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02.11.2015 | Essen

Aktuelles

Digital Health: Zukunftsmodell für Deutschland?

„Das Wachstumspotenzial, das die Digitalisierung für den deutschen Gesundheitsmarkt bietet, ist enorm. Bislang liegt das Wachstum allerdings bei nur 0,8 Prozent.“ Mit dieser ernüchternden Aussage eröffnete Prof. Dr. David Matusiewicz die Konferenz „Digitale Gesundheit“ in Essen. Der FOM Dekan für Gesundheit & Soziales stellte in seiner Keynote auch Gründe für die schleppende Entwicklung rund um die digitale Vernetzung der Gesundheitsakteure und Telemedizin heraus: zu viel Bürokratie für Start-up-Unternehmen sowie eine Prüfung der Zahlungsbereitschaft auf Seiten der Kunden. „Was wir brauchen, ist eine Gesamtstrategie für Innovationen“, schlussfolgerte er – und lieferte damit die Vorlage für die nachfolgenden Redner. Sie näherten sich dem Thema aus drei unterschiedlichen Perspektiven: der der Bundespolitik, der der Praxis und der der Start-up-Unternehmen.

Prof. Dr. Arno Elmer, Dr. Tobias Bischkopf, Bärbel Bas, Dr. Michael Achtelik, Prof. Dr. Thomas Jäschke, Prof. Dr. Jochen Pfeifer und Prof. Dr. David Matusiewicz (v.l.)
Prof. Dr. Arno Elmer, Dr. Tobias Bischkopf, Bärbel Bas, Dr. Michael Achtelik, Prof. Dr. Thomas Jäschke, Prof. Dr. Jochen Pfeifer und Prof. Dr. David Matusiewicz (v.l.)


Warum die digitale Vernetzung aller Akteure des Gesundheitssystems auch aus Sicht der Bundespolitik sinnvoll ist, stellte Prof. Dr. Arno Elmer in seinem Vortrag heraus. Der wissenschaftliche Leiter der FOM Forschungsgruppe E-Health ging dabei vor allem auf das Ungleichgewicht in der Gesundheitsbranche ein. Einem Abbau von Überversorgung in Ballungsgebieten stünde eine Unterversorgung in abgelegenen Gebieten gegenüber. Dass die „E-Health-Rakete“ in Deutschland nicht zünde, läge vor allem daran, dass bisherige digitale Lösungen häufig nur smart oder safe wären. „Gefragt ist ein gemeinsames, sektorenübergreifendes Entwickeln digitaler Lösungen – und zwar durch einen interdisziplinären Dialog.“

Ebenfalls für die Politik ergriff Bärbel Bas das Wort. Die Bundestagsabgeordnete beleuchtete Grenzen und Potenziale des E-Health Gesetzes, das eine Verankerung des persönlichen Medikationsplans und der Notfalldaten sowie Informationen über Allergien, chronische Erkrankungen und Blutgruppe vorsieht. Ihre Kernbotschaft: Der Großteil der Patienten ist der Entwicklung der Digitalisierung gegenüber aufgeschlossen. Allerdings haben sie höchste Sicherheitsansprüche, fordern klare Zugriffsregelungen sowie die Möglichkeit zur Löschung der Daten. Um das zu erreichen, so Bärbel Bas, müssen Industrie, Selbstverwaltung und Politik an einem Strang ziehen.

Auch die Vertreter der Praxis betonten die Notwendigkeit eines integrierten Ansatzes und gewährten Einblicke in ihre bisherigen Erfahrungen mit der Digitalisierung. Dr. Tobias Bischkopf berichtete über den Einsatz von Facebook, Twitter & Co. bei der Novitas BKK. Urs Voegeli, Director Janssen-Cilag (Johnson & Johnson), stellte verschiedene Apps vor, die Therapie-Patienten in ihrem Alltag unterstützen. Auch Prof. Dr. Thomas Jäschke ging auf Gesundheitsapps ein. Seinen Schwerpunkt legte der wissenschaftliche Leiter des FOM Hochschulbereichs IT Management auf den Einsatz im Krankenhaus. Die Perspektive der Medizintechnik vertrat Dr. Michael Achtelik, Vetriebsdirektor bei der Zeiss Meditec in Deutschland. Seine These: Um Arbeitsabläufe besser zu gestalten und Daten zugänglicher zu machen, seien elektronische Arbeitslisten gefragt. „Digitale Apotheken“ lautete dagegen das Vortragsthema von Prof. Dr. Jochen Pfeifer (PharmD, University of Minnesota, College of Pharmacy/Adler Apotheke). Er betonte: „Durch innovative digitale Angebote können sich Apotheken ‚von der Masse abheben‘ und ihren Umsatz deutlich steigern.“ Hier könne Deutschland viel von den USA lernen.

Dass sich hierzulande bereits einiges in Sachen Digitalisierung tut, stellte der abschließende Start-up-Pitch unter Beweis: Junge Gründer und Entrepreneure aus Nordrhein-Westfalen präsentierten ihre Ansätze zur digitalen Neuvermessung der Gesundheitswirtschaft. Ihre Ideen reichten von Health Games und Online-Coaching bzw. -Tracking über telemedizinische Versorgungssysteme und Smartphone-Applikationen bis zu Gesundheitserhaltungsdiagnostik und Online-Terminfindung. Im Anschluss fand ein Online-Voting statt. Ergebnis: „Master Cody“ von Ulrich Schulze Althoff wurde zum besten Start-up gewählt. Dahinter verbirgt sich eine spielerische Software für Kinder, die unter Legasthenie leiden und durch tägliche storybasierte Übungen einen höheren Therapieerfolg erzielen.