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Engpässe bei Medikamenten

Münchner FOM Student entwickelt regionale Lösung

Ausverkauft. Derzeit nicht lieferbar. Diese Worte bekamen in den vergangenen Monaten viele Menschen zu hören, wenn sie in der Apotheke ihr Rezept für einen der gängigsten Blutdrucksenker einlösen wollten. Die Lieferengpässe bei durchschnittlich mehr als 200 Medikamenten in Deutschland haben Tobias Götz, der berufsbegleitend an der Münchner FOM Hochschule Wirtschaftsingenieurwesen studiert, auf eine Idee gebracht, wie die lokale Bevölkerung dennoch mit dem Originalmittel versorgt werden könnte.

13.01.2021 | München

Die Zahlen allein für München sind enorm: 339.000 Bürgerinnen und Bürger müssen den Blutdrucksenker Candesartan einnehmen. Dessen Verfügbarkeit ist aber nicht immer gewährleistet – jedes Jahr kommt es in der Landeshauptstadt zu einem Engpass von fast 18 Millionen Candesartan-Tabletten. Im Rahmen seiner Bachelor-Arbeit hat FOM Student Tobias Götz deshalb ein Konzept entwickelt, wie diese kritischen Lieferengpässe behoben werden können – mit dem Aufbau einer Fabrik im urbanen Umfeld Münchens, auf kleinstem Raum.

Produktion auf nur 80 Quadratmetern

„Bei einer Deckenhöhe von fünf Metern genügt eine Fläche von 80 Quadratmetern, um die Maschinen für die Tablettenfertigungslinie übereinander aufzubauen“, erklärt der 34-jährige Münchner. Die Miete für die Fläche läge bei rund 10.000 Euro pro Jahr. Zwischenlagerplätze würden aufgrund der modernen Produktionsweise und des kontinuierlichen Materialflusses wegfallen und dadurch viel Platz gespart. Nach seiner Ansicht dürften trotz der hohen Flächenkonkurrenz in der bayerischen Hauptstadt demnächst etliche Büroflächen frei werden, da sich viele Firmen wegen der Home-Office-Arbeit verkleinerten, um Kosten zu sparen.

Die urbane Fabrik müsste täglich rund 80.000 Tabletten produzieren, um den jährlichen Engpass zu kompensieren. Die Gesamtkosten für so ein Projekt betragen nach den Berechnungen von Tobias Götz rund 8,3 Millionen Euro. „Wenn damit Versorgungsengpässe verhindert werden können, ist das gesellschaftsrelevant und durchaus attraktiv für jede Großstadt in Deutschland“, resümiert Götz, der im Dezember sein Studium erfolgreich abschloss.

Oma und spannende Vorlesung gaben den Ausschlag

Dabei hatte er mit Medikamenten bis zu seinem letzten Semester nie etwas zu tun. Beim Bayerischen Rundfunk war er als gelernter Elektroniker und staatlich geprüfter Techniker mit anderen Themen befasst: Als Außentechniker im Übertragungswagen und Betreuer von Auslandsstudios war er früher oft auf Reisen. Mit dem Start seines Studiums wechselte er in den Innendienst ins Aktualitätszentrum. Dann begann die Corona-Pandemie und Medikamentenengpässe rückten ins allgemeine Bewusstsein. Als er seine Oma in Cham im bayerischen Wald besuchte und diese ihm aufgebracht erzählte, dass ihr gewohnter Blutdrucksenker in der Apotheke nicht mehr verfügbar sei und sie vom Ausweichpräparat unter unangenehmen Nebenwirkungen litt, befasste er sich genauer mit dem Thema. 

Zeitgleich besuchte Tobias Götz eine Vorlesung bei Professor Joachim Berlak über das noch junge Forschungsgebiet „Urbane Produktion“. „Das fesselte mich, denn ich wollte mehr darüber wissen, wie die Welt in zehn Jahren aussieht, wie dann das Stadtleben und der Warentausch funktionieren“, erklärt der Münchner. Schnell stand das Thema seiner Bachelor-Arbeit fest: „Wie lassen sich Medikamente für den lokalen Verbrauch produzieren?“ Eine wissenschaftliche Arbeit am Puls der Zeit zu erstellen, fand er zusätzlich spannend.

Tobias Götz hat an der Münchner FOM für seine Bachelor-Thesis ein Konzept zur regionalen Bekämpfung von Medikamenten-Knappheit entwickelt. Foto: Josef Bayer

Abhängigkeit von Pharmastandorten in Indien und China

Doch wie können solche Engpässe in Deutschland überhaupt auftreten, einem Land, das über eine lange Tradition in der Medikamentenherstellung verfügt und einst als „Apotheke Europas“ galt? „Die stetige Abwanderung und Verdichtung der produzierenden Pharmaindustrie in Low-Cost-Countries wie Indien und China ist einer der Hauptgründe“, sagt Tobias Götz. Die Wirkstoffherstellung sei ein langwieriger und damit kostspieliger Prozess, der in diesen Ländern deutlich günstiger sei und sich auf wenige große Konzerne verdichte. Ein Produktionsausfall oder eine Unterbrechung der Lieferkette führe zu gravierenden Konsequenzen, die hierzulande spürbar seien.

„Es rentiert sich, über den eigenen Tellerrand zu blicken“

Prof. Dr. Joachim Berlak will Götz‘ Erkenntnisse der mit der Traumnote 1,1 bewerteten Bachelor-Arbeit durch Fachpublikationen von der Theorie in die Praxis transferieren. „Schon in den 1950er Jahren war es gang und gäbe, dass Fabriken ein großes Netzwerk an Heimarbeitsplätzen in eigenen Garagen hatten. Dort wurden Dreh- und Montageteile nach Feierabend produziert. Das war quasi urbane Produktion in Reinkultur“, erklärt der FOM Professor und Experte für „Industrie 4.0“. Im großen Stil werde das zwar so nicht wiederkommen, aber Industrieunternehmen sollten die entsprechenden Konzepte weiterentwickeln.