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29.09.2015

Aktuelles

Krankenkassen-Wettbewerb durch Innovation im deutschen Gesundheitswesen

Gibt es im deutschen System der Gesundheitsversorgung genügend Wettbewerb unter den Krankenkassen? Diese Frage stand im Mittelpunkt einer Podiumsdiskussion der Denkfabrik „Die Weis[s]e Wirtschaft“ am 17. September 2015 in Wien. Als Keynote-Speaker war Prof. Dr. David Matusiewicz, Dekan Gesundheit und Soziales, FOM Hochschule Deutschland, der Einladung von Peter Brandner gefolgt. Tenor der Gespräche: Wettbewerb im Gesundheitswesen soll den Patientinnen und Patienten nützen und zu einer größeren Wahlfreiheit und einer besseren Behandlung führen. Um dies zu erreichen muss der Wettbewerbsgedanke zwischen den Anbietern medizinischer Leistungen gestärkt werden. Wie es aktuell um den Wettbewerb und um Innovationen im Gesundheitswesen bestellt ist erläutert Prof. Dr. David Matusiewicz im Interview.

Prof. Dr. David Matusiewicz beim Weis[s]en Salon (Foto: Daniel Hinterramskogler)
Prof. Dr. David Matusiewicz beim Weis[s]en Salon (Foto: Daniel Hinterramskogler)

Wie ausgeprägt und transparent ist der Wettbewerb im deutschen Krankenkassensystem?

Insgesamt ist der Kassenmarkt in Deutschland mit seinen 124 Krankenkassen noch recht unüberschaubar. Dadurch dass rund 95% aller Leistungen in der GKV gesetzlich festgelegt sind, beschränkt sich der Wettbewerb auf den reinen Preismechanismus über die relativen Zusatzbeiträge der Kassen. Es bleibt „ein bisschen Wettbewerb“ um gute Zusatzangebote über die sogenannten Satzungsleistungen und Services der Kassen.

Spiegelt sich der mangelnde Wettbewerb im Wechselverhalten der Versicherten wider?

Der Großteil der Versicherten kann seine Krankenkasse theoretisch jederzeit wechseln, doch der Mangel an Informationen und die selektive Wahrnehmung einzelner Anbieter erschweren den Wechsel in der Praxis oft.

Was müsste passieren um den Wettbewerbsgedanken zu stärken?

Durch Innovationen kann der Wettbewerb gesteigert werden. Doch je länger ich mich mit dem Gesundheitssystem beschäftige, desto deutlicher schärft sich das Bild, dass wir nicht auf Innovationen vom Staat, der Selbstverwaltungsebene oder Krankenkassen warten sollten, sondern diese durch das Unternehmertum kommen werden.

Wie könnten diese Innovationen aussehen?

Das Gesundheitssystem in Deutschland wird in Zukunft stark durch das Entrepreneurship von jungen Start-ups geprägt werden, die sich insbesondere mit der digitalen Gesundheit beschäftigen. Ein Feld auf dem die etablierten Akteure im Gesundheitswesen eher zögerlich und langsam vorankommen. Dies wird den Wettbewerb in Zukunft im deutschen System erhöhen, da die Versicherten auf der Suche nach den besten Gesamtlösungen „mit den Füßen“ abstimmen werden. Durch Digitalisierung würde für Patienten ein signifikanter Mehrwert innerhalb der Versorgungskette Diagnose – Therapie – Nachsorge entstehen, was einen Wettbewerbsvorteil für Krankenkassen impliziert. Anwendungsnahe und am Bedarf ausgerichtete medizintechnische Lösungen und Dienstleistungsinnovationen wie z.B. die Skype-Sprechstunde per Videotelefonie sind gefragt.

Zögern die Krankenkassen noch, weil sie lediglich versuchen ihren Beitragssatz niedrig zu halten und Innovationen im Gesundheitswesen eher kritisch gegenüberstehen, da diese Geld kosten?

Pauschal lässt sich das nicht sagen, auch Kassen haben gute Ansätze. Für die Krankenkassen werden Innovationen dann interessant, wenn hierdurch Leistungsausgaben gesenkt werden können, indem bspw. Multimedikation vermieden wird, schnellere Arzttermine verfügbar sind oder Termine gar nicht erst nötig werden. Innovativ zu sein hat aber auch einen nicht zu unterschätzenden Effekt auf die „Marke“ der Krankenkassen, was die Positionierung am Markt verbessern würde.

Welche Rolle werden technische Geräte wie z. B. das Smartphone im Wettbewerb spielen?

Die Einbindung von Smartphones durch den Einsatz von Medizin-Apps wird eine zentrale Rolle spielen und sich als klarer Wettbewerbsvorteil entpuppen. Anhand von Gesundheits-Apps verschaffen die Anbieter ihren Versicherten für deren gesammelten Gesundheitsdaten, monetäre Vorteile, die neue Versicherte anlocken sollen. So gibt es bereits erste „Apps auf Rezept“, die z. B. ein gezieltes Augentraining für eine optimale Behandlung einer Sehschwäche anbieten. Weitere internetbasierte Therapien stehen in der Pipeline. Diese digitalen Entwicklungen im Gesundheitswesen werden in den kommenden drei bis fünf Jahren das Krankenkassensystem „bottum up“ enorm verändern.

Bringen diese digitalen Entwicklungen uneingeschränkt Vorteile?

Natürlich muss man die Diskussion auch kritisch betrachten, jedoch lässt sich diese auf Dauer nicht von Bedenkenträgern ausbremsen. Auch international gibt es interessante erfolgreiche Ansätze wie bspw. der Online-Dienst „Headache“ des National Health Service (NHS) in England, bei dem man seine Kopfschmerzsymptome online überprüfen lassen kann.

Der Vortrag, den Prof. Dr. David Matusiewicz auf der Veranstaltung der Denkfabrik „Die Weis[s]e Wirtschaft“ gehalten hat gibt es auf der Veranstaltungsseite auch als Video.