet? Warum funktionierten diese beiden Plakate am besten?

Unser soziales Zusammenleben wird durch Regeln und Gebote strukturiert. Wenn wir einen Ort betreten und der „Gastgeber“ oder eine Autoritätsperson eine Vorgabe macht, halten wir uns meist daran – darum war es auch zu erwarten, dass das Plakat mit dem Autoritätsprinzip zu den „Gewinnern“ zählen würde. Es war auch wenig überraschend, dass das Prinzip der sozialen Bewährtheit einen positiven Effekt auf das Händehygieneverhalten der Krankenhaus-Besucher hatte: Menschen orientieren sich oft am Verhalten anderer, gerade in Situationen, in denen das korrekte Verhalten nicht ganz klar ersichtlich ist. Dieses Phänomen wurde bereits in zahlreichen Studien aus der Sozialpsychologie belegt. Spannend bei den Ergebnissen unserer Studie ist jedoch, dass mit einer so simplen Maßnahme wie dem Zeigen eines Plakats relevante Verhaltensänderungen erzielt werden können – und somit ein konkreter, praktischer Nutzen aus psychologischen Studienerkenntnissen entsteht. 

Prof. Dr. Eva Lermer
Prof. Dr. Eva Lermer lehrt Wirtschaftspsychologie an der FOM in München. (Foto: Jan Greune)

Aktuell werden wir tagtäglich daran erinnert, wie wichtig es ist, sich gründlich die Hände zu waschen ist. Glauben Sie – aus gesundheitspsychologischer Sicht – dass sich durch die Corona-Krise unser Handhygiene-Verhalten langfristig ändert?

Wenn wir hier eine Parallele zu unserer Studie ziehen, ist es im Moment tatsächlich so, als würden wir immer wieder und an den verschiedensten Stellen mit der Botschaft „Hände waschen!“ konfrontiert. Hinzu kommt, dass Autoritäten wie die Bundes- und Landesregierung zur Einhaltung besonderer Hygienemaßnahmen aufrufen (Autoritätsprinzip) – gleichzeitig erleben wir, dass sich die meisten Menschen um uns herum an die neuen Verhaltensregeln halten (soziale Bewährtheit). Ob diese Effekte langfristig wirken, darüber lässt sich jedoch nur spekulieren – es gibt noch viele weitere Faktoren, die dabei eine Rolle spielen. Aber ganz grundsätzlich können solche Botschaften natürlich dazu beitragen, dass Verhaltensänderungen zu Routinen und damit zu einer neuen Norm werden. 

Plakat zum Autoritätsprinzip
Das Plakat zum Autoritätsprinzip führte zu den höchsten Händedesinfektionsraten. (Foto: Susanne Gaube M.Sc.)