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Digitalisierung in der Lehre und beim Lernen: Fünf Fragen an Prof. Dr. Roswitha Grassl

Smartphone vs. Blatt und Stift – Wissensmanagement 4.0

Lohnt es sich, sich neues Wissen anzueignen, wo wir doch durch Smartphones, Tablets und Suchmaschinen jederzeit und überall auf sämtliche Informationen zugreifen können? Und was ist eigentlich in Bezug auf das Lernen der wesentliche Unterschied zwischen dem guten, alten Papier und Stift und neuen, digitalen Geräten? Lern-Expertin Prof. Dr. Roswitha Grassl ist Professorin für Hochschuldidaktik und Berufspädagogik an der FOM Hochschule in Neuss und beantwortet fünf Fragen rund ums Wissensmanagement 4.0.

16.07.2019 | Neuss

Prof. Dr. Grassl, warum sollte ich mir in der heutigen Zeit überhaupt noch etwas merken? Ich kann doch jederzeit, nahezu überall alles nachgucken…

In Anbetracht des rasanten Zuwachses von Wissensbeständen und der abnehmenden Halbwertzeit des Wissens: Nein, von dieser Warte aus betrachtet lohnt es sich vermutlich nicht, sich etwas zu merken, solange es um isolierte Informationen geht. Allerdings: Reine Informationen sind kein Wissen. Wir müssen Informationen in einen Zusammenhang stellen, um sie verstehen zu können – um etwas zu wissen. Und hier beißt sich die Katze in den Schwanz: Wenn Sie sich an gar keine Informationen erinnern können, dann ist auch kein Kontext verfügbar, in den Sie Neues einbetten könnten, um Wissen aufzubauen. Wenn ich zum Beispiel weiß, dass ein Blutdruck über 140 zu 90 als Bluthochdruck gilt, bringt mir die Information selbst noch recht wenig. Was wird da überhaupt gemessen? Weshalb ist so ein Wert gefährlich? Was ist zu tun?

Außerdem hat jeder von uns, der schon einmal etwas gegoogelt hat, die Erfahrung gemacht, dass die Qualität der Informationen sehr unterschiedlich sein kann. Auf welcher Grundlage basieren sie? Wer hat sie ins Netz gestellt? Wir müssen Quellen kritisch beurteilen und eben das ist nicht ohne Vorwissen möglich. Also: Doch, wir müssen uns auch in der heutigen Zeit noch eine ganze Menge merken.

Wie lernt es sich besser: Digital oder analog? (Foto: FOM)

Es heißt ja so schön „wer schreibt, der bleibt“. Warum ist das so und gilt das heute noch?

Was das Lernen angeht, so könnte dieser Satz abgewandelt werden in: Was wir schreiben, das bleibt – oder zumindest bleibt es eher, als wenn wir es nur lesen. Dabei deuten einige Untersuchungen darauf hin, dass die Handschrift unser Gedächtnis besser unterstützt als das Tippen auf der Computertastatur. Das hat zum einen damit zu tun, wie unser Gedächtnis organisiert ist. Zum anderen denkt zumeist mehr nach, wer mit der Hand schreibt. Studierende in einer Vorlesung beispielsweise können auf Papier oft nicht schnell genug schreiben, um alles zu notieren. Deshalb müssen sie überlegen, wie sie die gehörten Inhalte sinnvoll verdichten und zusammenfassen können. Sie müssen demnach aufmerksamer zuhören und werden zudem zum Nachdenken angeregt, wodurch sie wiederum Inhalte tiefer verarbeiten und sich schließlich besser erinnern können.

Wir alle können ja ohne Tablet/Smartphone etc. nicht mehr leben. Auf diesen Geräten kann ich lesen, tippen, gucken, hören… Was ist Ihrer Meinung nach der Unterschied zwischen dem guten, alten Papier und Stift und digitalen Geräten in Bezug auf das Lernen?

