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Mit Disziplin, Ehrgeiz & Stipendien zum Erfolg

Von der Hauptschule in die Führungsebene

Für sie und ihre drei Geschwister stand schon immer fest, dass nach der Hauptschule eine Ausbildung gemacht wird. Denn: Natascha Otlewitz kommt aus einer Arbeiterfamilie. Was sich die damals 16-Jährige allerdings wohl niemals hätte vorstellen können: Nach ihrer Ausbildung zur Arzthelferin, einigen Jahren Praxiserfahrung und Fortbildungen studiert sie berufsbegleitend an der FOM Hochschule in Neuss und Düsseldorf, absolviert ihren Bachelor und strebt ihren Master an – und ist mit 33 Jahren die erste Akademikerin in ihrer Familie.

17.09.2020 | Düsseldorf und Neuss

Ausbildung verkürzt. Fortbildung verkürzt. Studium verkürzt.

Was Natascha Otlewitz anfängt, das beendet sie auch – und zwar zügig und erfolgreich. Angefangen mit ihrer Ausbildung zur Arzthelferin, die sie auf zweieinhalb Jahre als Klassenbeste verkürzte. Nachdem sie einige Jahre in ihrem Job gearbeitet hatte, merkte sie, dass sie mehr wollte. „Ich wollte mehr Geld verdienen, mich weiterentwickeln“, denkt Natascha heute zurück. Also bildete sie sich – ebenfalls verkürzt – bei der IHK zur Praxismanagerin weiter und führte ihren Job mit Personalverantwortung für 27 Mitarbeitende für drei Jahre aus. Doch auch hier erreichte Natascha schnell eine Grenze: „Die Stelle hat mich irgendwann nicht mehr erfüllt!“ Also entschied sie sich für noch eine Weiterbildung zur Fachwirtin im Gesundheits- & Sozialwesen (IHK) – verkürzte auch diese Fortbildung auf ein Jahr und bewarb sich mit Erfolg auf die Stelle der Sekretärin des ärztlichen Direktors der Ruhrlandklinik in Essen, die zur Universitätsklinik gehört, bei der sie zum ersten Mal in ihrem Leben viel Kontakt zu Akademikern pflegte. „Mein Chef hat mir ständig Mut zugesprochen, meinte, in mir stecke mehr. Und ich selbst hatte auch das Gefühl, mich akademisch weiterentwickeln zu wollen.“ Und so entschied sich die damals 31-Jährige dazu, nach fast zwölf Jahren Berufserfahrung von heute auf morgen ein Studium zu starten.

Im Urlaub auf dem Segelboot fürs Stipendium beworben

Die gelernte Arzthelferin recherchierte im Internet und fällte schnell den Entschluss, berufsbegleitend an der FOM Hochschule studieren zu wollen: „Dort konnte ich auch dank meiner abgeschlossenen Ausbildung und Berufserfahrung ohne Abitur studieren. Hinzu kam, dass die Inhalte aus dem Bachelor-Studiengang „Gesundheits- & Sozialmanagement“ perfekt für mich klangen – insbesondere die vielen wirtschaftswissenschaftlichen Module und das Personalmanagement“, so Otlewitz. Außerdem wollte sie nicht auf ihr Gehalt verzichten, also kam nur ein berufsbegleitendes Studium für sie in Frage.

