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Berliner Wirtschaftspsychologin Prof. Dr. Katharina Sachse:

Darum gibt es immer noch Impfskeptiker

Früher waren es Impfungen gegen Masern oder die Grippe, heute ist es der Impfstoff BNT162b2 von BioNTech gegen das Corona-Virus: Solange es Impfungen gibt, werden auch Impfskeptiker existieren. Also Menschen, die sich eher dagegen aussprechen, sich selbst, die eigenen Kinder oder die Allgemeinheit mit einem Impfstoff gegen eine Krankheit zu schützen. Prof. Dr. Katharina Sachse, Professorin für Wirtschaftspsychologie an der FOM in Berlin, beschäftigt sich seit zehn Jahren mit den psychologischen Aspekten des Impfens. Wir haben sie im Interview gefragt, welche Motive hinter Impfskepsis stecken.

12.11.2020 | Berlin

FOM Hochschule: Eigentlich ist doch alles klar: Impfungen schützen und schaden eher selten. Warum glauben Menschen das nicht?

Prof. Dr. Katharina Sachse: Menschen bewerten Risiken nicht objektiv und entscheiden nicht rational, gerade wenn es um emotionale Themen geht. Es herrscht wissenschaftlicher Konsens darüber, dass Impfungen einen großen Nutzen für die Vermeidung zahlreicher Infektionskrankheiten besitzen. Dennoch gibt es zahlreiche psychologische Phänomene, die Verzerrungen bei der Impfentscheidung erklären.

Grundsätzlich wiegen mögliche Schäden subjektiv schwerer als es vergleichbare Gewinne tun. Allein die minimale Wahrscheinlichkeit einen Schaden zu erleiden führt dazu, vor dem Impfen zurückzuschrecken. Zumal man sich dann für den Schaden selbst verantwortlich fühlt, da man die Impfung ja bewusst zugelassen hat. Eine Infektion ist hingegen ein scheinbar zufälliges Ereignis, quasi Schicksal. Außerdem gibt es die Tendenz, natürliche Risiken für geringer zu halten, deshalb finden einige Menschen Masern weniger schlimm als die „künstliche“ Masernschutzimpfung.

Ein weiteres Phänomen ist, dass die Risiken der Erkrankung oft zu wenig präsent sind, da es aufgrund der Impferfolge heute kaum noch Erfahrungen mit Mumps & Co. gibt. Die Wahrnehmung der eigenen Gefährdung ist jedoch Voraussetzung für Präventionsverhalten.

FOM: Mangelndes Vertrauen in die Wissenschaft – ist das Ihrer Einschätzung nach ein Grund für die Impfskepsis?

Sachse: Vertrauen ist tatsächlich ein wesentlicher Einflussfaktor für die Impfbereitschaft, das zeigen Studien. Leider scheint das Vertrauen in die Wissenschaft abzunehmen. Das hat aus meiner Sicht verschiedene Gründe. Bei Corona gab es vor allem zu Beginn der Pandemie oft widersprüchliche Aussagen aus der Wissenschaft, z.B. zum Nutzen von Alltagsmasken. Diese Widersprüchlichkeit lässt den Eindruck entstehen, dass die Wissenschaft selbst nicht weiß, was zu tun ist, also warum sollte man ihr dann Glauben schenken. Unterschiedliche Ansätze und scheinbar widersprüchliche Ergebnisse sind jedoch ein ganz normaler Weg zum Erkenntnisgewinn, genauso wie die kritische Auseinandersetzung mit den Ergebnissen. Der wissenschaftliche Austausch findet dabei eigentlich über gegenseitige Begutachtungen von Publikationen und Fachkongresse über mehrere Jahre statt. Bei Corona wurden jedoch nahezu täglich neue Ergebnisse einer breiten Öffentlichkeit präsentiert, ohne dass diese zuvor durch die Fachcommunity begutachtet und abgesichert wurden. Wenn Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen in Talkshows ihre verschiedenen Ansichten austauschen, ist das für die Öffentlichkeit natürlich verwirrend.

FOM: Erst wenn 80 Prozent gegen Corona geimpft sind, sei die Krise vorbei, glauben Experten. Mit Geld können genügend Menschen von einer Impfung überzeugt werden, meint ein britischer Forscher. Welche Wege wären Ihrer Meinung nach sinnvoll, Menschen zu überzeugen?

Sachse: Ich würde vermuten, so eine Aussage würde ein Ökonom und kein Psychologe treffen. Aus psychologischer Sicht sind monetäre Anreize für ein Verhalten, das viele freiwillig zeigen, eher kontraproduktiv. Soziale Verantwortung wäre meiner Meinung nach ein gutes Argument, um die Impfbereitschaft zu fördern. Studien zeigen, dass Menschen eher zum Impfen bereit sind, wenn sie davon überzeugt sind, damit etwas Gutes für die Allgemeinheit zu tun. Dieser Aspekt könnte meiner Ansicht nach stärker kommuniziert werden, um Menschen zum Impfen zu bewegen.

Sachse Professorin Wirtschaftspsychologie FOM Berlin
Prof. Dr. Katharina Sachse, Professorin für Wirtschaftspsychologie an der FOM in Berlin

Wichtig ist, auch den einfachen Zugang zur Impfung zu kommunizieren und durchzuführen. Von anderen Impfungen ist bekannt, dass viele sich nicht impfen lassen, weil der Gang zur Ärztin zu aufwendig scheint, der Terminplan zu voll ist oder andere Hürden des Alltags im Wege stehen. Die Impfung gegen COVID-19 sollte ohne Aufwand zu erhalten sein, bspw. indem Pflegepersonal direkt am Arbeitsplatz geimpft wird.

FOM: Man könnte meinen, dass seit Corona mehr Impfmythen durch die Gesellschaft geistern. Ist das ein Trugschluss oder warum sind Krisen ein guter Nährboden für Absurditäten?

Sachse: Dass Impfmythen aktuell wieder prominenter erscheinen, liegt daran, dass sich Impfgegner und -skeptiker lautstark an den Querdenken-Demos beteiligen. Tatsächlich ist die Pandemie ein Katalysator für die Entstehung und Verbreitung von Verschwörungsideologien. Wir alle erleben durch die neuartige Situation und die fehlenden Handlungsmöglichkeiten einen Kontrollverlust. Selbstverständlichkeiten wie der Restaurantbesuch, der Sommerurlaub oder Familienfeiern sind plötzlich nicht mehr möglich. Und daran soll ein unsichtbares Virus schuld sein, das plötzlich vom Tier auf den Menschen übergesprungen ist? Das ist für manche nicht vorstellbar.

Zudem sind die Zusammenhänge zwischen Infektionsgeschehen, wirtschaftlichen und sozialen Folgen sehr komplex und oft nicht unmittelbar sichtbar. Wenn ich fest davon überzeugt bin, dass das Corona-Virus nicht existiert, dann lasse ich mich nicht impfen. Und wenn dann jemand kommt, der mir die Impfung empfiehlt, dann muss wohl auch dahinter eine Verschwörung stecken. In dem Fall bin ich dann natürlich empfänglich für die schon lange bekannten Impfmythen, insofern könnte es sein, dass diese durch Corona wieder stärker verbreitet werden.

Prof. Dr. Katharina Sachse ist Wissenschaftlerin beim iwp Institut für Wirtschaftspsychologie

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