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Interview mit FOM Experten zur Inflation

„Wir übertragen unsere Probleme auf zukünftige Generationen“

Die Inflationsrate in Deutschland steigt wieder. Im Alltag macht sich das besonders im Supermarkt, an der Tankstelle und bei den Energiepreisen bemerkbar. In einem Doppelinterview erklären Dr. Julian Christ, Professor für Volkswirtschaftslehre, und Dr. Kristian Giesen, Professor für Volkswirtschaftslehre und Finanzenwesen, die Folgen für Verbraucherinnen und Verbraucher sowie Unternehmen. Die beiden Experten der FOM Hochschule in Stuttgart erläutern auch, wie sich die Zinserhöhungen der Europäischen Zentralbank im Alltag auswirken. 

23.09.2022 | Karlsruhe, Mannheim und Stuttgart

Zuletzt ging die Inflation leicht zurück, nun liegt sie aktuell bei fast acht Prozent. Warum steigt die Inflationsrate wieder?

Prof. Dr. Julian Christ: Das Neun-Euro-Ticket und der Tankrabatt haben die Inflationsrate nur leicht abgebremst. Nun sind diese Maßnahmen ausgelaufen. Zudem treiben auch andere Faktoren jenseits der Energiemärkte die Inflationsdynamik. Ein wesentliches Problem ist, dass Güter und Produktionsfaktoren generell knapp sind, was sich durch steigende Strom- und Gaspreise infolge des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine verstärkt hat. Infolge der Corona-Pandemie sehen wir seit 2021 einen Nachfrageüberhang bei Konsum- und Investitionsgütern. Zudem verstärken Produktions- und Ernteausfälle sowie laufende Wirtschaftssanktionen Kosten- und Preissteigerungen. Gleichzeitig bestehen noch immer massive Lieferkettenprobleme und erhöhte globale Frachtkosten – nicht zuletzt auch aufgrund der Corona-Lockdowns in China.

Prof. Dr. Kristian Giesen: Ergänzend ist die Geldpolitik zu nennen. So sagt man in Bezug auf die Inflation auch, dass zu viel Geld zu wenige Güter jagt. Beim Geld spielt aber auch der Außenwert der Währung eine Rolle. Der Euro ist derzeit, insbesondere im Vergleich zum US-Dollar, eher schwach. Dadurch werden unsere Waren im Ausland günstiger und Güter werden in der Regel vermehrt vom Ausland nachgefragt. Parallel dazu verteuern sich Importe in das Euro-Währungsgebiet. 

Die Bundesregierung hat nun ein drittes Entlastungspaket beschlossen. Wie werden sich die geplanten Maßnahmen wie eine Strompreisbremse auswirken?

Prof. Dr. Kristian Giesen: Einen Teil der höheren Energiekosten kann das Entlastungspaket sicher abfedern. Die Wirkung wird jedoch nur vorübergehend sein. Die geplanten Maßnahmen werden langfristig negative Auswirkungen haben, da diese durch eine Kreditaufnahme den öffentlichen Schuldenstand erhöhen werden. Mit immer größeren Milliarden-Paketen, die durch Schulden finanziert werden müssen, übertragen wir unsere Probleme auf die zukünftigen Generationen.

Viele Verbraucherinnen und Verbraucher stehen aktuell vor der Frage, wie sie Kosten senken und Geld sparen können. Was können die Menschen in ihrem Alltag tun?

Prof. Dr. Julian Christ: Es stehen uns sehr wahrscheinlich einige schwierige Halbjahre bevor – nicht nur ein harter Winter 2022. Für Verbraucherinnen und Verbraucher gibt es derzeit kaum Möglichkeiten: Sie können den Verbrauch von Gas, Strom, Öl und an der Tankstelle optimieren oder gegebenenfalls einschränken. Sicherlich kann man prüfen, einen 15 Jahre alten Kühlschrank durch ein energieeffizientes Gerät zu ersetzen. Das mag über zehntausende Haushalte auch einen kleinen Effekt haben. Generell sollten Verbraucherinnen und Verbraucher ihre Ausgaben planen und dabei erst einmal von weiteren Preissteigerungen bei Lebensmitteln sowie Energie ausgehen. 

Auch viele Unternehmen treffen die steigenden Energiepreise hart. Müssen wir mit einer Insolvenzwelle rechnen?

