Unsere Gesellschaft wird immer älter. Welche Herausforderungen bringt der demografische Wandel für die Altenhilfe mit sich?
Prof. Dr. Kathrin Bieler: Wir stehen vor einem doppelten Druck: Mehr Menschen benötigen Unterstützung, gleichzeitig werden ihre Lebenslagen vielfältiger. Hochaltrigkeit, der Wegfall familiärer Netze sowie Multimorbidität – das heißt, dass mindestens zwei chronische Krankheiten vorliegen – sind längst keine Ausnahmen mehr. Altenhilfe darf deshalb nicht nur körperliche Pflege meinen, sondern muss auch beraten, psychosozial unterstützen und gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen. Der demografische Wandel zwingt uns, Altenhilfe ganzheitlich zu begreifen: als Zusammenspiel aus Pflegepraxis, Sozialer Arbeit und kommunalen Strukturen.
Wie hat sich die Altenhilfe in den vergangenen Jahrzehnten entwickelt? Welche Fortschritte, aber auch Defizite sehen Sie?
Prof. Bieler: Es hat durchaus positive Entwicklungen gegeben, etwa mehr Aufmerksamkeit für den Umgang mit Menschen mit Demenz oder im Bereich der Palliativ-Versorgung. Aber von tiefgreifenden Veränderungen können wir nicht sprechen. Einerseits gibt es heute mehr Differenzierung und Professionalisierung, andererseits bleiben die Grundprobleme bestehen – Fachkräftemangel, Kostendruck und vor allem zu wenig Zeit für Beziehungsgestaltung und Beratung.
Inwiefern haben sich die Erwartungen und Bedürfnisse älterer Menschen im Vergleich zu früheren Generationen verändert?
Prof. Bieler: Ältere Menschen treten heute deutlich selbstbewusster auf. Sie fordern Mitgestaltung, möchten beraten werden und ihre Biografie, Kultur oder Religion in den Alltag einbringen. Standardisierte Routinen werden schnell als entwürdigend erlebt. Genau hier sind Pflege und Soziale Arbeit gleichermaßen gefragt: Pflege, weil sie für körperliche Sicherheit und Unterstützung sorgt. Soziale Arbeit, weil sie Menschen stärkt, sie berät und Teilhabe ermöglicht. So entsteht eine Altenhilfe, die nicht nur Defizite ausgleicht, sondern auch im hohen Alter Zugehörigkeit und Selbstbestimmung sichert.
Was bedeutet dieser Wandel für die Qualifizierung von Fachkräften?
Prof. Bieler: Die Arbeit mit älteren Menschen ist heute hochkomplex. Fachkräfte brauchen nicht nur pflegerisches Wissen, sondern auch kommunikative, soziale und interdisziplinäre Kompetenzen. In meiner Forschung beschäftige ich mich zum Beispiel mit der Frage, wie sozialpädagogische Begleitung Auszubildende in der Pflege stärken kann – etwa um Ausbildungsabbrüche zu verhindern. Gute Qualifizierung bedeutet: Menschen nicht nur fachlich, sondern auch in ihrer Haltung so zu stärken, dass sie im Pflegealltag auf die Stärken und Fähigkeiten der Patientinnen und Patienten eingehen können – und nicht nur auf deren Einschränkungen.
Welche Rolle spielt die Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft, Praxis und Politik für eine zukunftsfähige Altenhilfe?
Prof. Bieler: Sie ist unverzichtbar. Wir brauchen keine Lösungen aus dem Elfenbeinturm, sondern tragfähige, gemeinsam entwickelte Ansätze. Die Wissenschaft kann Orientierung bieten, die Praxis weiß, was funktioniert – und die Politik muss die Rahmenbedingungen schaffen, damit beides zusammenwirken kann. Genau in diesem Dreieck bewegt sich auch meine Stiftungsprofessur: Es geht darum, wissenschaftliche Erkenntnisse in praxisnahe und gesellschaftlich wirksame Lösungen zu überführen.
Die Fragen stellte Sissy Niemann.
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