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  • 2019
  • März
  • Prof. Dr. Jörg Kopecz im Interview: „Wir sind nicht auf künstliche Gegenüber eingestellt“

Prof. Dr. Jörg Kopecz zum Thema „Künstliche Intelligenz“ im Interview:

„Wir sind nicht auf künstliche Gegenüber eingestellt“

Werden Maschinen schon bald über ein Bewusstsein verfügen? Wie weit ist die Entwicklung Künstlicher Intelligenz? Und welche ethischen Fragen werden wir uns in Zukunft stellen müssen, wenn wir Seite an Seite mit vollautomatisch agierenden Systemen leben? Prof. Dr. Jörg Kopecz, FOM Dozent für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Unternehmensführung und Transformationsmanagement in Mannheim, gibt Antworten - und fordert einen breiteren öffentlichen Diskurs.

20.03.2019 | Mannheim

FOM Hochschule: Was bedeutet „Künstliche Intelligenz“?

Prof. Dr. Jörg Kopecz: Es gibt keine einheitliche Definition, genauso wenig wie es eine einheitliche für „natürliche“ Intelligenz gibt. Wir sprechen jedoch von KI, wenn wir es mit Systemen zu tun haben, die Eigenschaften zeigen, welche wir eigentlich Menschen zuschreiben würden: das Planen von Aktionen, das Erkennen von Gegenständen, das Lernen aus Beispielen.

FOM: Benötigt KI den Menschen, um intelligent zu werden?

Kopecz: Bisher können diese Systeme nichts bzw. sehr sehr wenig alleine. Wirkliche Autonomie finden wir dort (noch) nicht. Jedoch ist die Geschwindigkeit, mit der sie schneller vom Menschen bzw. aus dessen Daten lernen, exponentiell wachsend. Ein Szenario in diesem Zusammenhang ist die sogenannte „Singularität“, also der Zeitpunkt, an dem eine KI sich selbst bewusst wird. Wir streiten uns darüber, wann oder ob das der Fall sein könnte. Alleine die Möglichkeit sollte uns dazu bringen, dass wir uns ernsthaft damit beschäftigen.

FOM: Das Europäische Parlament spricht im Zusammenhang mit KI von einer „neuen industriellen Revolution“. Was denken Sie: Wie wird die Künstliche Intelligenz in den nächsten Jahren unseren Alltag verändern?

Kopecz: Sie verändert diesen bereits: Wir alle nutzen KI in unserem Alltag. Jede Suchmaschine und jeder Online-Einkauf wird von KI-Systemen mindestens begleitet, wenn nicht bestimmt. In China messen KI-Systeme soziales Verhalten und leiten daraus z.B. die Berechtigung auf einen Studienplatz oder andere Aspekte des sozialen Miteinanders ab. Wir sind von unserer Wahrnehmungs- und Verarbeitungsevolution nicht auf künstliche Gegenüber eingestellt und müssen dies dringend lernen. Ebenso unterschätzen wir völlig das Wachstum dieser Technologien. Dass Chatbots und autonome Systeme Wahlen beeinflussen können, wissen wir nicht erst seit kurzem. Wir brauchen einen breiten öffentlichen Diskurs der Zivilgesellschaft, der Politik und der Wirtschaft zu diesem Thema. Zur Zeit sind wir nicht gut vorbereitet.

FOM: Gibt es ethische Grenzen beim Einsatz von KI oder sollte man jegliche Nutzung als Chance für die Menschheit sehen?

Kopecz: Grenzen wird jede Gesellschaft für sich selbst ziehen. Das zeigen zum Beispiel weltweite Befragungen über das gewünschte Verhalten autonomer Fahrzeuge: Je nach Kulturkreis kommen völlig unterschiedliche Ergebnisse heraus. Wir können beim Nutzen von KI nicht davon ausgehen, dass wir immer in einem freiheitlich-demokratischen Umfeld leben, in denen unsere Rechte geschützt sind. So gesehen ist der Satz „Ich habe ja nichts zu verbergen, sollen „DIE“ doch meine Daten sammeln“ ein sehr unsoziales Verhalten, denn vielleicht hat unser Nachbar aufgrund von politischer Haltung, Hautfarbe oder anderen Faktoren sehr wohl etwas zu verbergen und hat ein Recht darauf. Wir brauchen zumindest ethische Codices, an denen wir als Gesellschaft messen, wenn diese verletzt werden. Unabhängig davon hat KI das Potenzial, uns mehr Wohlstand, einen besseren Umgang mit Umwelt und Zugang zu mehr Wissen zu bescheren.

Prof. Kopecz FOM Hochschule Mannheim

Prof. Dr. Jörg Kopecz lehrt an der FOM Hochschule Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Unternehmensführung und digitales Transformationsmanagement.

Nach einem Studium der Physik (Diplom) und evangelischer Theologie in Mainz und den USA promovierte er in Neuroinformatik über Autonome Systeme und Computer Vision. Er ist Vorstand des Arbeitskreises Evangelischer Unternehmer (AEU) und berät Unternehmen u.a. zu Aspekten der digitalen Transformation.