Prof. Dr. Kristian Giesen: Wir sehen bereits jetzt, dass das Geschäftsmodell mancher Unternehmen bei den hohen Energiekosten nicht mehr tragbar ist. So hat zum Beispiel der Toilettenpapier-Hersteller Hakle kürzlich Insolvenz angemeldet. Weitere Unternehmen schlagen bereits Alarm und beklagen, dass sie zeitnah die Produktion einstellen müssen. Man muss bedenken, dass bei jeder Insolvenz oder Geschäftsaufgabe Dominoeffekte ausgelöst werden können. Denn Unternehmen sind in der Regel aufeinander angewiesen, sei es als Abnehmer oder als Zulieferer. Zudem wäre es fatal, wenn Banken Probleme bekommen. Durch eventuell vermehrt auftretende Unternehmens- und Privatinsolvenzen würden Banken starke Verluste einfahren und dadurch vielleicht auch ins Wanken geraten. 

Dr. Julian Christ, Professor für Volkswirtschaftslehre (links) und Dr. Kristian Giesen, Professor für Volkswirtschaftslehre und Finanzenwesen. (Fotos: FOM/Tom Schulte)

Steuert die deutsche Wirtschaft also auf eine Rezession zu?

Prof. Dr. Julian Christ: Mittlerweile gehen viele Expertinnen und Experten von einer signifikanten Abkühlung der Konjunktur für 2022 und 2023 aus – und das nicht nur in Deutschland. Auch eine stärkere Rezession kann nicht mehr ausgeschlossen werden. Ob es zu einer Stagflation, also einer weiterhin hohen Inflationsrate bei zugleich wirtschaftlicher Stagnation, kommen wird, wird sich zeigen. Die Entwicklung hängt von schwer absehbaren globalen Entwicklungen ab – und nicht nur vom Krieg in der Ukraine.

Nun hat die Europäische Zentralbank als Reaktion auf die hohe Inflationsrate historische Erhöhungen des Leitzinses auf aktuell 1,25 Prozent beschlossen. Was bedeutet dies für Verbraucherinnen und Verbraucher?

Prof. Dr. Kristian Giesen: Die Zinsentwicklung ist grundsätzlich ein gutes Zeichen für Sparer. Denn durch die höheren Zinsen werden mit einer Wirkungsverzögerung Sparguthaben besser verzinst. Bei Bauzinsen habe ich aber ein ungutes Gefühl, da in den letzten Jahren viele Personen ihr Eigenheim nur deshalb finanzieren konnten, weil die Zinsen extrem niedrig waren. Wenn die Zinsbindung nach 10 oder 15 Jahren ausläuft und der Zinssatz neu verhandelt wird, fürchte ich, dass sich manche Personen das Eigenheim dann nicht mehr leisten können. Insbesondere, wenn die Nebenkosten – zum Beispiel für Energie – nicht zeitnah sinken.

Prof. Dr. Julian Christ: Sofern sich die Inflation nicht in den kommenden ein bis zwei Quartalen abschwächt – und davon ist leider auszugehen – müssten weitere Zinserhöhungen in der Eurozone folgen. Die US-Notenbank hat das Zinsniveau in den letzten Quartalen durch eine sehr restriktive Geldpolitik deutlich stärker angehoben als die Europäische Zentralbank und damit tendenziell eine Aufwertung des US-Dollars zum Euro induziert, was jegliche Importe in den Euroraum derzeit verteuert – auch Energie. Das macht sich ebenso im Alltag beim Kauf vieler Produkte bemerkbar.

Prof. Dr. Kristian Giesen: Weitere Zinserhöhungen stellen allerdings verschuldete Unternehmen vor Probleme. Denn auf Schulden müssen Zinsen bezahlt werden. Und wenn die Zinsen steigen, ist zu erwarten, dass bei manchen Unternehmen der operative Profit nicht ausreicht, um den Zinsaufwand zu decken. Das ist eine Abwärtsspirale, die schnell in einer Insolvenz durch Überschuldung oder Zahlungsunfähigkeit enden kann. 

Wann ist mit einer Beruhigung der Inflation zu rechnen?

Prof. Dr. Julian Christ: Wir werden in den kommenden Jahren – selbst im Fall einer sofortigen Beendigung des Krieges in der Ukraine – mit Teuerungsraten deutlich über den von früher gewohnten 1,5 oder 2 Prozent rechnen müssen. Dennoch könnten die jüngsten Preissteigerungen abgeschwächt werden, sofern sich das Angebotsproblem auf den Energie- und Gütermärkten entspannt und zugleich die Nachfrage etwas nachlässt. Zu Letzterem trägt die Europäische Zentralbank mit ihren Zinssteigerungen bei, welche die Kreditaufnahme für Haushalte, Unternehmen und Staaten schrittweise verteuert. Gerade bei Verbraucherinnen und Verbrauchern werden kreditfinanzierte Kaufentscheidungen gebremst.