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  • 2021
  • Mai
  • FOM Vortragsreihe zur Arbeitswelt der Zukunft - Prof. Jutta Allmendinger: „Homeoffice hat ein Geschlecht"

FOM Vortragsreihe „Arbeitswelt der Zukunft: Game Changer Corona“

Prof. Jutta Allmendinger: „Homeoffice hat ein Geschlecht“

Sie arbeiten weniger Stunden im Job, doch ihre Stresskurven zeigen steil nach oben: In der Pandemie tragen Frauen mit Kindern unter den Arbeitnehmenden in Deutschland die größte Last.  Warum das Homeoffice gerade für sie zur Karrierefalle wird, was kurzfristig helfen und was auf lange Sicht mehr Chancengleichheit möglich machen könnte, beschrieb die Soziologin Prof. Jutta Allmendinger in ihrem spannenden Online-Vortrag „Homeoffice und die Gleichstellung von Frauen und Männern auf dem Arbeitsmarkt“. Über 85 Interessierte hörten der Präsidentin des Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) über Zoom zu und diskutierten mit. Die Veranstaltung fand im Rahmen der virtuellen Vortragsreihe „Arbeitswelt der Zukunft: Game Changer Corona“ der FOM Hochschule in Hamburg statt.

04.05.2021 | Hamburg

„Ich erwarte, dass Frauen aus vielen Gründen Narben davon tragen in dieser Pandemie. Sie haben Karriereschritte und extrem viel Zeit zum Netzwerken verpasst, dabei brauchen sie die Sichtbarkeit weit mehr als Männer. All das geht durch das Homeoffice zurück“, sagte Prof. Allmendinger. Warum der Anteil der Frauen im Homeoffice überproportional gestiegen sei, erklärte sie mit der Ausgangslage: Frauen in Deutschland arbeiten zu 65 Prozent in Teilzeit, Männer nur zu sechs Prozent. Damit habe Frauenerwerbstätigkeit in den vergangenen Dekaden nach „Köpfen“ stark zugenommen, nicht aber nach dem Arbeitsvolumen. Das zeige in der jetzigen Situation massive Folgen: „In den Familien gibt es Rollenzuschreibungen, was Teilzeitarbeit und Ganztagsjobs betrifft: Wer Teilzeit arbeitet, kümmert sich um die Kinder und den Haushalt. So muss man sich diese Homeoffice-Tage vorstellen.“ Frauen könnten sich seltener in ein eigenes Arbeitszimmer zurückziehen, seien schlechter ausgestattet und die ersten Adressaten für die Kinder. Auf ein sehr hohes Level an unbezahlter Arbeit in Familie und Haushalt hätten sie „noch mal draufgelegt“. Ersten empirischen Daten zufolge kamen Männer zwischen dem ersten und zweiten Lockdown wieder sehr schnell auf ihre volle Arbeitszeit, während Frauen länger als erwartet ausgesetzt und weniger Arbeitszeit beibehalten hätten.

Symbolbild: Eine Frau arbeitet im Homeoffice
Wird das Homeoffice für Frauen zur Karrierefalle? (Foto: sodawhiskey-stock.adobe.com)

Fehlende Sichtbarkeit

Ein bestürzendes Bild zeichnete die Soziologin von den langfristigen Auswirkungen der Pandemie auf Frauen-Erwerbsbiografien und nannte beispielhaft für „fatale Orientierungswechsel“ die Tendenz von Akademikerinnen, Karriereziele aufzugeben und in sichere, entfristete Stellen der Wissenschaftsunterstützung zu gehen, statt den Pfad hin zu einer Professur weiterzuverfolgen. Auch dies habe mit fehlender Sichtbarkeit durch das Arbeiten im Homeoffice zu tun. „Haben Sie 2020 neue Bekannte kennengelernt, mit denen Sie einen Kaffee getrunken und Visitenkarten getauscht haben?“ fragte die Wissenschaftlerin ihre Zuhörerinnen und Zuhörer. „Für mich ist immer der Lackmus-Test, wem ich zum ersten Mal eine Weihnachtskarte schreibe. Diesmal waren es vielleicht vier oder fünf, viel, viel weniger als sonst, und das, obwohl ich genauso viele Veranstaltungen hatte wie sonst.“ Für viele Frauen im Beruf sei das fatal, denn entfernte Bekannte hätten eine sehr große Bedeutung für den eigenen Entwicklungs- und Karriereprozess: „Nach Mark Granovetter ist das ‚The Strength of Weak Ties‘.“

