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26.04.2017 | Essen

FOM Student druckt Prothesen

Lars Thalmann hat ein Herz für Tiere – und für die Technik

Völlig übermütig rast Söckchen auf ihren langen Beinen durch die Büsche des Weltvogelparks Walsrode. Das Greifvogel-Weibchen hüpft immer wieder von einem Bein aufs andere und scheint ihr Glück selbst kaum fassen zu können. Denn Söckchen ist zum ersten Mal seit langem wieder auf zwei Beinen unterwegs – und das hat sie Maschinenbau-Student Lars Thalmann von der FOM in Essen zu verdanken. Der 36-jährige Mitbegründer des Vereins e-Nable Deutschland fertigt Prothesen für Mensch und Tier an – mit einem 3D-Drucker.

Söckchen kann wieder laufen (Foto: Lars Thalmann)
Söckchen kann wieder laufen (Foto: Lars Thalmann)

Herr Thalmann, was hat es mit Söckchen auf sich?
Söckchen ist ein afrikanischer Sekretär-Vogel. Sie war lange Zeit Teil der Flugshow, brach sich jedoch eines Tages das linke Bein. Der Park bat mich vom Verein e-Nable, eine Beinprothese für Söckchen anzufertigen. Das war schon ein toller Moment, als ich nach all der Arbeit sah, wie gut sie mit Prothese wieder laufen konnte.

E-Nable (enable) heißt ermöglichen. Was ermöglicht der Verein?
Mit Hilfe des 3D-Drucks fertigen wir mechanische Prothesen an, die Mensch und Tier ein einfacheres Leben ermöglichen. E-Nable stammt ursprünglich aus den USA und hat seit 2014 über 2.000 Prothesen mit 3D-Druckern hergestellt. Als ich von dem Konzept erfuhr, war mir sofort klar: Da mach ich mit!

Gesagt, getan, gedruckt…
Ich kaufte einen 3D-Drucker und fertigte die erste Handprothese für ein Mädchen an. Etwa zeitgleich belegte ich an der FOM das Modul ‚Fertigungstechnik und 3D-Druck‘, sodass ich das Wissen auf dem Hörsaal direkt am Drucker anwenden konnte. Nachdem ein Experte die Prothese geprüft hatte, gründete ich Ende letzten Jahres e-Nable auch in Deutschland. Aufgrund der preiswerten Materialien liegen die Kosten für eine Prothese bei nur 30 Euro.

Lars Thalmann in Aktion (Foto: Lars Thalmann)
Lars Thalmann in Aktion (Foto: Lars Thalmann)

Worin liegt für Sie die Faszination beim 3D-Druck?
Als Maschinenbau-Student befasse ich mich im Hörsaal an der FOM regelmäßig mit Themen wie Werkstofftechnik, Festkörperaufbau oder Konstruktionstechnik. Und darum geht es auch beim 3D-Druck – das ist einfach genau mein Ding. Der besondere Reiz liegt aber darin, dass ich mit den gedruckten Prothesen Menschen und Tieren helfe.

…Gedruckte Prothesen – wie funktioniert das?
Zuerst komme ich mit den Betroffenen ins Gespräch und zeige ihnen verschiedene Handprothesen. Die Modelle unterscheiden sich in Farbe, Funktion und Form. Die Greifbewegung wird bei jeder Handprothese durch Knickbewegungen von Handgelenk oder Ellenbogen generiert. Ich messe die Resthand aus und designe die Prothese anschließend am Computer. Der 3D-Drucker braucht dann etwa 22 Stunden, um die Prothese Schicht für Schicht aufzubauen.

Hilft Ihnen das Wissen aus dem Studium dabei weiter?
Regelmäßig: Welche Belastung muss die Prothese aushalten? Reichen 2x2 Millimeter Dicke? Und welcher Faserverlauf ist erforderlich? Das Knowhow aus dem Studium ist bei der Beantwortung solcher Fragen unverzichtbar. Und so manches Mal habe ich auch schon Kommilitonen und Dozenten um Rat gefragt.

Der 3D-Drucker bei der Arbeit (Foto: Lars Thalmann)
Der 3D-Drucker bei der Arbeit (Foto: Lars Thalmann)

Sind bereits weitere Projekte für die Zukunft geplant?
Aktuell fertige ich Handprothesen für zwei junge Männer aus einem Münchner Flüchtlingsheim an. Ansonsten stehen auch noch ein Hund und ein Storch auf der Warteliste. Außerdem weise ich im Rahmen meiner Bachelor-Arbeit gerade nach, dass die verbauten Komponenten meiner Prothesen dem nötigen Druck auch wirklich standhalten. Und fest steht schon jetzt, dass ich auch den Master in Maschinenbau an der FOM studieren werde.