• FOM
  • 2019
  • Oktober
  • Wandel in Deutschlands Pflegeausbildung ab 2020 - Prof. Dr. Andreas Goldschmidt im Interview

Wandel in der Pflegeausbildung

Gegen den Pflegenotstand in Deutschland

Die Pflegeausbildung in der Alten-, Kranken- und Kinderkrankenpflege wird ab dem 1. Januar 2020 mit dem Pflegeberufereformgesetz eine grundlegende Änderung erfahren. Schafft Deutschland es so, den langfristigen Bedarf an hochspezialisierter pflegerischer Versorgung der Bevölkerung zu sichern? Wir haben dazu drei Fragen an Prof. Dr. Andreas Goldschmidt, Sprecher des Hochschulbereichs Gesundheit & Soziales der FOM Hochschule, gestellt:

23.10.2019

FOM Hochschule: Was beinhaltet das neue Gesetz genau und was ändert sich in Zukunft?

Prof. Goldschmidt: Nächstes Jahr beginnt rechtsverbindlich eine neue Art der Ausbildung für Pflegeberufe, um die Pflegefachkräfte besser auf die zukünftigen Herausforderungen in der Pflegepraxis vorzubereiten. Dadurch kann den demografischen Veränderungen in der Gesellschaft wie Überalterung, Multimorbidität, Chronizität und die zunehmende Komplexität in der Versorgung begegnet werden. Diese Modernisierung soll die Attraktivität der Pflegeberufe erhöhen und insgesamt aufwerten. Pflegekräfte werden für die Pflege von Menschen aller Altersstufen und in allen Versorgungssettings befähigt. Das neue Pflegeberufegesetz gilt zunächst für sechs Jahre und im Anschluss daran wird dessen Erfolg überprüft.

Für die Alten-, Kranken- und Kinderkrankenpflege gibt es in den ersten zwei Jahren keine getrennten Ausbildungswege mehr, sie werden in einer gemeinsamen Pflegeausbildung zusammengeführt. Nach diesen zwei Jahren und einer Zwischenprüfung können die Länder dies als „Pflegeassistenz- oder -helferausbildung“ anerkennen. Im dritten Jahr endet die gemeinsame Ausbildung und verzweigt sich in drei Wahlmöglichkeiten: Es kann die generalistische Ausbildung zur „Pflegefachfrau“ oder zum „Pflegefachmann“ fortgeführt werden, oder aber eine Ausbildung in der Altenpflege oder auch eine in der Gesundheits- und Kinderkrankenpflege weitergeführt werden. Dafür wird in der Altenpflegeausbildung künftig, wie bei der Kranken- und Kinderkrankenpflege üblich, kein Schulgeld mehr verlangt und es wird eine Ausbildungsvergütung bezahlt. Ergänzend zur beruflichen Pflegeausbildung wird ein Pflegestudium eingeführt. Es dauert mindestens drei Jahre, schließt mit einem akademischen Grad ab und dient dem verbesserten Transfer pflegewissenschaftlicher Erkenntnisse in die Pflegepraxis. Auch die staatliche Prüfung für die Berufszulassung wird Bestandteil der hochschulischen Prüfung. Die Berufsbezeichnung wird in Verbindung mit dem akademischen Grad geführt.

FOM Hochschule: Was kommt Ihrer Meinung nach auf Ausbildungsbetriebe in dem Bereich zu, welche Herausforderungen und Probleme kann man jetzt schon absehen?

Prof. Goldschmidt: Auf die Ausbildungsbetriebe kommen mehrere Herausforderungen zu. Viele der Auszubildenden werden einen Bachelorabschluss anstreben, weshalb es sich anbietet, dass sich die Pflegeschulen frühzeitig eine starke Partner-Hochschule möglichst aus der Region suchen und feste Kooperationen vereinbaren, die eine nahtlose Verzahnung von Ausbildung und Studium gewährleistet. Idealerweise in Form eines dualen Studiums, also mit gleichzeitiger Pflegeausbildung, oder mit einem konsekutiven Studium nach erfolgreicher Pflegeausbildung.

