Veranstaltung „Künstliche Intelligenz im Personalbereich: Wer ist hier der Boss?“

Vernunftsabwägungen kann KI noch nicht

Ist Künstliche Intelligenz dazu in der Lage, menschliche HR-Experten zu entlasten oder gar zu ersetzen? Es war nichts weniger als die Zukunft des Personalmanagements, die hochkarätige Fachleute bei der Hamburger FOM Veranstaltung „Künstliche Intelligenz im Personalbereich: Wer ist hier der Boss?“ im September mit einer breiten Palette von Perspektiven beleuchteten. Lebhaft diskutiert wurde vor allem die Leistungsfähigkeit von Algorithmen für die Personalauswahl. Prof. Dr. Ralf Keim, wissenschaftlicher Gesamtstudienleiter an der FOM in Hamburg, führte durch das Programm. 

25.09.2019 | Hamburg

Kann eine KI den „Human factor“ oder den „Cultural fit“ abbilden, die bei der Auswahl von Mitarbeitern von entscheidender Bedeutung sind? Ist ein Algorithmus wirklich vorurteilsfreier als ein menschlicher Recruiter? Es waren Fragen wie diese, die die fünf Referenten wie auch rund 120 Teilnehmenden – darunter Personaler, Studierende, Absolventen und andere KI-Interessierte – auf der Veranstaltung der FOM Hochschule in Hamburg und des DFK – Verband für Fach- und Führungskräfte besonders beschäftigten.

Schließlich werden KI-Tools heute schon von HR-Abteilungen großer Unternehmen eingesetzt und versprechen, wie FOM Honorarprofessor Dr. Markus Dahm darlegte, eine schnellere und objektivere Vorauswahl und eine Entlastung bei administrativen Aufgaben. Ängste gegenüber selbstlernenden Maschinen seien gerade in Deutschland sehr verbreitet, aber weitgehend unbegründet, so Prof. Dahm: „Die Entscheidung über eine Einstellung wird eine KI in absehbarer Zeit nicht treffen. Ihr Einsatz kann aber zu mehr Qualität im Personalmanagement führen.“ Dass die Akzeptanz auch von der Art der KI abhängt, darauf wies der Psychologe und Berater Alexander Dregger in seinem Vortrag („KI und Psychologie: Mensch trifft Maschine“) hin. Nach dem Ergebnis seiner User-Experience-Studie wird Künstliche Intelligenz dann vom Nutzer akzeptiert, wenn deutlich sei, dass sie menschlichen Entscheidern assistiere statt autonom zu agieren. Wie vielfältig das Anwendungspotenzial ist, zeigte KI-Experte und Diplom-Informatiker Sven Semet von IBM auf: Bei dem amerikanischen IT-Unternehmen bekommen Mitarbeiter über KI-basierte Plattformen individualisierte Lernvorschläge sowie interne Jobangebote mit der Information, wie genau ihre derzeitige Qualifikation mit den Anforderungen übereinstimmt. Sven Semet: „Wir wollen Talente halten und ihnen gleichzeitig ermöglichen, ihren Marktwert zu steigern.“

Grundsätzliche ethische Überlegungen zu KI stellte die Präsidentin des Ethikverbandes der deutschen Wirtschaft Dr. Irina Kummert zur Diskussion. Moral sei unlogisch, Algorithmen funktionierten aber nun mal auf Grundlage von Regeln. Es sei Wissenschaftlern gelungen, Robotern Ethik im Sinne des Kant’schen kategorischen Imperativ einzuprogrammieren, so die Philosophin, jedoch: „Vernunftsentscheidungen wie die, einen reflektierten Regelbruch zu begehen, kann KI noch nicht treffen. Die menschliche Fähigkeit zur situativen Abwägung fehlt KI – zumindest bislang.“ 

FOM Veranstaltung „Künstliche Intelligenz im Personalbereich: Wer ist hier der Boss?“ in Hamburg
Bei der FOM Veranstaltung „Künstliche Intelligenz im Personalbereich: Wer ist hier der Boss?“ in Hamburg diskutierten die Teilnehmer über die Zukunft im Personalmanagement. (Foto: Christian Stelling)

Darin sieht auch Dr. Kevin-Lim Jungbauer (Beiersdorf AG) die Begrenztheit des Einsatzes von KI im Recruiting: „Als Vorfilter bei einer sehr großen Zahl von Bewerbungen kann KI helfen, aber nicht mehr in den letzten Runden, wenn es um die Feinabstimmung geht.“ Der Psychologe sprach zudem Schwächen aktueller KI-Instrumente an: „Was mit Video- oder Sprachanalyse-Tools eigentlich gemessen wird und ob die Ergebnisse wirklich berufliche Leistung vorhersagen, ist unklar.“

Trotz unterschiedlicher Standpunkte: Neue Chancen für den Personalbereich sahen in der Abschlussdiskussion alle Teilnehmer. „Wenn es gelingt, mit KI Teamfähigkeit und Zusammengehörigkeit abzubilden, wird das beim Recruiting helfen“, sagte FOM Prof. Marco Zimmer. Dass KI dabei weder Recruiter arbeitslos macht noch dazu führen muss, dass man sich nur noch Mitarbeiter ähnlichen Profils ins Haus hole, betonte Sven Semet von IBM: „Recruiter, die ich in vorgelagerten Prozessen einspare, kann ich auf die Auswahl ansetzen und KI so programmieren, dass sie gezielt nach Querdenkern sucht.“