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Interview mit Bildungsexpertin Prof. Dr. Roswitha Grassl

„Wir haben so viel Zugang zu Informationen, wissen aber immer weniger“

Bildungsangebote in Präsenz mit digitaler Bildung zu vergleichen, ergibt für sie keinen Sinn. Denn Prof. Dr. Roswitha Grassl, Bildungsexpertin und Dozentin an den FOM Hochschulzentren Karlsruhe und Mannheim, weiß: Digitale Bildung ist weit mehr als nur der Einsatz digitaler Tools. Was sie damit meint und warum sich Bildung unserer Lebenswirklichkeit noch besser anpassen sollte, verrät die Professorin im Interview.

04.05.2022 | Karlsruhe und Mannheim

Frau Prof. Grassl, Sie verfügen über umfassende Erfahrung mit digitalen Lehr- und Lernsettings, haben dazu geforscht und u.a. Blended-Learning-Modelle entwickelt. Dennoch vergleichen Sie ungern das Lernen in Präsenz mit dem digitalen Lernen. Warum?

Roswitha Grassl: Ein solcher Vergleich macht in meinen Augen einfach keinen Sinn. Wir leben längst in einer „Kultur der Digitalität“. Unsere Sicht auf die Welt hat sich verändert und auch die Art, wie wir miteinander umgehen. Denken Sie an die Art, wie wir heute zusammenarbeiten. Da setzen wir nicht allein andere, eben digitale Tools ein, sondern wir folgen grundsätzlich anderen Mustern als noch vor 30 oder 40 Jahren, als Zuständigkeiten trennscharf arbeitsteilig geregelt werden konnten. Von daher sollten wir auch die Frage der Bildung nicht in „digital“ oder „vor Ort“ und schon gar nicht anhand der Instrumente differenzieren, die wir dabei einsetzen.

Aber es gibt doch auch heute noch Grenzen der digitalen Bildung…

Roswitha Grassl: Die gibt es, sicher, aber sie sind seltener als Sie vielleicht annehmen. Wenn ich beispielsweise in der medizinischen Ausbildung lernen soll, wie ich eine Wunde korrekt versorge, dann liegt es zunächst nahe, das vor Ort und an Kranken zu üben. Doch auch hier hat Digitalität längst Einzug gehalten. Es gibt sogenannte Skills Labs, in denen pflegerisches Handeln an einer Puppe erlernt wird, deren physische Reaktionen wie etwa Herzschlag, Atmung und Kreislauf die eines Menschen simuliert. In diesem Setting wird zwar in Präsenz geübt, aber eben zentral mit digitalen Instrumenten. Ebenso verschmelzen physische und digitale Bildungsdimensionen, wenn VR-Brillen im Lernprozess zum Einsatz kommen.

Wie sieht es mit der Vermittlung von Soft-Skills in digitalen Räumen aus?

Roswitha Grassl: Nicht nur in der realen, sondern auch in der virtuellen Welt gehen wir vielfältig sozial miteinander um, etwa bei der Interaktion und Kommunikation in den sozialen Medien. Dabei gilt, dass ich im digitalen Raum meine Anwesenheit einfach anders inszenieren muss als in der realen Welt. Im Hörsaal bin ich physisch da und kann direkt mit meinen Studierenden interagieren. In der digitalen Bildung muss ich dagegen entscheiden: Wie gestalte ich die Begegnung mithilfe digitaler Instrumente? Und aus Sicht der Lernenden: Wie möchte ich mich in den Lernprozess einbringen? Inwiefern möchte ich ansprechbar sein? Inwiefern signalisiere ich den anderen: Ich bin da? Die Kamera einzuschalten, ist der erste Schritt…

Interaktion ist also ein wesentliches Element im Lernprozess. Wie kann dies im virtuellen Raum gefördert werden?

Roswitha Grassl: Es gibt selbstverständlich Methoden, Lernende auch in digitalen Lernumgebungen dabei zu unterstützen, einen Beitrag zur Lerngemeinschaft zu leisten, beispielsweise durch die präzise Aufgabenstellung in Breakout-Sessions. Wenn kleine Gruppen ein gemeinsames Problem bearbeiten, müssen alle ihren Teil dazu beitragen. Die Selbstorganisation der Gruppen funktioniert in der Regel sehr gut. Und auch größere Projekte können digital erfolgreich umgesetzt werden, dann eben mit weiteren Instrumenten, die zusätzlich eingesetzt werden. In der Arbeitswelt geschieht das ja tagtäglich und über Ländergrenzen hinweg. Wenn wir Lernen also auf dieser Basis denken, dann ist doch die Frage: Welche Ziele hat unser Lernprozess und wie können wir diese im Rahmen von Co-Kreation gemeinsam erreichen? 

Prof. Dr. Roswitha Grassl ist Bildungsexpertin und lehrt an den FOM Hochschulzentren Karlsruhe und Mannheim. Foto: TOM SCHULTE/FOM

Das bedeutet, dass die Erfahrung und Sichtweisen der einzelnen Beteiligten in den Lernprozess einfließen sollen?

Roswitha Grassl: Unbedingt! Das ist es ja, was an der FOM immer schon gefördert und gefordert wurde. Wenn wir diesen Ansatz weiterdenken, kommen wir dahin, dass wir Lehrende mehr zu Moderatorinnen und Moderatoren der – in unserem Falle – berufsbezogenen Lernprozesse werden. Dabei sollte die Qualität von Bildungsangeboten daran gemessen werden, welche Fähigkeiten und Kompetenzen die Lernenden am Ende hinzugewonnen haben. Die bloße Vermittlung von Kursinhalten ist kein Lernziel. Es sollte vielmehr darum gehen: Was kann ich mit diesen Inhalten nachher anfangen und wie komme ich dahin?

Das würde im Umkehrschluss aber bedeuten, dass der Erwerb von Wissen nicht mehr im Vordergrund steht…

Roswitha Grassl: Jedenfalls nicht, solange Sie Wissen mit Informationen gleichsetzen. Zumal angesichts der Möglichkeiten, die uns das Internet bietet, heute mehr denn je gilt, dass wir nahezu unbegrenzt Zugang zu Informationen haben, jedoch immer weniger wissen. In Bildungsangeboten ausschließlich repetitive Informationen zu vermitteln und sie am Ende abzufragen, ist nicht mehr zeitgemäß, wenn es das denn jemals war. Es muss darum gehen, Informationen einzuordnen, sie fortzuschreiben und sie vor allem kritisch zu reflektieren – eben Wissen im eigentlichen Sinne zu konstruieren, um letztlich wissensbasiert handeln zu können.

Vielen Dank für das Gespräch, Frau Prof. Grassl!

Das Interview führte Silke Fortmann