Was schafft Chancengleichheit?

Damit es mit der Gleichstellung vorangeht, sei eine gesellschaftliche Diskussion erforderlich, ob man beim Modell der Familie mit 1,5 Erwerbstätigen bleiben oder ein 2,0-Modell anstreben wolle: „Meine Antwort darauf: Wir müssen eher auf eine 32-Stundenwoche für alle abzielen, damit auch Männer Luft haben, angebliche Frauenarbeit zu übernehmen. Welchen Zielkorridor wir anstreben, hat Implikationen für Tarifverhandlungen, Mindestlöhne, Kitaöffnungszeiten und Schulmodelle.“

Prof. Jutta Allmendinger
Prof. Jutta Allmendinger, Präsidentin des Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB). Foto: WZB / David Ausserhofer

Vor allem um Zukunftsperspektiven und Verwirklichungschancen ging es in der anschließenden Diskussion, die von den Organisatorinnen der Veranstaltungsreihe, Dr. Sabine Quirrenbach, Gesamt-Geschäftsleiterin der FOM in Hamburg, und Prof. Dr. Karin Marchand, FOM Professorin für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre und stellvertretende wissenschaftliche Gesamt-Studienleiterin, moderiert wurde. Teilnehmerinnen und Teilnehmer merkten unter anderem an, dass sich bei Männern Lebensziele und Wertvorstellungen hin zur Familie verschoben hätten und in Unternehmen die Bereitschaft wachse, neue Wege zu gehen. „Wir sind viel weiter als wir denken, es ist kein kognitives Problem mehr, sondern ein Handlungsproblem“, bekräftigte Prof. Allmendinger. Nach wie vor werde jedoch auf das Arbeitsmodell ununterbrochener Vollzeiterwerbstätigkeit gesetzt, obwohl die junge Generation ohne Wenn und Aber eine partnerschaftliche Arbeitsteilung wünsche. Sie müsse man durch Incentivierungsmomente dazu bringen, bei den eigenen Vorsätzen zu bleiben.

Nach konkreten Vorschlägen gefragt, sagte die Professorin: „Mehr Erziehungszeit für Väter wäre ein sehr einfaches Mittel. 98 Prozent nehmen derzeit die zwei Extra-Erziehungsmonate, die könnte man auf fünf Monate ausdehnen und bei den Frauen um zwei Monate runtergehen. Wenn die Väter dann auch mal in der alleinigen Verantwortung wären, würde sich viel verändern.“ Als weitere Anreize nannte Prof. Jutta Allmendinger das Ende des Ehegattensplittings sowie Pauschalbeträge beim Elterngeld statt einkommensabhängige Gestaltung.

Die Organisatorinnen der Reihe „Arbeitswelt der Zukunft: Game Changer Corona“ freuten sich über den inhaltsreichen Vortrag und die lebhafte Diskussion im Anschluss: „Prof. Allmendinger hat mit ihrer Bestandsaufnahme und ihren detailreichen Vorschlägen für mehr Gleichstellung den Kern unserer Veranstaltungsreihe getroffen. Wir freuen uns sehr, dass wir diese renommierte Wissenschaftlerin als Referentin gewinnen konnten“, so Dr. Sabine Quirrenbach.

Weitere Infos zur Veranstaltungsreihe „Arbeitswelt der Zukunft: Game Changer Corona“ gibt es hier.