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17.07.2017 | Berlin

Experten diskutierten digitale Entwicklungen in Berlin

„Das deutsche Gesundheitssystem braucht Vernetzung“

„Papierberge aus Patientenakten – das war einmal“, eine Aussage, die – da waren sich die Teilnehmer des Gesundheitsforums „Digitale Gesundheit, BGM und Innovationen – Aktuelle Entwicklungen im Gesundheitswesen“ einig – für das deutsche Gesundheitssystem bisher nicht zutrifft. Dabei gäbe es in der Praxis genügend Partner für die Digitalisierung. Diese und weitere digitale Entwicklungen  waren Thema beim Berliner FOM Gesundheitsforum

Prof. Arno Elmer Gesundheitsforum FOM Berlin
Prof. Arno Elmer beim Gesundheitsforum FOM Berlin (Foto: Tony Haupt/FOM)

Prof. Dr. Arno Elmer, FOM Professor für Gesundheitsökonomie, hob in seinem Vortrag hervor, wie wichtig die Digitalisierung des Gesundheitswesens sei und verdeutlichte, wo das deutsche Gesundheitssystem heute steht: nämlich vor „Patientenakten, die vor allem Papierberge sind“. In dieser Form kosten sie viel Geld und sind für eine relevante Nutzung nicht einsetzbar. Die Digitalisierung helfe nicht nur dabei, zum Wohle des Patienten die Vernetzung zwischen den Experten zu verbessern. Sie trage auch erheblich dazu bei, Kosten zu senken, weil bereits die digitale Kopie viel weniger kostet. Der aktuelle Stand veralteter Technik und schlechter Vernetzung sorge jedoch dafür, dass das System nicht transparent sei und dadurch Qualitätsmessungen erschwere, wenn nicht unmöglich mache, so Elmer weiter. Als Beispiel nannte er den Schlaganfall, der eine plötzliche physische, psychische und soziale Einschränkung für den Patienten bedeute. Die Erstversorgung im Krankenhaus sei gut. Was heute jedoch fehle, sei die koordinierte Versorgung nach der Entlassung. Dabei habe jeder von uns mit dem Smartphone bereits die Möglichkeiten zur digitalen Vernetzung in der Tasche. Das gelte es zu nutzen.

Mit Hinblick auf den Einsatz von Robotern in der Pflege betonte Prof. Elmer, dass die Digitalisierung nur sinnvoll sei, wenn sie Nutzen bringt. Sie solle Lücken schließen, damit das Personal das tun könne, wofür es ausgebildet sei. Aber die Digitalisierung brauche Partner, die das wollen. In der Praxis erlebe er viele Mediziner, die dafür brennen. Sein dringender Appell an das deutsche Gesundheitssystem ist daher, das zu nutzen, denn „Wer immer auf gestern setze, sei schnell weg vom Fenster“.

Enrico Kreutz IBB Berlin Gesundheitsforum FOM
Enrico Kreutz IBB Berlin beim Gesundheitsforum FOM (Foto: Tony Haupt/FOM)

BGM als wichtiger Baustein für Fachkräftesicherung

Enrico Kreutz vom Vorstand der Innungskrankenkasse Brandenburg und Berlin (IKK BB) wies in seinem Vortrag darauf hin, dass seine Krankenkasse schon vor zehn Jahren mit Telemedizin gearbeitet habe und stark daran interessiert sei, jede Entwicklung mitzunehmen, um Dinge besser zu gestalten. In diesem Zusammenhang hob er die Bedeutung des seit 2015 wirksamen Präventionsgesetzes hervor, an dem nun nicht nur Kassen und Versicherungsträger finanziell beteiligt seien, sondern auch Länder und Kommunen, um die Mittel für das Betriebliche Gesundheitsmanagement (BGM) bereitzustellen. Er betonte, dass es vor allem für kleine und mittlere Unternehmen, die kaum eigene Präventionsprogramme haben, von Bedeutung sei. Das BGM sei ein wichtiger Baustein für die Fachkräftesicherung und damit eine Investition in die Zukunft. Es dürfe aber niemandem 'übergeholfen' werden, sondern man müsse notwendige Freiräume schaffen. Hier sei der persönliche Erfahrungsaustausch besonders wichtig. Anhand eines kurzen Films über das Projekt Kobra konnten die Teilnehmer beispielhaft sehen, wie das BGM in verschiedenen Unternehmen eingeführt wurde. Abschließend betonte Kreutz: Gesundheit und wirtschaftlicher Erfolg hängen eng zusammen. Das BGM sei eine Investition in die Gesundheit der Beschäftigten, damit sie bis zur Rente gesund bleiben.

