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Doppelinterview mit zwei FOM Professoren für Volkswirtschaftslehre

„Heftige Insolvenz-Welle als Worst-Case-Szenario“

Corona-Pandemie, Ukraine-Krise und eine seit Jahren umstrittene Geldpolitik der Europäischen Zentralbank: Wie haben sich die Länder der Euro-Zone entwickelt? Wie können sich Unternehmen in Deutschland auf die absehbaren Folgen der aktuellen Krisen vorbereiten? Wir sprachen in einem Doppelinterview mit Dr. Julian Christ, Professor für Volkswirtschaftslehre, und Dr. Kristian Giesen, Professor für Volkswirtschaftslehre und Finanzwesen an der FOM Hochschule in Stuttgart.

19.04.2022 | Stuttgart

Herr Prof. Christ, die Eurozone hat in den vergangenen 20 Jahren teils stürmische Zeiten erlebt. Wie ist die makroökonomische Entwicklung der Eurozonen-Länder zu bewerten?

Prof. Dr. Julian Christ: Bereits zu Beginn der Eurozone vor 20 Jahren wiesen mehrere Länder teils überdurchschnittlich hohe öffentliche Schuldenquoten aus, entgegen den originären Vorgaben. Spätestens im Nachgang der Weltfinanzkrise und der europäischen Schuldenkrise ab 2010 wurden massive strukturelle Unterschiede, ein Nord-Süd-Gefälle sowie auch institutionelle Probleme der Eurozone vermehrt sichtbar. Strukturelle Probleme, wie geringes Produktivitätswachstum, schwächen weite Teile Südeuropas bis heute, werden jedoch aktuell durch die COVID-19-Krise und den Krieg in der Ukraine überlagert. Zuletzt ist die öffentliche Verschuldung durch die expansiven Fiskalpolitiken in allen Eurozonen-Ländern erneut massiv angestiegen und notwendige Wirtschaftsreformen sind rar.

Herr Prof. Giesen, welche Gefahren könnten auf Unternehmen durch die EZB-Politik zukommen?

Prof. Dr. Kristian Giesen: Um das zu verstehen, muss man zuerst wissen, dass deutsche Unternehmen ihre Aktivitäten typischerweise zu 70 Prozent mit Schulden, also Fremdkapital finanzieren. Dieses Fremdkapital ist nicht umsonst; dafür müssen Zinsen bezahlt werden. Die EZB hat durch ihre mittlerweile langjährige Niedrigzinspolitik vielen Unternehmen geholfen. So wurden auch manche Unternehmen am Leben gehalten, die bei höheren Zinsen schon längst eine Insolvenz oder Geschäftsabmeldung hätten durchführen müssen. Wenn nun die EZB die Leitzinsen erhöht, dann wird der Zinsaufwand der Unternehmen – mit einer zeitlichen Verzögerung – steigen und vielleicht offenbart sich dann, dass wir eine Insolvenzwelle vor uns hergeschoben haben, die sich anschließend entlädt. 

Herr Prof. Christ, die Fiskalpolitik der Eurozonen-Länder wurde in den vergangenen Krisenjahren in der Regel antizyklisch ausgestaltet. Wie ist hierbei die zunehmende Staatsverschuldung der Mitgliedsstaaten zu bewerten?

Prof. Dr. Julian Christ: Grundsätzlich ist nichts gegen antizyklische Fiskalpolitik zu sagen. Als problematisch sollten schuldenfinanzierte Konjunkturprogramme jedoch dann angesehen werden, wenn Zweifel an der Tragfähigkeit der Staatsverschuldung entstehen, wie beispielsweise im Falle von Griechenland zu Beginn der 2010er Jahre. Insoweit sollten auf antizyklische Programme stets auch konkrete Reformen und Konsolidierungsphasen hinsichtlich der angehäuften Staatsschulden folgen, was in vielen Eurozonen-Ländern jedoch ausgeblieben ist. Die milliardenschweren Ankaufprogramme der EZB für Staatsanleihen der letzten Jahre verhindern bis heute entsprechende Korrekturen. Sie ermöglichen damit hochverschuldeten Eurozonen-Ländern weiterhin kostengünstige Neuverschuldungen.

Herr Prof. Giesen, sehen Sie eine tatsächliche Gefahr für unsere Wirtschaft, die eine Zins-Erhöhung auslösen könnte, z.B. eine Wirtschaftskrise?