Sie schrieb sich ein, machte kurz vor Semesterstart noch mit Freunden Urlaub auf dem Mittelmeer. „Ich saß auf dem Segelboot, als mir plötzlich einfiel, dass ich von Stipendien für Fachkräfte mit einer Berufsausbildung gehört hatte“, schmunzelt Natascha. Sie recherchierte die SBB und bewarb sich noch vom Boot aus um ein sogenanntes Aufstiegsstipendium für Berufserfahrene: „Chancen habe ich mir eigentlich keine ausgemalt“. Noch im Urlaub erhielt sie allerdings die Rückmeldung, in die zweite Runde zugelassen worden zu sein. Vom Deck des Bootes aus nahm sie online an der zweiten Auswahlrunde teil. Die ehrgeizige junge Frau setzte sich auch in einer weiteren Runde durch: „Die dritte Auswahlrunde, das Auswahlgespräch, fand am 1. September 2018 statt“, erinnert sie sich ganz genau zurück. Denn an diesem Tag hätte sie auch ihre erste FOM Vorlesung gehabt, die sie so direkt versäumte. Doch es hat sich gelohnt! Mit dem Aufstiegsstipendium des Bundesbildungsministeriums finanziert Natascha heute ihre Studiengebühren und erhält darüber hinaus auch eine ideelle Förderung: „Es finden regelmäßig kostenlose Seminare statt – nächste Woche besuche ich beispielsweise ein Business Knigge-Seminar“, erzählt sie begeistert.

FOM Studentin Natascha Otlewitz findet neben Studium und Beruf auch immer noch genug Zeit, mit dem Fahrrad die Natur zu erkunden und Freunde zu treffen (Foto: Privat)

Weitere große Pläne einer Kämpferin

Derzeit schreibt die einstige Hauptschülerin ihre Bachelor-Arbeit. Das Thema: „Auswirkungen der Covid-19-Pandemie auf Einrichtungen des Gesundheitssystems in Deutschland“. Darin untersucht sie unter anderem die Kapazität von Intensivbetten, das Equipment der Einrichtungen, die Auswirkungen auf das Personal sowie Ansteckungsrisiken und wirtschaftliche Folgen. Auch ihr Studium hat sie auf zwei Jahre verkürzt, ist nach ihren Schichten sechs Mal die Woche zur Vorlesung gefahren: „Ich tue viel dafür, um meine Ziele zu erreichen“, sagt Natascha stolz. „Und mein bester Freund unterstützt mich dabei schon auf meinem gesamten beruflichen Weg, spricht mir immer Mut zu, weiter zu machen.“ Dass sie eine echte Kämpferin ist und der Ehrgeiz sie packt, wenn es um ihre beruflichen Ziele geht, zeigt sich unter anderem an ihrer Mathematik- und Statistik-Klausur: Nachdem sie im ersten Versuch mit einer 5.0 durchgefallen war, nahm sie drei Mal die Woche für jeweils drei Stunden Nachhilfeunterricht – nach Feierabend und Vorlesungen wohl bemerkt. Nach sechs Wochen intensiver Nachhilfe bestand sie die Klausur – mit einer 1.0. Heute bezeichnet sie das Modul als eins ihrer Lieblingsfächer.

Bis Ende August arbeitete die 33-Jährige als Pflegedienstleitung an der Uniklinik RWTH Aachen, mit Personalverantwortung für 70 Mitarbeitende. Und Natascha ist noch lange nicht am Ziel: „Ich arbeite darauf hin, Geschäftsführerin eines Krankenhauses zu sein – das habe ich schon ganz klar vor Augen.“ Für dieses Ziel geht sie bald den nächsten Schritt, startet im Wintersemester 2020 ihr Master-Studium in „Medizinmanagement“ am FOM Hochschulzentrum in Düsseldorf und wechselte zum 1. September in die Leitung des Bereichs Zentrale Leistungsabrechnung der Uniklinik Aachen. Auch für das Master-Studium malt sie sich gute Chancen für ein weiteres Stipendium aus: „Ich kann nur jedem ans Herz lege, es einfach zu versuchen. Ich hätte auch niemals gedacht, dass ausgerechnet ich das Stipendium erhalte.“ Das  Promotionsprogramm der FOM hat sie auch schon ins Auge gefasst – und nach ihrem bisherigen beeindruckenden Lebenslauf ist es sehr wahrscheinlich, dass sie auch diesen Schritt erfolgreich meistern würde.