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Zukunftsmodell Digital Leadership:

„Die Führungskultur verändert sich drastisch“

10.03.2022 | Bremen

Das Team für eine spontane Besprechung zusammentrommeln, sich bei einem Kaffee über die neuesten Projektfortschritte austauschen oder Personalgespräche über die berufliche Entwicklung führen: All das findet in immer mehr Unternehmen virtuell statt. Führungskräfte sind zunehmend gefragt, ihre Mitarbeitenden aus der Ferne anzuleiten – und trotz räumlicher Distanz alles im Blick zu behalten. Welche Fähigkeiten müssen sie mitbringen, um auch virtuell kompetent zu führen? Und welche Auswirkungen hat die Digitalisierung ganz grundsätzlich auf die Führungskultur? Prof. Dr. Katrin Lo Baido, Expertin für Wirtschaftspsychologie (insb. angewandte Psychologie) an der FOM Hochschule in Bremen, spricht im Interview über die Chancen und Herausforderungen digitaler Führung.  

Was zeichnet – aus Forschungssicht – eine gute Führungskraft eigentlich aus?

Prof. Dr. Katrin Lo Baido: Die empirische Forschung misst Führungskräfte an ihrem Führungserfolg. Dazu werden einerseits wirtschaftliche Faktoren wie zum Beispiel die Teamleistung oder diverse Kennzahlen herangezogen, andererseits aber auch weiche Faktoren wie die individuelle Zufriedenheit der Mitarbeitenden oder das Commitment. Die Wissenschaft unterscheidet dabei zwischen verschiedenen Führungsansätzen, die jeweils unterschiedlich stark mit diesen Erfolgsvariablen zusammenhängen. In der beruflichen Praxis gilt es natürlich zu bedenken, dass das Ganze vor allem eine Frage der Perspektive ist. Eine Mitarbeiterin oder ein Mitarbeiter beurteilt Führungsqualität wahrscheinlich anders als die Organisation, nämlich auf Basis der weichen Aspekte: Wird meine Arbeit wertgeschätzt? Werde ich bei fachlichen Fragen und Problemen unterstützt? Bekomme ich die Möglichkeit, mich weiterzuentwickeln? 

Inwiefern verändert sich Führung in der Arbeitswelt 4.0?

Prof. Lo Baido: Moderne Informations- und Kommunikationstechnologien erlauben die Nutzung flexibler Arbeitskonzepte, -orte, und -zeiten. Führung findet also unter veränderten Bedingungen statt, und zwar zunehmend aus Distanz. Außerdem werden mittlerweile viele einfache Tätigkeiten vermehrt maschinell durchgeführt: In der Produktion und Wartung zum Beispiel kommen oftmals Industrie-Roboter zum Einsatz, und auch administrative Tätigkeiten, die sich standardisieren lassen, werden zunehmend digitalisiert. Mitarbeitende übernehmen somit immer mehr anspruchsvolle Aufgaben – ihre Selbstverantwortung steigt. Die Führungskraft hat also verstärkt mit hochqualifizierten, „mündigen“ Wissensarbeiterinnen und Wissensarbeitern zu tun, was mit einem Abflachen der Hierarchien bis hin zur Abschaffung von Führung verbunden ist. Hinzu kommen weitere Megatrends wie die fortschreitende Dynamisierung und Demokratisierung der Arbeitswelt, die in ihrer Summe zu massiven Umwälzungen in der Führungskultur führen – und an der klassischen Auffassung der Führungsrolle rütteln. 

Was bedeuten diese Veränderungen für die berufliche Praxis?