Detlef Kuhn ZAGG Berlin Gesundheitsforum FOM
Detlef Kuhn, ZAGG Berlin, beim Gesundheitsforum der FOM (Foto: Tony Haupt/FOM)

Besser spezifische BGM-Programme als Standardpakete

Detlef Kuhn, Geschäftsführer der ZAGG GmbH, der mit seinem Mitarbeitern in vielen Unternehmen das BGM fachlich eingeführt und begleitet hat, wies darauf hin, dass es vor allem auf Vermittlung und Kommunikation ankommt. In kleinen Betrieben würden weniger Vorträge oder das Austeilen von Flyern helfen, sondern eine ganz praktische Vorgehensweise. Das ZAGG biete dabei in Zusammenarbeit mit der IKK BB keine Standardpakete an, sondern erarbeite mit den Unternehmen ein spezifisches Programm.
Hier gehe es weniger darum, das Verhalten einzelner Individuen zu beeinflussen, sondern um einen soliden Ansatz. Das BGM ordnete Kuhn dabei als Kür der Unternehmen in das für sie gesetzlich verpflichtende Betriebliche Gesundheitsmanagement ein. Leider würden nur 25 Prozent der kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) diese Möglichkeit nutzen, obwohl gerade die zunehmenden psychischen Belastungen mit Mitteln des BGM gut erkannt und bearbeitet werden können. Das sei ein echtes Problem, denn psychische Erkrankungen seien laut einer Studie der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (baua) von 2017 inzwischen die zweithäufigste Ursache für Arbeitsunfähigkeit und Frühberentung.

Leonie Kienzle ZAGG Berlin Gesundheitsforum FOM
Leonie Kienzle, ZAGG Berlin, beim FOM Gesundheitsforum (Foto: Tony Haupt/FOM)

Resilienz ist erlernbar

Leonie Kienzle, Psychologin und Wissenschaftliche Mitarbeiterin der ZAGG GmbH,
stellte anschließend als Beispiel das Resilienztraining vor. Denn Resilienz sei erlernbar, betonte sie gleich zu Beginn. Unter Resilienz ist die Fähigkeit eines Menschen zu verstehen, gut durch Krisen zu kommen und sich dadurch weiter zu entwickeln. Im Training beschäftigen sich die Teilnehmer mit Faktoren, die sie stressen. Sie lernen, bisherige Denkweisen zu hinterfragen und neue Sichtweisen zuzulassen.

Dr. Thomas Floeth Pinel-Netzwerk Gesundheitsforum FOM Berlin
Dr. Thomas Floeth, Pinel-Netzwerk, beim FOM Gesundheitsforum Berlin (Foto: Tony Haupt/FOM)

Beispiel individualisierter Versorgung bei Arbeitsunfähigkeit

Dr. Thomas Floeth, Geschäftsführer des Pinel-Netzwerks,
stellte die Möglichkeit der besonderen Versorgungsverträge mit Krankenkassen bei psychosomatisch bedingten Langzeiterkrankten vor. Die besondere Versorgung bietet eine Vernetzung der einzelnen Sektoren mit innovativen Leistungen jenseits der Regelversorgung. Floeth unterstrich, dass es gerade bei Arbeitsunfähigkeit darauf ankomme, frühzeitig mit der Versorgung anzufangen. Bewährt habe sich in der Praxis das sogenannte Assessment, bei dem aus einem ersten Treffen mit zwei Fachleuten der weitere Behandlungsbedarf abgeleitet wird.
Denn in der Praxis zeigt sich, dass die Probleme der Betroffenen sehr unterschiedlich sind und entsprechend bearbeitet werden müssen. Das können Themen wie Sucht, Schulden oder familiäre Schwierigkeiten sein. Das Pinel-Netzwerk hat mit diesem Ansatz sehr gute Erfahrungen gemacht: 65 Prozent der Patienten seien nach der Begleitung wieder arbeitsfähig gewesen. Auch die Resonanz bei den beteiligten Krankenkassen ist entsprechend positiv, weil die Fallmanager damit Tools in die Hand bekommen, die den Versicherten wirklich helfen und günstiger sind als eine Psychotherapie.

