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  • Robotik-Plüschkater - Spielerei oder Chance der Pflege 4.0?

Pflege 4.0 – Interview mit Prof. Dr. Matusiewicz

Kollege Roboter

24.07.2020 | Hannover

Wenn Pflegepersonal fehlt, erscheinen Roboter als Ausweg aus der Pflegemisere. Noch ist ihre Zeit nicht gekommen, doch erste Aufgaben können sie bereits heute übernehmen: in der Kommunikation und in der Intralogistik. So werden Humanoide zu den Türöffnern der Digitalisierung, auf die der neue Bachelor-Studiengang Pflege & Digitalisierung der FOM vorbereitet.

Den großen grauen Kater mit dem Flauschfell hat Prof. Dr. David Matusiewicz immer im Auto. Der 36-jährige Ökonom, der an der FOM Hochschule Gesundheitsmanagement lehrt, hat den possierlichen Begleiter aus Japan mitgebracht. Dort sind die Tiere in Alten- und Pflegeheimen gang und gäbe. Wenn man ihn streichelt, wackelt der Kater mit dem Schwanz. Wenn nicht, fordert er Aufmerksamkeit. Ist das nur Spielerei oder ist die Robotik tatsächlich eine Chance für die personell unterbesetzten Pflegeheime? Und was kann Digitalisierung darüber hinaus leisten? Darüber sprechen wir mit Prof. Dr. Matusiewicz, Dekan des Hochschulbereichs Gesundheit & Soziales und Direktor das Forschungsinstitut für Gesundheit & Soziales (ifgs) an der FOM Hochschule.

Herr Prof. Dr. Matusiewicz, kann ein Kater die Probleme der Pflege in Deutschland retten?

Nein, das wäre zu viel verlangt von einem Tier, das nicht einmal 100 Euro kostet. Aber es hilft, Menschen im Heim abzulenken, ihnen ein Lächeln aufs Gesicht zu zaubern. Das ist schon eine Menge.

Was kann Robotik heute leisten? Was nicht?

Roboter, die wie eine Pflegekraft die Heimbewohner waschen, wickeln, wenden, also Pflegetätigkeiten ausüben, gibt es nicht. Dafür fehlt den Maschinen derzeit die Intelligenz, aber auch das Geschick. Wir können nicht erwarten, dass Humanoide, also menschenähnliche Maschinen, ein Ersatz sind für die rund 120.000 Pflegekräfte, die derzeit fehlen. Das haben Forscher der Universität Bremen vor Kurzem ausgerechnet. Und das ist noch freundlich gerechnet.

Wenn wir berücksichtigen, dass manche Menschen den Pflegeberuf verlassen, andere in Rente gehen, fehlen in der Bundesrepublik geschätzt bis zu 300.000 Pflegerinnen und Pfleger über die kommenden fünf Jahre.

Können Roboter eine ergänzende Funktion einnehmen?

Als Begleitung für die Heimbewohner kann ich sie mir sehr wohl vorstellen. Das sind also keine Pflegeroboter, sondern „soziale“ Roboter: Maschinen, die in tier- oder menschenähnlicher Gestalt die Emotion und die Kommunikation fördern. Sie machen Späßchen, stellen Rätsel und können die Stimmung der Patienten verbessern. Sie helfen, Angst, Schmerz und Einsamkeitsgefühle zu reduzieren und die Schlafqualität zu verbessern.

Soziale Roboter haben einen therapeutischen Nutzen?

Ja, der ist wissenschaftlich nachgewiesen. Leider sind die Roboter nicht billig. Die Pflegerobbe Paro ist Vorreiter unter den „sozialen Robotern“ und kostet etwa rund 5.000 Euro. Dafür erkennt sie Stimmen und Verhaltensmuster und kann sich auf einen Menschen als Bezugsperson einstellen. In Deutschland nutzen meines Wissens mehr als 40 Kliniken und Heime die Robbe. Es geht meist um die Begleitung Demenzkranker, aber auch um Patienten in der Palliativmedizin.

Viel ist derzeit von Pepper die Rede. Was leistet der Roboter?

Pepper ist ein Humanoide aus Japan und eigentlich gar nicht für die Pflege entwickelt worden. Er hat viel Sensortechnik, einen Bildschirm und eine Software, die ihn flexibel einsetzbar machen. Forscher der Uni Siegen und der FH Kiel programmierten Pepper 2017 für die Betreuung der Bewohner eines Seniorenheims in Siegen. Und Entrance Robotics, eine Firma aus Wuppertal, setzte 2019 einen Pepper in einem Seniorenzentrum in Hannover ein.

Prof. Dr. Matusiewicz mit digitaler Flauschkatze (Foto: Privat)

Noch ist Pepper also die Ausnahme?

Ja, aber er zeigt, was er kann. Er unterhält, erzählt, regt den Geist an und animiert auch zu Bewegungsspielen. Das ist ein Stück Gesundheitsprävention, für die das Pflegepersonal leider oft keine Zeit hat. Allerdings liegen die Kosten für Pepper im fünfstelligen Bereich. Das sind Kosten, die die Krankenkassen leider nicht übernehmen.

Können Roboter die Intralogistik unterstützen?

Derzeit bereitet ein Hersteller eine Anwendung für den deutschen Markt vor, um Medikamente und Blutproben von A nach B zu transportieren. Da stehen die Techniker aber noch vor der Herausforderung, die Roboter Aufzug fahren zu lassen. Aber auch wenn das gelöst ist, wäre es der nächste Schritt nach den FTS, den Fahrerlosen Transportsystemen, die heute schon in großen Kliniken Betten und Wäschesäcke vollautomatisch transportieren. Mittelfristig ist auch mit dem Einsatz von Hygienerobotern zu rechnen, die mit UV-C-Licht oder Ozon Räume desinfizieren.

Immer wieder beklagen sich Ärzte und Pfleger über ausufernde Dokumentationspflichten. Gibt es hier Ansatzmöglichkeiten, um den Pflegemangel zu bekämpfen?

Auf jeden Fall. Nach einer Studie verbringen Pflegekräfte ein Drittel ihrer Arbeitszeit mit Codierung, Dokumentation, Schichtübergaben und so weiter. Da bietet Digitalisierung prima Möglichkeiten, um Patientenakten und Dokumentationen effizient zu führen, Leistungen abzurechnen und anderes mehr.

Wird das an den Hochschulen bereits thematisiert?

Im Forschungsbereich schon, in der Lehre kaum. Von daher sind wir bundes-, ja europaweit ganz vorn mit dem neuen berufsbegleitenden Bachelor-Studiengang Pflege & Digitalisierung, den wir in Zusammenarbeit mit der Universitätsmedizin Essen konzipiert haben. Der Bachelor richtet sich an Schulabgänger, die in die Pflege wollen, aber auch an berufstätige Pflegekräfte. Das ist ein toller Mix, bei dem die Studierenden voneinander profitieren. Im Wintersemester 2020 geht’s am Essener Studienzentrum der FOM los.

Worum geht es inhaltlich im neuen Studiengang?

Um die Nutzung von Software und Robotern in der Pflege, um die Möglichkeit, durch Informationstechnologien Abläufe in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen effizienter, also mit weniger Personalaufwand zu gestalten. Dabei nehme die Dozenten, die auch von der Essener Unimedizin kommen, auch das Thema Change Management in den Blick. Also die Frage, wie man den laufenden Betrieb schrittweise durch Einführung neuer Prozesse und Tools umstellen kann. Das ist eine Kunst für sich.