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05.10.2016

Aktuelles

Forschen an der Schnittstelle von BWL und Theologie

In Pastoraltheologie promovieren, anschließend als Unternehmensberater arbeiten und nun an einer Hochschule mit Schwerpunkt Wirtschaftswissenschaften forschen und lehren. Für Prof. Dr. Thomas Suermann de Nocker sind das keine Gegensätze. Der Experte des KCU KompetenzCentrum für Unternehmensführung & Corporate Governance bewegt sich seit seinem Studium an der Schnittstelle von BWL und Theologie. Ein Beispiel: Vergangenes Jahr hat er die Aufsichtsräte kirchlicher Banken verglichen und dabei u.a. strukturelle Mängel bei der Besetzung aufgedeckt. Wie er in dieser Forschungsnische gelandet ist und mit welchen Themen er sich aktuell befasst, berichtet er im Interview.

Prof. Dr. Thomas Suermann de Nocker
Prof. Dr. Thomas Suermann de Nocker

Wie sah Ihr Weg an die FOM Hochschule aus?

Prof. Dr. Suermann de Nocker: Nach meinem Studium der Theologie, Mathematik, Geographie und Christlichen Sozialwissenschaften in Münster und Madrid wollte ich weiter im Hochschulbereich aktiv bleiben und hatte berufsbegleitend unterschiedliche Lehraufträge – zum Beispiel an der Universität Münster, der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg, der Hochschule Rhein-Waal und der Hamburger Fernhochschule. An der FOM Hochschule habe ich mich initiativ beworben und bin schlussendlich dort geblieben. Aktuell unterrichte ich strategisches Management, Wirtschaftsethik sowie Organisationsentwicklung und -gestaltung, vornehmlich am Studienzentrum Essen.

Parallel zur Lehre engagieren Sie sich am KCU KompetenzCentrum für Unternehmensführung & Corporate Governance.

Prof. Dr. Suermann de Nocker: Der Kontakt kam über den wissenschaftlichen Leiter des KCU, Prof. Dr. Peter Ruhwedel, zustande. Ihn habe ich während meines MBA-Studiums an der FOM kennengelernt, das ich berufsbegleitend absolviert habe. Er hat meine Abschlussarbeit betreut und mich über den Zeitraum des Projektes „Thesis“ hinaus für die Forschung begeistert.

Ihre Forschungsschwerpunkte sind eher ungewöhnlich…

Prof. Dr. Suermann de Nocker: Ich bin sicherlich nicht das, was man den typischen BWL-Professor nennt. In Sachen Forschung befasse ich mich mit kirchlichem Management, der Profilbildung konfessioneller Sozial- und Gesundheitseinrichtungen sowie Corporate Governance im Non-Profit-Sektor. Meine Arbeit ist dabei sehr anwendungsorientiert. Sie werden meine Artikel eher abseits des wissenschaftlichen Elfenbeinturms und nicht in klassischen Peer-Review-Magazinen finden.

Was sind Fragen, mit denen Sie sich beschäftigen?

Prof. Dr. Suermann de Nocker: In meiner Zeit an der FOM habe ich bislang zwei größere Publikationen auf den Weg gebracht. In der einen habe ich einen Beratungsansatz konzipiert, der speziell auf Non-Profit-Organisationen in Deutschland gemünzt ist. Gerade die US-amerikanische Forschung ist in dem Bereich weiter als wir. In der anderen habe ich die Aufsichtsräte kirchlicher Banken unter die Lupe genommen. Ein Thema, das in der Öffentlichkeit sehr viel Aufmerksamkeit erregt hat. Schließlich sprechen wir hier nicht von kleinen Provinzbanken, sondern von Einrichtungen, die Bilanzsummen im Milliardenbereich vorzuweisen haben. Und wenn sich dann herausstellt, dass im Aufsichtsrat einer der größten Genossenschaftsbanken Deutschlands 15 Priester, eine Ordensschwester und nur ein Wirtschaftswissenschaftler sitzen, wirft das natürlich Fragen auf… Das heißt keineswegs, dass die Banken schlecht gesteuert werden, gewisse systemische Risiken können aber mit solch einer Besetzungspolitik verbunden sein.

Die Kombination BWL und Theologie wirkt auf den ersten Blick ungewöhnlich…

Prof. Dr. Suermann de Nocker: …erklärt sich aber aus meinem Werdegang. Nach meinem Studium habe ich in einer Unternehmensberatung gearbeitet und branchenübergreifend Firmen zu Organisations- und Strategiethemen beraten. Für diesen Schritt gab es zwei Gründe. Zum einen haben mich BWL-Fragestellungen schon immer interessiert und die Arbeit in der Beratung fand ich spannend. Zum anderen bestand in Unternehmensberatungen eben die Möglichkeit, auch als Quereinsteiger Fuß zu fassen. Das ist in vielen Konzernen nicht ohne weiteres möglich. Ganz neu war die Welt der Unternehmensberatung aber für mich nicht. Ich hatte im Studium ein Praktikum bei der Firma McKinsey gemacht und meine Promotion der Branche gewidmet. In dieser hatte ich Beratungsprozesse in katholischen Diözesen auf ihre betriebswirtschaftliche und pastorale Nachhaltigkeit untersucht. Konkret hatten sich in den Jahren davor mehrere Diözesen in einer finanziell sehr schwierigen Situation befunden und externe Unterstützung von großen Unternehmensberatungen geholt. Ich habe analysiert, wie Entscheidungen zustanden gekommen sind, welche der vorgeschlagenen Maßnahmen wirklich umgesetzt worden sind und was das für die Arbeit der Diözesen bedeutet hat. Es ist nun einmal so, dass die Kirche keine Kuh ist, die im Himmel gefüttert und auf Erden gemolken wird; jeder Euro kann nur einmal ausgegeben werden.

