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Neues Buch unterstützt bei der Entscheidungsfindung

Entscheidung mit System: Wie es funktioniert und warum es hilft

Ob es um Kleidung, ein neues Auto oder ein Urlaubsziel geht, ob Antworten auf ein berufliches Projekt oder auf die Frage nach dem persönlichen Fortkommen gesucht werden: Tag für Tag treffen wir unzählige Entscheidungen. Was es braucht, um die richtigen Entscheidungen zu treffen, ob wir eher auf unseren Verstand oder auf unsere Gefühle hören sollten und warum uns einige Entscheidungen extrem schwerfallen, verrät Prof. Dr. Barnim Jeschke. Er lehrt BWL mit dem Schwerpunkt Strategisches Management an der FOM Hochschule in München und hat vor kurzem ein neues Buch mit dem Titel „Besser entscheiden – besser leben!“ veröffentlicht.

08.02.2022 | München

Herr Prof. Jeschke, worauf sollten wir bei Entscheidungen mehr hören: auf unseren Verstand oder auf unser Gefühl?

Prof. Barnim Jeschke: Ganz klar auf beides! Im Alltag entscheiden wir meist unbewusst, also aus dem Bauch heraus; dazu zählt beispielsweise die Änderung einer Sitzposition oder die Mimik. Jedoch bei Entscheidungen in einem dynamischen, sich verändernden Umfeld fehlen Erfahrungen, die Intuition ist hier keine gute Entscheidungsbasis, Gefühle führen uns möglicherweise sogar in die falsche Richtung.

Welcher Unterschied besteht zwischen Entscheidungen im privaten und Entscheidungen im beruflichen Kontext?

Prof. Barnim Jeschke: Im beruflichen Kontext stehen unsere Entscheidungen regelmäßig unter einem Rechtfertigungsdruck. Das ist im privaten Umfeld nur teilweise der Fall. Der Legitimationsdruck im Berufsalltag erfordert, dass wir zielgerichtet Entscheidungen treffen und diese anderen gegenüber nachvollziehbar darlegen können.

Warum fallen uns einige Entscheidungen so schwer, dass wir sie im schlimmsten Fall sogar aufschieben?

Prof. Barnim Jeschke: Ich unterscheide bei der Entscheidungsfindung sechs Phasen: 1. den Entscheidungsbedarf, 2. die Entscheidungsziele, 3. die Entscheidungssituation, 4. die Entscheidungsregeln, 5. die Entscheidungsumsetzung sowie 6. die Entscheidungswirkung. Sobald es bei einer oder mehrerer dieser sechs Phasen zu Unklarheiten bezüglich des Vorgehens kommt, ist Aufschieberitis ein üblicher Reflex. Dies ist vor allem bei komplexeren Entscheidungen der Fall, etwa bei multidimensionalen Entscheidungen in einem Kontext der Unsicherheit.

Das müssen Sie uns bitte noch einmal genauer erklären…

Prof. Barnim Jeschke: Bei Entscheidungen stehen wir immer vor der Aufgabe, zwischen Alternativen zu wählen. Dafür gibt es verschiedene Wege. Ist es eine individuelle oder eine kollektive Entscheidung? Handelt es sich um eine einmalige und damit erstmalige oder um eine sich wiederholende Entscheidung? Verfolgen wir mit der Entscheidung ein Ziel oder mehrere? Das wäre „multidimensional“. Handelt es sich um eine einstufige oder mehrstufige Entscheidung, die entsprechende Konsequenzen und damit weitere Entscheidungen nach sich zieht? Und schließlich: Erscheinen die unserer Entscheidung zugrundeliegenden Annahmen als sicher, als unsicher oder sogar als ungewiss? All diese Aspekte fließen in die Wahl der richtigen Entscheidungsregel ein.

Wenn ich mich beispielsweise frage, ob ein berufsbegleitendes Studium der richtige Weg für mich ist: Was hilft mir dabei, diese Entscheidung systematisch und bewusst zu treffen?

Prof. Barnim Jeschke: Diese Entscheidung ist eine multidimensionale Entscheidung unter Unsicherheit. Hier macht es Sinn, die Entscheidungsbaum-Analyse zurate zu ziehen. Wie das genau funktioniert, steht mit Beispielen versehen in meinem Buch. Zusammengefasst versucht man bei einer solchen Mehrstufigkeit, alle nachgelagerten Szenarien zu erfassen, um die Auswirkungen der Entscheidung – in diesem Fall für oder gegen ein berufsbegleitendes Studium – besser einschätzen zu können. Alle denkbaren Szenarien werden in einem Baumschema mit den jeweiligen Eintrittswahrscheinlichkeiten skizziert und bewertet. Die gewichteten Bewertungen geben dann Aufschluss darüber, welche Ausgangsentscheidung zu präferieren ist. Eine solche Entscheidungsregel hilft also zu strukturieren und zu bewerten.

Prof. Dr. Barnim Jeschke lehrt u.a. "Entscheidungsorientiertes Management" an der FOM Hochschule in München.

Nun leben wir in einer Welt, in der zunehmend Künstliche Intelligenz Einfluss auf menschliche Entscheidungen nimmt. Wie bewerten Sie das?

Prof. Barnim Jeschke: Aktuell hilft vor allem schwache KI bei der Entscheidungsfindung, das heißt, die KI liefert uns die Grundlagen, aber die Entscheidung trifft am Ende der Mensch. Bereits hier liegen Unterstützung und Manipulation nah beieinander. Sobald es allerdings dazu kommt, dass eine starke KI die Entscheidungen selbst trifft, wird es kein menschliches Korrektiv mehr geben. In einer Verkehrssituation mit selbst fahrenden Fahrzeugen und einer automatisierten Verkehrsführung mag das für mehr Sicherheit sorgen, in vielen anderen Bereichen halte ich das für durchaus kritisch.

Herr Prof. Jeschke, vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Silke Fortmann

Prof. Dr. Barnim Jeschke lehrt Strategisches Management an der FOM Hochschule in München. Sein Lehrbuch Entscheidungsorientiertes Management erschien 2017, sein kürzlich veröffentlichtes Buch Besser entscheiden - besser leben zeigt verschiedene Arten und Wege der Entscheidungsfindung im privaten wie auch im beruflichen Zusammenhang auf.