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Kryptowährung Bitcoin

Riesige Spekulationsblase oder das Zahlungsmittel der Zukunft?

Der Bitcoin-Kurs ist momentan auf Achterbahnfahrt. Mitte April notierte der Kurs für einen Bitcoin bei über 50.000 US-Dollar - bis Ende Mai hat sich dieser Wert fast halbiert. Mit den Professoren der FOM Hochschule in Stuttgart Dr. Kristian Giesen (Volkswirtschaftslehre und Finanzwesen) und Dr. Peter Preuss (Wirtschaftsinformatik) haben wir darüber gesprochen, was digitale Währungen eigentlich sind und welche Gründe es für den derzeitigen massiven Kursverfall gibt.

01.06.2021 | Stuttgart

FOM Hochschule: Herr Prof. Preuss können Sie in einfachen Worten erklären, was Bitcoin eigentlich ist?

Prof. Dr. Peter Preuss: Bitcoin ist eine digitale Währung, die zwischen den Währungsteilnehmern über das Internet ausgetauscht wird. Ein zentrales Clearing wie beim klassischen Bankensystem gibt es nicht. Stattdessen verwalten die Bitcoin-Teilnehmer gemeinsam eine dezentrale Datenbank, die Blockchain, in der alle gültigen Bitcoin-Überweisungen blockweise gespeichert werden. Mit Hilfe von kryptographischen Verfahren wird sichergestellt, dass eine Transaktion nur von demjenigen erstellt werden kann, der Bitcoins überweisen möchte, und dass Bitcoins nicht mehrfach ausgegeben werden können.

FOM: Und wie entstehen neue Bitcoins? Die digitalen Münzen werden vermutlich nicht von der Europäischen Zentralbank oder nationalen Zentralbanken ausgegeben.

Preuss: Bevor neue Bitcoin-Transaktionen in der Blockchain gespeichert werden, müssen sie überprüft und zu einem Block zusammengefasst werden. Um für diese Aufgabe einen Leistungsanreiz zu schaffen, erhält der Ersteller eines Transaktionsblocks 6,25 Bitcoin. Damit nicht ständig neue Blöcke erzeugt werden können, muss ein kryptographisches Rätsel gelöst werden, bevor der Block von den anderen Teilnehmern akzeptiert wird. Das Ganze ist so austariert, dass es ca. alle zehn Minuten einen neuen Transaktionsblock gibt. Da für die Lösung des Rätsels, das sogenannte Mining, eine große Rechenleistung und somit sehr viel Energie benötigt wird, entsteht für die virtuelle Währung ein realer Gegenwert. Die Belohnung für einen Block wird ungefähr alle vier Jahre halbiert. Dadurch erreicht man, dass die Gesamtmenge der Bitcoins auf 21 Millionen begrenzt ist. Seit 2009 haben die Miner ca. 18,7 Millionen Bitcoins erzeugt.

FOM: Herr Prof Giesen, wenn Bitcoin eine Währung ist, die nur digital existiert, wie kommt dann ein so hoher Kurs zustande? Ist das nicht alles nur eine große Spekulationsblase?

Giesen: Der hohe Kurs kommt durch die Kräfte von Angebot und Nachfrage zustande. Das ist ja immer so. Die Nachfrage war in den letzten Monaten sehr hoch, da viele Spekulanten eingestiegen sind, um „auch schnell reich zu werden“. Genau da sehe ich aber das Problem und das Anzeichen einer Blasenbildung. Spekulanten haben die Eigenschaft, zeitnah wieder aussteigen zu wollen. Dieses erhöhte Angebot kann dann auf die Kurse drücken und sich selbst verstärkende Abwärtsspiralen hervorrufen. Aber: Ob es sich bei Bitcoin tatsächlich um eine Spekulationsblase handelt - obwohl es schon sehr deutlich danach aussieht – kann man erst sagen, wenn die zentrale Eigenschaft einer Spekulationsblase erfüllt wird: Sie platzt. Vielleicht ist es das, was wir gerade sehen. Der Kurs sank in den letzten Wochen von 50.000 Euro auf rund 30.000 Euro.

FOM: In den letzten Wochen glich der Kursverlauf sämtlicher Kryptowährungen einer Berg-und-Tal-Fahrt. Was waren die Gründe für die großen Kursverluste?

