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Staatssekretär Andreas Westerfellhaus zur Akademisierung in der Pflege

„Big nurse, not small doctor“

Die Akademisierung der Pflege geht in Deutschland sehr schleppend voran. Und gerade aus der Perspektive der Ärzte ist die Akademisierung der Pflege eher eine Dystopie. Die Pflegekräfte sollen sich schließlich nicht vom Patienten wegqualifizieren, wird hier argumentiert. Prof Dr. David Matusiewicz, Dekan und Institutsdirektor für „Gesundheit & Soziales“ an der FOM Hochschule, sprach im Interview mit Staatssekretär Andreas Westerfellhaus, der seit März 2018 Pflegebevollmächtigter der Bundesregierung ist und damit die politische Stimme der Pflege in Deutschland, über den Ursachen und Perspektiven rund um das Thema Wissenschaft und Pflege.

01.04.2019 | Essen

David Matusiewicz: Lieber Herr Westerfellhaus, ist aus Ihrer Sicht die Akademisierung der Pflege wichtig?

Die Akademisierung ist aus verschiedenen Gründen wichtig. Wir sprechen hier immerhin von einer Berufsgruppe mit rund 1,1 Millionen Menschen in Deutschland. Es geht zum einen um den Transfer der akademischen Forschung in den Versorgungsalltag der zu Pflegenden (Stichwort: „evidenzbasierte Pflege“) und damit auch die Sicherstellung einer „state-of-the-art“ Pflege. Zum anderen geht es aber auch darum, die Attraktivität des Pflegeberufes zu steigern, indem sog. Kompetenzstufenmodelle in der Pflege (von der Pflegehilfskraft bis zur Pflegedirektion) als berufliche Perspektive aufgezeigt werden. Letztendlich brauchen wir mehr akademisierte Pflegekräfte um die Herausforderungen in der gesundheitlichen Versorgung meistern zu können. Diese sind insbesondere demografische Effekte und ein höherer Bedarf an pflegerischen bzw. geronto-medizinischen Leistungen, komplexere Versorgungsbedarfe, ein genereller immer größer werdender Fachkräftemangel und schließlich die Digitalisierung.

Deutschland hinkt bei der Akademisierung bekanntermaßen hinterher. Können wir hier von anderen Ländern lernen?

Mit Sicherheit. Es gibt bereits Länder mit einer 100%-igen Akademisierungsquote. So ist es beispielsweise in Österreich und Spanien. In vielen Ländern kann sogar ein Doktortitel in der Pflege absolviert werden. Und diese Promovenden werden von den umliegenden Krankenhäusern bereits während ihres Studiums abgeworben. Und wir dürfen auch nicht vergessen: der Pflegeberuf konkurriert mit anderen Berufen um Nachwuchskräfte. Heute kann man in nahezu allen Ausbildungsberufen (so bspw. im Einzelhandel) parallel zu seiner Ausbildung oder berufsbegleitend studieren. Hier lohnt auch ein Blick in andere Länder, wie kürzlich veröffentlichte Studien gezeigt haben.

Wie verändert sich die Rolle der Pflegenden? Ist die Position der Ärzte gerechtfertigt, die Akademisierung in Pflege eher skeptisch zu sehen und damit einen „kleinen Arzt“ auszubilden?

Für mich gilt: big nurse, not small doctor. Pflegekräfte sollen nicht als erweitere Gehilfen des Arztes gesehen werden, sondern eigenständig Aufgaben übernehmen dürfen. Sie könnten beispielsweise Aufgaben bei der direkten Versorgung chronischer Wunden oder Diabetes mellitus sowie spezifische Infusionstherapien übernehmen. Auch die Übernahme von Aufgaben in der Gesundheitsförderung und Prävention durch die Pflege kann zu einem besseren Selbstmanagement chronisch erkrankter Menschen beitragen. In Zeiten des Fachkräftemangels - der übrigens viele Berufsgruppen im Gesundheitswesen betrifft- müssen wir das Denken in Hierarchien endlich überwinden, damit die Aufgaben- und Verantwortungsteilung funktionaler gestaltet werden kann. Nur so werden wir die gute Versorgung der Patienten und Pflegebedürftigen auch in Zukunft sich stellen können.

Welche Rolle spielt die Digitalkompetenz in der Pflege?

Eine immer größere. Was wir heute schon sehen: Bewerber in Krankenhäusern fragen den potenziellen Arbeitgeber, ob die Klinik immer noch mit Papier arbeitet oder digital. Eine Papier-basierte Arbeitsweise kann also heute schon ein K.O.-Kriterium bei den jungen Bewerbern sein. Ich kenne aber Kliniken in Nordrhein-Westfalen bei denen 95% der Prozesse digitalisiert sind. Wir brauchen Menschen, die in Zukunft den Fortschritt aktiv mitprägen können. Hier sollten wir nicht die digitalen Entwicklungen verschlafen, sondern jungen Menschen an die Digitalisierung in Ausbildung und Studium heranführen. Pflege wird zwar eine Dienstleistung von Mensch zu Mensch bleiben aber künftig durch viele digitale Assistenzsysteme gestützt werden.

Andreas Westerfellhaus (© BMG, Fotograf Holger Gross)

Zur Person:

Andreas Westerfellhaus war von 2001 bis 2008 Vize-Präsident und von 2009-2017 Präsident des Deutschen Pflegerates. Heute ist er der Bevollmächtigte der Bundesregierung für Pflege.

Pflege an der FOM

An der FOM können Sie aus dem Hochschulbereich Gesundheit & Soziales zwei Pflegestudiengänge (Bachelor) belegen: 

Pflege | Bachelor of Arts (B.A.)

Pflegemanagement | Bachelor of Arts (B.A.)