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Oliver Nießlein zwischen humanitärer Hilfe, Vollzeit-Job und berufsbegleitendem Studium

„Kannst du beruhigt in den Spiegel schauen?“

Oliver Nießlein sind die Sorgen anzumerken. Seine Gedanken sind bei den Menschen, die in Libyens Flüchtlingslagern weggesperrt sind, an geschlossenen Grenzen ausharren oder dem Tod auf ihren Fluchtwegen nicht entkommen konnten. Wenn jemand diese Wege kennt, dann der 50-Jährige Gersdorfer. 2015 hing er seinen Job in einer Buchhandlung an den Nagel, um sich ein ganzes Jahr ehrenamtlich um Flüchtlinge auf der Balkanroute zu kümmern. Bis heute steht humanitäres Engagement ganz oben auf seiner Prioritätenliste: Als rechtlicher Betreuer für das Amtsgericht Chemnitz, als FOM Student des Studiengangs „Gesundheits- und Sozialmanagement“ und als unermüdlicher Helfer für Menschen in Krisengebieten.

15.05.2019 | Leipzig

„Als damals die ersten Informationen über Menschenströme in den sozialen Netzwerken verbreitet wurden und schockierende Bilder in den Medien zu sehen waren: Ich wusste sofort, dass ich helfen muss“, blickt Oliver Nießlein zurück. Vier Jahre ist es jetzt her, dass diese Entscheidung seinen Weg verändert und den Weg vieler ein bisschen erträglicher gemacht hat.

Oliver Nießlein Human Aid Collective Idomeni Camp
Oliver Nießlein verteilt Spenden an Flüchtlinge in Idomeni, 2016 (Foto: Human Aid Collective)

„Das Elend ist nur ein paar hundert Kilometer von uns entfernt“

Ein Freund aus Berlin lud ihn damals ein, sich an einem zweiwöchigen Hilfseinsatz an der Grenze von Kroatien zu beteiligen. „Dieser Einsatz wird mir ewig in Erinnerung bleiben.“ Als der erste von vielen - denn wieder zuhause ließen ihn diese Bilder nicht mehr los. Er fragte sich: „Kannst du beruhigt in den Spiegel schauen, während das Elend nur ein paar hundert Kilometer entfernt ist?“ Nießlein kündigte seinen Job und machte sich die Flüchtlingssituation zur Lebensaufgabe: Er sammelte Sach- und Geldspenden, mobilisierte andere Helfer, vernetzte sich und fuhr zum Großteil selbst Hilfseinsätze nach Bosnien und Herzegowina, Kroatien, Griechenland, Serbien, Ungarn, Slowenien und die Türkei, die gesamte Balkanroute entlang.

Neben der Flüchtlingshilfe ein Studium begonnen

Nach einem Jahr an vorderster Front entschied sich Oliver Nießlein nicht nur an Grenzen zu helfen, sondern auch in Deutschland ankommenden Menschen ein sicheres Zuhause zu ermöglichen. Zudem hatte er die eigene Not, wieder selbst Geld verdienen zu müssen. „Wieder in die Buchhandlung zurückzukehren, kam für mich nach der ehrenamtlichen Tätigkeit nicht mehr in Frage, sodass eine berufliche Neuausrichtung unausweichlich war“, so der heute 50-Jährige. Nießlein fühlte sich als rechtlicher Betreuer berufen und begann gleichzeitig das berufsbegleitende Bachelor-Studium „Gesundheits- und Sozialmanagement“ an der FOM Hochschule in Leipzig. „Ich erlebe viel Positives in den Vorlesungen, auch im Austausch mit meinen Kommilitonen. Unsere Arbeits- und Lebenserfahrungen helfen uns gegenseitig, reflektierend an Studienaufgaben heranzugehen“, so der Gersdorfer.

Oliver Nießlein Human Aid Collective
Das soziale Engagement aus der Flüchtlingshilfe hat Oliver Nießlein sich für seinen beruflichen Alltag beibehalten (Foto: Einsatz in Serbien/Human Aid Collective)

Chemnitzer Friedenspreis für den Verein „Human Aid Collective“

Neben dem Studium gründete Oliver Nießlein aus dem losen Zusammenschluss "Flüchtlingshilfe Balkanroute" den Verein „Human Aid Collective“. Dieser organisiert bis heute Hilfsgütertransporte, die Aufnahmecamps eine gute Grundversorgung der Flüchtenden mit dem Notwendigsten gewährleisten sollen. Vielen Camps fehlt es nämlich an Lebensmitteln, Medikamenten, Hygieneartikeln und Kleidung. Die Hilfe findet auch in der Öffentlichkeit große Beachtung. Letztes Jahr konnte der Verein bei der Sammlung von mehr als 5000 individuell gestalteten „Loveboxes“ mit Kinderkleidung, Spielzeug und Lernmitteln für Flüchtlingskinder mitwirken und diese nach Syrien transportieren. „Sogar meine Kommilitonen an der FOM Hochschule haben uns unterstützt“, freut sich Nießlein.

Oliver Nießlein loveboxes Human Aid Collective
Große Freude über 5.000 Loveboxes zu Weihnachten für Kinder in Syrien (Foto: Human Aid Collective)

Im März diesen Jahres dann die Würdigung des Engagements mit dem „Chemnitzer Friedenspreis“ und Gespräche mit dem Sächsischen Staatsminister. Auch, wenn es manchmal schwierig wird, alles unter einen Hut zu kriegen: Ans Aufhören denkt der engagierte Gersdorfer noch lange nicht, Hoffnung für die Zukunft hat Oliver Nießlein genug. Aktuell warten 250 ungenutzte Betten aus Erstaufnahmeheimen in Deutschland darauf, nach Syrien verschifft zu werden.

Oliver Nießlein Human Aid Collective
Zeitmanagement ist alles - und für Hilfsgüterlieferungen nimmt sich Oliver Nießlein immer Zeit (Foto: Human Aid Collective)