Dr. Harald Katzberg Pinel FOM Gesundheitsforum Berlin
Dr. Harald Katzberg beim FOM Gesundheitsforum Berlin (Foto: Tony Haupt/FOM)

Dr. Harald Katzberg, Assistent der Geschäftsführung bei der Pinel gGmbH, stellte den neuen gesetzlichen Anspruch ambulanter psychotherapeutischer Behandlung am Beispiel der 'Psychotherapeutischen Sprechstunde' vor. Einerseits sei das gut für den Patienten, weil er nun ohne Indikation Anspruch auf Akutbehandlung bei psychischen Problemen hat. Andererseits gäbe es absehbare Kapazitätsprobleme, weil nach wie vor die Neuzulassungen schwer sind. Deshalb sei es notwendig, dass sich die Therapeuten vernetzen, damit sie die Angebote der anderen kennen und Patienten weiter empfehlen können. Katzberg wies darauf hin, dass das neue Gesetz dafür sorgen wird, dass der Markt für psychotherapeutische Behandlung neu aufgeteilt und der Psychotherapeut hier zum Lotsen werden wird.

Uta-Maria Weißleder Vivantes Netzwerk Berlin Gesundheitsforum FOM
Uta-Maria Weißleder, Vivantes Netzwerk, beim FOM Gesundheitsforum Berlin (Foto: Tony Haupt/FOM)

Erfolgreiches BEM-Verfahren bedeute die Situation anzunehmen

Abschließend zeigte Uta-Maria Weißleder, Personalreferentin beim Vivantes Netzwerk für Gesundheit GmbH
, wie in ihrem Haus Betriebliches Eingliederungsmanagement (BEM) gehandhabt wird. Vivantes hat dafür feste Wiedereingliederungsteams geschaffen. Ein erfolgreiches BEM-Verfahren sieht für Frau Weißleder so aus, dass die Betroffenen ihre Situation annehmen und damit umgehen können. Ziel sei es, die Beschäftigungsbedingungen gesundheitsförderlich anzupassen und die Arbeitsfähigkeit wieder herzustellen, bekräftigte Weißleder. Aber die Arbeit in der Pflege bleibe trotz angeschaffter Hilfsmittel schwer und durch die 'Monokultur' an Berufen sei es manchmal sehr schwer, Mitarbeiter innerhalb des eigenen Unternehmens umzusetzen.

BEM-Verfahren: Zeit für Wertschätzung

Da die Teilnahme der Mitarbeiter am BEM-Verfahren freiwillig und oft mit Ängsten um den Verlust des Arbeitsplatzes verbunden ist, sei es besonders wichtig, zuerst eine Atmosphäre des Vertrauens zu schaffen, stellte Weißleder fest. Die Betroffenen sollen verstehen, dass sie hier Zeit geschenkt bekommen, in der man ihnen zuhört und in der sie Wertschätzung erfahren. Es gehe um Austausch und Feedback. Gemeinsam mache man sich dann auf die ergebnisoffene Suche nach Angeboten zur Unterstützung, vorerst ohne die Vorgesetzten. Ein Erinnerungsprotokoll ohne die Nennung von Diagnosen gibt jeweils Ansatzpunkte für das Verfahren, um Verbesserungen zu schaffen. Besonders wichtig sei ihr die Motivation der Betroffenen. Zum Abschluss bekräftigte Weißleder ihren Ansatz und sagte: Das wichtigste für ein erfolgreiches BEM-Verfahren sei Kommunikation, Kommunikation,
Kommunikation.