Das unmittelbare Hauptproblem besteht aber in den Übergangszeiten, also wenn einerseits noch Auszubildende nach dem alten als auch jene nach dem neuen Regelwerk gleichzeitig ausgebildet werden müssen. Gegenüber den bisherigen Auszubildenden besteht eine Verpflichtung seitens der Schulen, sie innerhalb angemessener Fristen bis zum erfolgreichen Abschluss zu führen, in denen man also auch noch eine längere Zeit Wiederholungen von Fächern und weiterhin ein dreigliedriges Ausbildungssystem zulassen muss. Die neue Pflegeausbildung muss also parallel gewährleistet werden, was die Pflegeschulen in den meisten Fällen vor Kapazitätsprobleme und erhebliche organisatorische und finanzielle Herausforderungen stellen wird. Vermutlich wird man daher einige der bisherigen Auszubildenden wohl zu überzeugen versuchen, ihre Ausbildung nach dem neuen Pflegegesetz fortzuführen, also zu wechseln.

Schwierig wird für die Pflegeschulen überall der Mangel an Lehrern bzw. Pflegepädagogen. Diese sind leider sehr rar und limitieren die Anzahl der Ausbildungsplätze für Pflegende.

FOM Prof. Goldschmidt Gesundheit Soziales
Prof. Dr. Andreas Goldschmidt, Sprecher des FOM Hochschulbereichs Gesundheit & Soziales (Foto: FOM / Tom Schulte Fotografie)

Veranstaltungstipp zum Thema:

1. Länderübergreifendes Fachforum: „Quo Vadis Generalistik? Herausforderungen in der Pflegeausbildung“
Montag, 4. November um 18 Uhr
FOM Hochschulzentrum, Steubenstraße 44, 68163 Mannheim

Kostenfreie Anmeldung bei Stefanie Wörner unter stefanie.woerner@fom.de

Hier mehr zum Programm erfahren >>

FOM Hochschule: Welche Inhalte werden wohl die Pflegeausbildung der Zukunft ausmachen?

Prof. Goldschmidt: Die Anforderungsprofile der Gesundheitsberufe verändern sich stetig, so dass diese Berufe zukünftig vermehrt akademisiert werden und durch Regelungen der beruflichen Vorbehaltstätigkeiten mehr Kompetenzen und Verantwortung in der Patientenversorgung übernehmen. Krankheiten werden mit maßgeschneiderter Medikation noch individualisierter behandelt werden können. Pharmakologie und Toxikologie werden auch im Pflegestudium deutlich an Bedeutung gewinnen. Die für viele Krankheiten verantwortlichen Genveränderungen werden besser bekannt und in vielen Fällen sogar „repariert“ werden können, die Unterstützung durch Künstliche Intelligenz und Robotik bei Diagnose und Therapie wird sich erheblich verbessern. Das Fach Genetik und die digitale Kompetenz in der Pflege müssten daher ebenfalls ausgebaut werden. Ein Hauptaugenmerk wird auf der Altersmedizin liegen, weil die sehr viel effektivere Prävention von Krankheiten sowie eine noch gesündere beziehungsweise bewusstere Ernährung sowie regelmäßige körperliche Bewegung dazu beitragen, dass - mutmaßlich - insgesamt sehr viel weniger Menschen erkranken. Aber mit der steigenden Lebenserwartung werden wir andererseits bereits heute auch vergleichsweise länger chronische Krankheiten wie Diabetes, Stoffwechsel- und Herz- Kreislauferkrankungen erleben, therapieren und pflegerisch betreuen müssen. Und im Verhältnis zu heute werden noch deutlich mehr Menschen an Demenz und Depressionen erkranken. Der Bedarf an hochspezialisierter pflegerischer Versorgung der Bevölkerung steigt also stetig an.

Der Hochschulbereich Gesundheit & Soziales an der FOM Hochschule qualifiziert Auszubildende und Berufstätige für betriebswirtschaftliche, pflegerische, soziale oder psychologische Aufgaben in Einrichtungen des Sozial- und Gesundheitswesens. Zur Auswahl stehen neun Bachelor- und Master-Studiengänge von Pflege über Pflegemanagement bis hin zu Soziale Arbeit und Medizinmanagement.