Mit den nun längst nicht mehr neuen „neuen Medien“ verändert sich unser Rezeptionsverhalten. Ich wage die These, dass wir noch stärker als früher die Illusion haben, über Wissen zu verfügen, wenn wir es nur materiell – in diesem Fall – digital verfügbar haben. Wie heißt es doch so schön? Was man schwarz auf weiß besitzt, kann man getrost nach Hause tragen. Doch hätten Sie mich „früher“ als gebildet bezeichnet, bloß, weil in meinem Bücherregal der 24-bändige Brockhaus steht? Heute tragen wir mit dem WorldWideWeb noch viel mehr als jenen Brockhaus in unserer Hand- oder Hosentasche herum. Das Wissen der Welt – wir haben es jederzeit zur Hand, jedenfalls solange der Akku mitspielt. Und doch müssen wir uns diese Wissensbestände erst aneignen, sie uns buchstäblich zu eigen machen, um über sie verfügen zu können. Es geht also immer (noch) darum, wie wir uns das Wissen aneignen können, das heute eben vor allem digital verfügbar gemacht wird.

Lern-Expertin Prof. Dr. Roswitha Grassl ist Professorin für Hochschuldidaktik und Berufspädagogik an der FOM Hochschule in Neuss (Foto: FOM/Tom Schulte)

Sie haben sich vor verschiedenen Hintergründen mit den Themen „Fernlernen“ oder „Blended Learning“ beschäftigt. Welche Erfahrungen haben Sie mit Fernstudierenden gemacht? Wie lernen Menschen, die völlig eigenständig zuhause lernen?

Wer allein über seinem digitalen Lernmaterial sitzt und – vielleicht nach einem langen Arbeitstag – beispielsweise Schwierigkeiten hat, eine mathematische Formel zu verstehen, ist viel schneller bereit, das Lernen zu „vertagen“ oder bei anhaltenden Schwierigkeiten ganz aufzugeben, als jemand, der mit anderen gemeinsam im Hörsaal sitzt. Lernen ist eine soziale Angelegenheit, was übrigens auch aus inhaltlicher Perspektive gilt. Das ist im Fernunterricht mitunter schwer wahrzunehmen, wenn das Gegenüber medial – in einem traditionellen Lehrbrief oder auch digital als Podcast oder Video – vermittelt ist. Umso wichtiger ist es nach meiner Erfahrung, die Lernmedien dialogisch zu gestalten. Aufzeichnungen von Vorlesungen etwa sind eine gute Gelegenheit, orts- und zeitunabhängig an der Präsentation von Inhalten teilzuhaben – geeignetes Lehrmaterial sind sie isoliert betrachtet meines Erachtens deshalb jedoch noch nicht. Sie unterscheiden sich aus didaktischer Perspektive zunächst in nichts vom guten alten Buch, das wir schon immer lesen konnten, um uns weiterzubilden. Aus didaktischer Perspektive muss beides nach meinem Verständnis dialogisch ergänzt werden, indem wir eine inhaltliche Auseinandersetzung provozieren und Lerngelegenheiten inszenieren.

Viele ausbildende Unternehmen stehen vor der Herausforderung, dass sie einer Zielgruppe etwas beibringen müssen, die es nicht gewohnt ist, zu schreiben und sich Wissen anzueignen. Welche Tipps haben Sie für Unternehmen, damit das trotzdem funktioniert?

Die größte Herausforderung, vor der ausbildende Unternehmen stehen, ist aus meiner Sicht die Förderung der Selbstlernkompetenz im Allgemeinen. Auszubildende müssen beispielsweise in die Lage versetzt werden, Wissensnetzwerke aufzubauen. Sie müssen lernen, wo sie überhaupt verlässliche Informationen finden können, um ein vorgegebenes Problem zu lösen – und wie sie diese Informationen problem- und handlungsorientiert verbinden können. Ausbildungsverantwortliche in den Unternehmen sind dann gefordert, zu beraten und zu unterstützen, wo es darum geht, geeignete Lösungswege zu finden. Ein solches problembezogenes Lernen fällt leichter, wenn im Unternehmen insgesamt eine Kultur des Lernens besteht. Dazu gehört auch eine konstruktive Fehlerkultur – also eine Kultur, in der Fehler als Lerngelegenheit genutzt werden können. Dazu gehört außerdem, Auszubildenden offene Aufgaben zu stellen, an denen sie sich ausprobieren können, und – selbstverständlich – Zeit und Ressourcen bereitzustellen, damit sie die Aufgaben überhaupt bearbeiten können. Hierbei eröffnet die Digitalisierung fraglos neue und spannende Wege.