Preuss: Eine Ursache für den derzeitigen Kursverfall ist in China zu finden. Die chinesische Notenbank forderte kürzlich die Finanzinstitute dazu auf, keine Dienstleistungen mehr im Zusammenhang mit Kryptowährungen anbieten und chinesische Anleger wurden davor gewarnt, mit Kryptowährungen zu spekulieren. Der chinesischen Regierung sind auch die vor Ort ansässigen Mining-Firmen ein Dorn im Auge. Einige Miner haben daher bereits angekündigt, ihre Aktivitäten in China einzustellen. Der Vorsitzende der japanischen Notenbank äußert sich auch kritisch gegenüber Bitcoin und prangert die hohen Kursschwankungen den hochspekulativen Charakter der Kryptowährung an. In Amerika formiert sich ebenfalls Widerstand gegen die Nutzung unregulierter Digitalwährungen. Und nicht zuletzt ist Elon Musk, CEO von Tesla, mit seinen Tweets zu einem Risikofaktor für die Krypto-Szene geworden. Erst hat er verkündet, Tesla habe Bitcoins im Wert von 1,5 Milliarden US-Dollar gekauft und die Kryptowährung werde als Zahlungsmittel beim Kauf eines Autos akzeptiert. Kurze Zeit später hat er diese Aussage dann aber wegen des hohen Stromverbrauchs, der beim Bitcoin-Mining anfällt, wieder revidiert.

Prof. Dr. Kristian Giesen, Experte für Volkswirtschaft und Finanzwesen an der FOM und Prof. Dr. Peter Preuss, Experte für Wirtschaftsinformatik an der FOM (Foto: FOM/Schulte)


FOM: Falls der Bitcoin eine Spekulationsblase ist, was wären die Auswirkungen des Platzens?

Giesen: Dann hätte Bitcoin in der Retroperspektive zu einer massiven Vermögensumverteilung geführt. Diejenigen, die rechtzeitig ausgestiegen sind, wären auf Kosten der „Zu-spät-Ausgestiegenen“ reich geworden. Die 18,7 Millionen Bitcoins sind momentan ca. 550 Milliarden Euro wert, der Daimler Konzern hat hingegen einen Wert von ca. 80 Milliarden. Lassen Sie mich einen weiteren Vergleich ziehen: Mit 550 Milliarden Euro könnte man ca. 1,1 Millionen Häuser bauen. Wenn vier Personen in einem Haushalt leben, würde das eine Stadt mit ca. 4,5 Millionen Menschen ergeben und wäre damit größer als Berlin. Nota bene: Die Personen, die bei einer kompletten Talfahrt ihr Geld verlieren, sind ja nicht alle bei einem Kurs von unter 10 Euro eingestiegen, sondern haben den Bitcoin auch zu hohen Kursen gekauft. Eine große Gefahr von Spekulationsblasen ist, dass es anschließend zu einer Wirtschaftskrise kommt. Das kann ich mir bei Bitcoin aber nicht vorstellen, da die Banken nur eingeschränkt involviert sind. Die Verluste werden für die einzelnen Personen schmerzhaft sein, das Finanzsystem wird aber nicht destabilisiert.

FOM: Denken Sie, dass sich Kryptowährungen irgendwann als Zahlungsmittel etablieren werden?

Giesen: Das wäre grundsätzlich schon denkbar. Ich stelle es mir aber schwierig vor, da es inzwischen mehr als 2.000 unterschiedliche Kryptowährungen gibt und diese starke Wertschwankungen unterliegen. Generell kann über die Zukunft der Zahlungsmittel aus heutiger Sicht keine zuverlässige Prognose erstellt werden. Ich persönlich glaube zwar an eine zeitnahe Abschaffung von Bargeld. Das bedeutet aber nicht automatisch, dass Kryptowährungen dadurch beliebter werden. Dabei sei auch noch erwähnt, dass bisher noch nicht klar ist, wie Kryptowährungen gelenkt werden und/oder ob das überhaupt wünschenswert ist. Beim klassischen Zahlungsmittel – für uns der Euro – steht die EZB dahinter und greift lenkend ein, mit dem Ziel, eine stabile Währung zu gewährleisten. Den Bitcoin kann ich mir nicht als etabliertes Zahlungsmittel vorstellen, auch wenn er in manchen Bereichen salonfähig wird.

Prof. Dr. Peter Preuss lehrt Wirtschaftsinformatik an der FOM Hochschule für Berufstätige in Stuttgart. Zu seinen fachlichen Einsatzfeldern gehören IT-Sicherheit, ERP-Technologie, IT-Management, Informations- und Prozesstechnologien sowie Datenverarbeitung. Parallel zu seiner Lehrtätigkeit ist Peter Preuss geschäftsführender Gesellschafter der Unternehmensberatung People Consolidated GmbH, die sich auf die Einführung von SAP-Produkten für das Konzernrechnungswesen und -controlling spezialisiert hat.

Prof. Dr. Kristian Giesen lehrt an der FOM Hochschule für Berufstätige in Stuttgart vor allem in den Bereichen Volkswirtschaftslehre, Finanzmathematik, Statistik und Risikomanagement. Er ist zudem freiberuflicher Berater im Risikomanagement für Banken und Finanzdienstleister.