Prof. Lo Baido: Wichtig ist vor allem, trotz all dieser Umwälzungen den Blick für das Wesentliche zu behalten – nämlich den wirtschaftlichen Erfolg sicherzustellen und dabei gleichzeitig die Bedürfnisse der Mitarbeitenden zu wahren. Um das gewährleisten zu können, ergeben sich einige neue Aufgaben für das Leitungspersonal: Dazu zählen unter anderem das (digitale) Managen von Veränderungen und Innovationen, aber auch die Gestaltung von Beziehungen unter virtuellen Bedingungen – sowohl im Team als Ganzes als auch zu den einzelnen Teammitgliedern. Auch der Schutz der Privatsphäre und der Gesundheit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter muss sichergestellt werden, denn durch das Arbeiten im Homeoffice kommt es zu einer zunehmenden Entgrenzung von Beruf- und Privatleben. Da Hierarchien immer weiter abflachen, spielt auch eine größere Informationstransparenz und ein gezieltes Empowerment der Mitarbeitenden eine wichtige Rolle. Fest steht: Führungskräfte sehen sich in der Arbeitswelt 4.0 mit einigen neuen Herausforderungen konfrontiert. Aber: Sie profitieren auch von modernen Technologien, die sie bei ihren Aufgaben unterstützen können. So kann Künstliche Intelligenz gewisse Empfehlungen aussprechen, beispielsweise bei komplexen Führungsentscheidungen.

Prof. Dr. Katrin Lo Baido
Prof. Dr. Katrin Lo Baido, Expertin für Wirtschaftspsychologie (insb. angewandte Psychologie) an der FOM Hochschule in Bremen (Foto: Marin Rospek)

Wie wird das Thema in der Forschung behandelt? Gibt es Handlungsempfehlungen, um den neuen Anforderungen gerecht zu werden?

Prof. Lo Baido: Klassiker der wissenschaftlichen Psychologie erleben gerade eine Renaissance – so wird hier immer wieder hervorgehoben, wie wichtig Vertrauen bei der Führung auf Distanz ist. Das Vertrauenskonstrukt ist gut beforscht und man kann die Stellschrauben zur Stärkung von Vertrauen gut benennen. Gleichzeitig arbeitet die neueste psychologische Forschung gerade auf Hochtouren und bietet bereits eine „Schatztruhe“ an empirisch fundierten Gestaltungsempfehlungen für die digitale Führung – unter anderem für die Arbeit im Homeoffice, für Videokonferenzen und die digitale Zusammenarbeit im Allgemeinen. Diese Erkenntnisse aus klassischer und aktuellster Forschung vermitteln wir natürlich auch in unserer Lehre an der FOM Hochschule, beispielsweise im berufsbegleitenden Bachelor-Studiengang „Betriebswirtschaft & Wirtschaftspsychologie“. Die Studierenden bilden im Studium umfassende Kenntnisse und Fähigkeiten aus, die sich unmittelbar in die Berufspraxis übertragen lassen. 

Ganz konkret: Welche sind die zentralen Kompetenzen, die Führungskräfte in der Arbeitswelt 4.0 mitbringen sollten?

Prof. Lo Baido: Zum einen spielen natürlich „moderne“ Skills wie Technik-, Daten- und Netzwerkkompetenzen eine erhebliche Rolle. Führungskräfte sollten zeitgemäße Informations- und Kommunikationstechnologien nicht nur angemessen nutzen können, sondern auch als digitale Treiber agieren, über technologische Entwicklungen informiert sein – nur so sind sie in der Lage, neue Geschäftsfelder zu erkennen und auszubauen. Zum anderen leisten klassische Kompetenzen nach wie vor einen maßgeblichen Beitrag: Denn schlussendlich geht es bei guter Führung um eine hohe Sensibilität für Situationen und Mitarbeitende sowie das entsprechende Führungshandeln, um die Gestaltung von Beziehungen – jetzt vermehrt im virtuellen Raum – gepaart mit einer klaren Zielorientierung. Daher sind nach wie vor Skills wie eine hohe Visionskraft sowie Kommunikations- und Moderationsfähigkeiten zentrale Komponenten guter Führung.

(Das Interview führte Sissy Niemann)

Über die Expertin:

Prof. Dr. Katrin Lo Baido ist Professorin für Wirtschaftspsychologie (insb. angewandte Psychologie) an der FOM Hochschule in Bremen. Neben ihrer Professur ist die Diplom-Psychologin als selbstständige zertifizierte Trainerin, Lehrtrainerin und Coach tätig. Ihre Schwerpunkte liegen u. a. auf der Konzeption und Umsetzung von Entwicklungsprogrammen für Führungskräfte (insb. aus der angewandten Wissenschaft) sowie Coachings für Führungskräfte aller Ebenen.