Frau Drechsler, was hat Sie während Ihrer sportlichen Karriere stärker geprägt: das Gewinnen oder Verlieren?
Das lässt sich gar nicht so einfach trennen. Eine sportliche Karriere besteht nicht nur aus Titeln. Bei mir waren das 27 Jahre mit vielen Momenten, die hängen geblieben sind: Siege natürlich, aber auch Situationen, in denen ich mich durchbeißen musste oder gescheitert bin. Geprägt haben mich aber vor allem der Lernprozess und die Menschen, die diesen Weg mitgegangen sind: Trainer, Team, Freunde. Wenn man am Ende ganz oben steht, ist das ein wunderbares Gefühl. Aber entscheidend ist oft, wie man überhaupt dorthin gekommen ist.
Zu diesem Weg gehören auch Niederlagen, Verletzungen und Zweifel an sich selbst. Wie sind Sie damit umgegangen – und was können Studierende daraus lernen?
Zunächst muss man akzeptieren, dass es im Leben nicht immer nur bergauf geht. Es gibt Momente, in denen man zweifelt oder enttäuscht ist. Wichtig ist dann die eigene Einstellung: Glaube ich daran, dass ich diesen Berg wieder hochkomme? Gleichzeitig braucht man Menschen an seiner Seite. Dann ist man mit seinem Scheitern nicht allein. Ein gutes soziales Netzwerk hilft, nicht in eine negative Spirale zu geraten und Rückschläge gemeinsam durchzustehen. Man muss auch akzeptieren, dass man nicht perfekt ist und nicht immer 180 Prozent leisten kann. Sonst überfordert man sich dauerhaft.
Wer berufsbegleitend studiert, muss Studium, Job und Privatleben unter einen Hut bringen. Da können negative Gedanken wie „Ich schaffe das nicht“ aufkommen. Was hilft in solchen Situationen?
Erst einmal: cool bleiben und die Situation ehrlich bewerten. Warum habe ich gerade dieses Gefühl? Habe ich zu spät angefangen? Habe ich zu wenig Pausen gemacht? Oft entsteht Stress, weil die Vorbereitung nicht stimmt. Deshalb ist Planung so wichtig. Wer rechtzeitig beginnt, sich auf eine Prüfung, eine Abgabe oder ein wichtiges Projekt vorzubereiten, kann sich seine Zeit besser einteilen. Dabei hilft auch die Schrittmethode: Nicht alles auf einmal lösen wollen, sondern ein Ziel nach dem anderen angehen. Solch kleine Tagesziele können sehr viel bewirken.
Welche Eigenschaften aus dem Spitzensport lassen sich besonders gut auf das Studium übertragen?
Kontinuität, Fokus und Prioritäten. Im Leistungssport arbeitet man jeden Tag an bestimmten Inhalten. Man hat große Ziele, aber man zerlegt sie in kleine Etappen. Genau das ist auch im Studium hilfreich: Was ist heute wirklich wichtig? Was muss ich jetzt angehen? Außerdem sollte man sich bewusst Räume schaffen, in denen man konzentriert arbeiten kann – ohne ständige Ablenkung. Und: Leistung entsteht nie alleine. Auch im Studium ist es wichtig, sich auszutauschen, Fragen zu stellen, gemeinsam zu lernen und nicht allein in seiner eigenen Glocke zu bleiben. Kommunikation und Gemeinschaft geben Sicherheit und Selbstvertrauen.
Ob Sport, Studium oder Karriere: Wichtig ist es, langfristig leistungsfähig zu bleiben. Welche Rolle spielen dabei die innere Stärke und mentale Gesundheit?
Eine sehr große. Innere Stärke ruht auf mehreren Säulen: Gesundheit, geistige Fitness, soziale Netzwerke, Leistungsfähigkeit und auch Sinnhaftigkeit – also zu wissen, warum man etwas tut. Wenn eine dieser Säulen ins Wanken gerät, kann die Motivation und die Leistung leiden. Deshalb ist auch Achtsamkeit wichtig. Man sollte auf Warnsignale hören – körperlich und mental. Ich habe selbst erlebt, was passiert, wenn man über Grenzen geht und Signale nicht ernst nimmt. Der Wille kann groß sein, aber er darf nicht dazu führen, dass man sich schadet.
Dabei gelten Wille und Disziplin als wichtige Erfolgsfaktoren. Wie bleibt man diszipliniert, ohne sich zu schaden?
Disziplin bedeutet nicht, immer noch mehr zu machen. Sie bedeutet auch, klug mit den eigenen Kräften umzugehen. Belastung und Erholung gehören zusammen. Im Sport ist das selbstverständlich: Nach intensiven Reizen braucht der Körper Erholung. Das gilt auch für Studium und Beruf. Wer viel sitzt, viel lernt oder unter Druck steht, sollte bewusst Pausen einbauen, sich bewegen, rausgehen, Abstand gewinnen. Manchmal ist es produktiver, kurz zurückzutreten, als mit aller Gewalt weiterzumachen.
Was möchten Sie Studierenden in einem Satz für Studium, Beruf und persönliche Entwicklung mitgeben?
Seien Sie mutig und neugierig – und nutzen Sie jede Chance, egal ob sie am Ende erfolgreich ist oder nicht.
Das Interview führte Nils Jewko.
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