Letztlich habe ich aber festgestellt, dass sich die Tätigkeit in einer Unternehmensberatung mit den vielen Hotelnächten nicht mit meiner Familienplanung vereinbaren lässt. Deshalb bin ich nach zwei Jahren als Festangestellter in den freiberuflichen Status gewechselt und habe mich auf den Bereich Kirche, Caritas und Diakonie fokussiert – in Kombination mit Aktivitäten in Forschung und Lehre.

Es gibt einige Unternehmensberatungen, die auch Kunden im Bereich der Kirche haben. Gilt das auch für Forscherinnen und Forscher an der Schnittstelle BWL/Theologie?

Prof. Dr. Suermann de Nocker: Die sind eher spärlich gesät. Prof. Dr. Bernd Halfar von der KU Eichstätt wäre ein Beispiel. Aber er konzentriert sich vor allem auf Fragen im Bereich Sozialmanagement. Dann ist da noch Prof. Dr. Dr. Ulrich Hemel, der Gründer des Instituts für Sozialstrategie, der zu Kirche und Management forscht.

Aber in Summe gilt: BWL-Fragen und – salopp formuliert – Verwaltungskram sind für viele Theologen schlicht langweilig. Oft fehlt auch das entsprechende Hintergrundwissen. Was natürlich nicht heißt, dass es unter den Theologen nicht viele hervorragende Verwaltungsfachleute gibt, aber die sind eben nicht in der Forschung unterwegs. BWLer wiederum haben kirchliche Managementfragen in der Forschung nicht auf dem Schirm, dafür erscheint ihnen Kirche oft zu undurchschaubar. Zudem verhindern ein fehlendes Verständnis für den grundsätzlichen Organisationszweck und die zuweilen recht speziellen Kirchenstrukturen, Forschungsfragen irgendwo ansetzen zu können.

Warum lohnt es sich trotzdem, hier auch als Forscher genauer hinzusehen?

Prof. Dr. Suermann de Nocker: Schon während meiner Promotion habe ich festgestellt, dass viele der Fragestellungen, mit denen ich mich befasst habe, wissenschaftlich noch gar nicht reflektiert worden sind. Gerade an der Schnittstelle BWL/Theologie steckt also noch jede Menge Potenzial. Darüber hinaus kann ich mir sicher sein, dass meine Themen auch gelesen werden. Kirchen und konfessionelle Einrichtungen haben ein großes Interesse an betriebswirtschaftlichem Know-how und Input. Das zeigt sich auch an vielen Veranstaltungen, zu denen ich eingeladen werde. Anfang September war ich beispielsweise auf einer Tagung der Deutschen Bischofskonferenz und habe einen Vortrag zu kirchlichen Organisationsentwicklungsprozessen gehalten. In den nächsten Wochen in ich auf zwei weiteren Kongressen zu Kirchenmanagement mit Beiträgen vertreten.

Und was sind Themen, mit denen Sie sich aktuell beschäftigen?

Prof. Dr. Suermann de Nocker: Momentan treiben mich vor allem drei Fragestellungen um. Die erste: Wie können katholische Pfarrer von Verwaltungsaufgaben entlastet werden? Hintergrund ist die Tatsache, dass bei immer weniger Priestern die Verwaltungs- und Leitungsaufgaben auf immer weniger Schultern verteilt werden. Hier gilt es, verschiedene Modelle zur Verwaltungsentlastung zu erarbeiten und neue Leitungskonzepte zu entwickeln.

Die zweite Fragestellung dreht sich um die Trägerschaft von konfessionellen Kindertagesstätten, die je nach Bistum oder Landeskirche ganz unterschiedlich gestaltet wird. Da die Strukturen der Kirchengemeinden sich ändern und die Kita-Finanzierung vom Land immer schwieriger ist, gibt es da verschiedene Ansätze, sich organisatorisch neu aufzustellen. Die von den Kirchengemeinden im Bistum Essen getragenen Kitas haben sich zum Beispiel schon vor Jahren zu einem Zweckverband mit rund 18.000 Betreuungsplätze in über 200 Einrichtungen zusammengeschlossen. Ich untersuche, welche Chancen und Risiken solche Trägermodelle mit sich bringen.

Last but not least befasse ich mich mit der Frage, wie konfessionelle Sozial- und Gesundheitseinrichtungen ihr christliches Profil stärken und z. B. als Wettbewerbsvorteil auf dem Arbeitsmarkt nutzen können. Natürlich ist ein katholischer Arbeitgeber für manche Nichtchristen etwas gewöhnungsbedürftig und mag zuweilen abschreckend wirken. Aber in einem gemeinnützigen Haus zu arbeiten, das werteorientiert das Patientenwohl in den Vordergrund stellt und – soweit es der hart umkämpfte Gesundheitsmarkt erlaubt – bewusst beim Profit Abstriche mache, kann ein Arbeitsumfeld sein, welches für viele Ärzte und Pfleger mit Herzblut sehr befriedigend sein kann.