Prof. Dr. Kristian Giesen: Unsere Wirtschaft befindet sich derzeit in mehreren Krisen: Lieferkettenkrise, Rohstoffpreiskrise, Energiekrise, flächendeckende Überschuldung der Wirtschaftsteilnehmer (Staaten, Unternehmen, Privatpersonen), Corona-Pandemie und natürlich der Krieg mit den begleitenden Sanktionen. Dazu kommen nun die Inflation und gegebenenfalls noch ansteigende Zinsen. Ich sehe tatsächlich eine Gefahr in dieser Kombination von Problemen, auch wenn sich unmöglich prognostizieren lässt, welche Auswirkungen dieser Schwierigkeiten-Cocktail mit sich bringt. Ein Worst-Case-Szenario wäre eine heftige Insolvenzwelle, die weitere Ansteckungseffekte auslösen würde – beispielsweise Arbeitslosigkeit und weitere Insolvenzen durch Verflechtungen und nachlassende Nachfrage. Zudem würde das massive Verluste in den Kreditportfolios der Banken hervorrufen und so das Finanzsystem schwer belasten.

Prof. Dr. Julian Christ (links) und Prof. Dr. Kristian Giesen. (Fotos: FOM Hochschule)

Herr Prof. Christ, die Inflation in der Eurozone ist insbesondere in den letzten beiden Quartalen überdurchschnittlich stark gestiegen. Welche Inflationstreiber sind hier aktuell im Gespräch?

Prof. Dr. Julian Christ: Hinsichtlich der bereits sichtbaren Preissteigerungen werden derzeit mehrere Anstoßeffekte für eine höhere Inflation diskutiert. Neben den weltweiten Grenzschließungen und Lockdowns seit Beginn der Corona-Pandemie kamen zuletzt die Auswirkungen der Ukraine-Krise und erneute Lockdowns in China hinzu. Die Unternehmen reagieren auf diese angebotsseitigen Verknappungen auf den Güter- und Rohstoffmärkten mit teils Rückverlagerung, verstärkter Lagerhaltung, längeren Lieferzeiten, Auftragsstornierungen und Preiserhöhungen, was an den Erzeuger- und Verbraucherpreisindizes ablesbar ist. Am Ende kommt es darauf an, inwieweit sich über 2022 hinaus höhere Inflationserwartungen allerorts festsetzen und diese im Zusammenhang mit dem durch die EZB seit 2015 geschaffenen Geldüberhang mittelfristig preissteigernd wirken.

Herr Prof. Giesen, welche Maßnahmen können Unternehmen schon heute anwenden, um sich vor Zinserhöhungen zu schützen?

Prof. Dr. Kristian Giesen: Vorab sollte jedes Unternehmen eine einfache Sensitivitätsanalyse durchführen: Wie problematisch wäre eine Zinserhöhung von ein, zwei oder drei Prozentpunkten? Welche Auswirkungen hätte das auf den Unternehmenserfolg und wäre diese Veränderung langfristig tragbar? Ich empfehle, dazu mehrere Szenarien zu simulieren. Es gibt diverse Strategien, mit denen man sich vor Zinserhöhungen schützen kann. Zeigen Sie ihrer Bank dann, dass Ihr Unternehmen zuverlässig ist und über eine sehr gute Bonität verfügt, so dass Sie bessere Zinssätze bekommen.

Eine Abschlussfrage an Sie beide. Europa und Deutschland sind bereits durch die Auswirkungen der Corona-Pandemie wirtschaftlich in den Krisen-Modus geraten. Wie bewerten Sie die aktuellen Entwicklungen durch den Krieg in der Ukraine? 

Prof. Dr. Julian Christ: Eine bittere Erkenntnis der letzten Jahre scheint zu sein, dass Unsicherheit abermals global zugenommen hat und sich Volkswirtschaften, Unternehmen und Individuen den mehrdimensionalen Auswirkungen dieser zahlreichen Krisen nicht entziehen können. Wenngleich die aktuelle politische Diskussion den Fokus nachvollziehbar auf außen- und sicherheitspolitische Fragestellungen sowie Abhängigkeiten der Energieversorgung legt, sollten zukünftig auch verstärkt die bestehenden und teils einseitigen Abhängigkeiten und Lieferketten in der Agrarproduktion – auch vor dem Hintergrund der derzeitigen kriegsbedingten Ernteausfälle kritisch reflektiert werden. 

Prof. Dr. Kristian Giesen: Ich kann mich dieser Meinung nur anschließen; insbesondere, dass die Unsicherheiten in dieser hochkomplexen Welt stark zugenommen haben. Heutzutage kommen drastische Veränderungen „aus dem Nichts“ und stellen Unternehmen vor große Herausforderungen. Der Krieg gehört dazu und wird auch für die deutsche Unternehmenslandschaft die Geschäftsentwicklung weiter eintrüben; wie stark, ist aus heutiger Sicht sehr schwierig bis gar unmöglich abzuschätzen.