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  • Mai
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Wie können Unternehmen in Corona-Zeiten geeignete Azubis finden?

Digitales Recruiting von Azubis – Experten im Interview

Was sind derzeit die größten Herausforderungen ausbildender Betriebe und Unternehmen? Wie gehen Unternehmen beispielsweise mit der Azubisuche um? Und welche Auswirkungen hat das Virus auf den Recruiting-Prozess? Petra Pigerl-Radtke, stellvertretende Hauptgeschäftsführerin der IHK Mittlerer Niederrhein, zuständig für den Bereich Bildung, und HR-Experte Dominik Engels beantworten diese und weitere Fragen im Interview. Dominik Engels ist FOM Absolvent und seit 2019 auch FOM Dozent. Er studierte zunächst Wirtschaftsrecht und absolvierte anschließend seinen Master mit dem Schwerpunkt „Human Resources“ an der FOM in Neuss. Im Gespräch gibt der Leiter Personalmanagement der QSC AG Tipps, wie sich insbesondere die Unternehmen, die von der Krise profitieren, gerade in diesen Zeiten besser positionieren können.

19.05.2020 | Neuss

Was sind derzeit die größten Herausforderungen der ausbildenden Betriebe und Unternehmen?

Dominik Engels: Die Anforderungen bei der Suche junger Auszubildender sind vielfältig und unbedingt ausbildungsberufs- und branchenabhängig zu betrachten. Eine allgemeine Herausforderung der Digitalisierung ist die jederzeit verfügbare Informationsmöglichkeit über Betriebe in den sozialen Medien sowie auf speziellen Seiten, wie z.B. kununu, azubiyo.  Betriebe, die ihrem Außenauftritt und zielgruppenspezifischem Employer Branding immer noch eine zu geringe Aufmerksamkeit schenken, stehen per se bei der heutigen Auswahlmöglichkeit „hinten an“.

Petra Pigerl-Radtke: Die Corona-Pandemie sorgt bei den Jugendlichen für eine große Verunsicherung. Das erschwert das Recruitment der Unternehmen, die suchen, erheblich – beispielsweise in der IT- oder der Medizinbranche. Es gibt aber natürlich auch Bewerbungsprozesse, die ohnehin erstmal auf Eis gelegt worden sind und erst wiederaufgenommen werden, wenn die Existenzsorgen abnehmen.

Dominik Engels, HR-Experte, FOM Absolvent und Dozent im Homeoffice (Foto: Privat)

Herr Engels, was würde es für das Recruiting und den Arbeitgebermarkt bedeuten, Aktivitäten jetzt komplett einzustellen und erst nach Eindämmung des Corona-Virus wieder hochzufahren?

Jetzt das Recruiting „auf Null“ zu fahren, halte ich für falsch – zumindest bei den Unternehmen, die keine Existenzsorgen haben müssen. Noch ist nicht absehbar, wie lange die derzeitige Situation anhält und wie (schnell) sich die wirtschaftliche Lage erholen wird. Ich denke, gerade die jetzige Situation bietet die Möglichkeit, vermehrt Kapazitäten ins Active Sourcing, also der Direktansprache von potentiellen Kandidaten, zu investieren – nicht unbedingt bei Auszubildenden, jedoch bei Arbeitnehmern. Auch, wenn die zukünftige Entwicklung des eigenen Betriebs noch nicht genau vorhersehbar ist, kann das Active Sourcing trotz fehlender Vakanzen genutzt werden, um ein entsprechendes Netzwerk aufzubauen bzw. zu erweitern.

Petra Pigerl-Radtke, stellvertretende Hauptgeschäftsführerin der IHK Mittlerer Niederrhein (Foto: IHK)

Stichwort digitales Recruiting: Es ist ja generell in den letzten Jahren immer schwieriger geworden, junge Menschen von einer Ausbildung zu überzeugen – im vergangenen Jahr waren über 50.000 Stellen unbesetzt. Könnte die Corona-Krise in bestimmten Branchen also auch eine Chance für Unternehmen sein?

Kurzum: Ja. Die Ansprache auf Augenhöhe und das Erwecken von Interesse durch einen ansprechenden Außenauftritt, Nähe zum Bewerber und eine schnelle Reaktionszeit können helfen, die richtigen Bewerber zu finden. Herausforderungen und Anforderungen an ein gutes Employer Branding werden in mittelständischen und großen Betrieben in der Regel schon wahrgenommen. Doch wie sieht es mit dem kleinen Handwerksbetrieb im Ort mit einigen wenigen Mitarbeitenden und keinem bis wenig Budget für das Employer Branding aus? Auch hier kann, neben der klassischen Homepage oder der Anzeige in lokalen Printmedien, der Einsatz von Social Media relativ einfach realisiert werden. Was wir gerade in vielen Bereichen aufgrund der Corona-Krise erleben, würde ich auch hier als Tipp mitgeben: An all diejenigen, die im Jahr 2020 immer noch nicht auf Social Media unterwegs sind, „Einfach mal machen“ bzw. sich ausprobieren!

Frau Pigerl-Radtke, sehen Sie das ähnlich? 

Ja, es ist durchaus möglich, dass die Vorzeichen für digitales Recruitment durch Corona besser geworden sind. Letztlich ist es uns allen gelungen, in kurzer Zeit digitale Lösungen zu finden, die uns helfen, bestehende Arbeitsweisen zumindest in Teilen zu ersetzen. Gleichwohl zeigen unsere Erfahrungen, dass in Sachen Berufsorientierung und Ausbildungsplatzsuche auch die jungen Menschen analoge Verfahren zu schätzen wissen. Ich kann mir vorstellen, dass wir in Zukunft auch bei der Rekrutierung stärker mit Mischformen arbeiten werden (blended recruitment), so dass zum Beispiel fürs erste Vorgespräch digitale Wege genutzt werden und die Feinauswahl dann Face to Face stattfindet. Weitere Elemente des Bewerbungsprozesses von Azubis werden sicher weiterhin live stattfinden – wie Schnuppertage und Praktika.

Studieninteressierte können sich im Rahmen von Online-Infoveranstaltungen über das berufsbegleitende Studienangebot der Neusser FOM informieren und persönliche Fragen klären. Weitere Infos unter www.fom.de/neuss