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  • 5 Antworten aus der Logistikforschung zu Arbeitswelten der Zukunft
01.10.2018

Arbeitswelten der Zukunft

5 Antworten aus der Logistikforschung

Teil eins unserer Serie zum Thema "Arbeitswelten der Zukunft": Wir sprachen mit Prof. Dr. Matthias Klumpp, Direktor des Instituts für Logistik & Dienstleistungsmanagement (ild) der FOM Hochschule. Die Zukunft der Arbeit ist wichtiger Bestandteil der Arbeit am Institut und in dessen Forschungsprojekten. In den aktuellen Projekten ADINA und DigiLog ebenso, wie im soeben abgeschlossenen Projekt MARTINA

Prof. Dr. Matthias Klumpp, Direktor des Instituts für Logistik & Dienstleistungsmanagement (ild) der FOM Hochschule (Foto: FOM/Tim Stender)

Professor Klumpp, wie wird sich die Arbeit in dem Bereich, in dem Sie forschen, in Zukunft verändern?

Prof. Dr. Matthias Klumpp: Die Veränderungen der Arbeitswelt sind in der Logistik bereits in vollem Gange: Sowohl für gewerbliche Mitarbeitende wie Berufskraftfahrende als auch für kaufmännische Mitarbeitende wie Disponentinnen und Disponenten sind digitale Arbeitsmedien mittlerweile Standard. Viele Prozesse und Entscheidungen werden durch Smartphone-Apps, digitale Handhelds und KI-Anwendungen unterstützt. Man kann die Logistik aufgrund der Komplexität der Prozesse und Akteure als Vorreiter in der Nutzung digitaler Anwendungen sehen – und diese Erfahrung und Kompetenz wird in Zukunft auch aktiv an andere Branchen weitergegeben werden. Insofern sehe ich die Logistikbranche auch bestens gerüstet, mit der digitalen Transformation umzugehen und diese beispielhaft zu gestalten.

Welche Kompetenzen werden gefragt sein?

Prof. Dr. Matthias Klumpp: Wir sprechen von einem „Competence shift“ vom „Know-how“ zum „Know-why“ – so müssen Berufskraftfahrende in Zukunft nicht mehr über operative Details wie Kraftstoffberechnung, Routenplanung mit Karten oder die Gangschaltung im Fahrzeug Bescheid wissen bzw. dies ausführen können. Aber dafür muss ein Verständnis vorhanden sein, wie Navigations-, Platooning-, Maut- und andere elektronische Systeme funktionieren, was diese tun, und es muss auch erkannt werden, wann Fehler vorliegen und ein manueller Eingriff erforderlich ist. Aus unserer Forschung ist bereits ersichtlich, dass die reflexartigen Forderungen nach immer mehr IT-Kompetenzen für die Logistik in Berufsbildung und Studium teilweise überzogen sind – denn IT-Anwendungen werden immer einfacher in der Bedienbarkeit; so haben wir im Forschungsprojekt MARTINA gerade einen Prototyp einer Smartphone-App fertiggestellt, in der jeder Anwender sich ein eigenes Trainingsspiel mit neuen Inhalten erstellen kann, ohne IT-Vorwissen. Im Gegenteil werden also inhaltliche Kenntnisse immer bedeutender.

Welche Rolle spielt die Forschung allgemein und Ihre im Speziellen bei der Bewältigung der Veränderungen?

Prof. Dr. Matthias Klumpp: Forschung bringt ein ganzes Bündel von Eigenschaften und Vorteilen in ein betriebliches und gesellschaftliches Change-Management ein: Forschung eignet sich hervorragend zur Generierung neuer Ideen, zur Simulation und zum Diskurs neuer Geschäftsmodelle und von Prozessinnovationen. So testen wir ab Ende des Jahres mit einem großen deutschen Einzelhändler in München eine digitale Erfassung von Leistungsdaten in der Kommissionierung – die gleichzeitig eine Realtime-Optimierung zulassen wird; das soll Kosten senken, aber auch Wege für die Mitarbeiter sparen. Forschung kann einen Resonanzboden für Innovationen bereitstellen, Experimentierräume, in denen auch Mitarbeiter abseits vom Tagesgeschäft Dinge ausprobieren können. Forschung kann kritisch reflektieren und evaluieren, ohne in einer kurzfristigen Gewinnorientierung gefangen zu sein – so können wir auch Dinge vorausdenken, die gegebenenfalls erst in Jahren oder Jahrzehnten wirtschaftlich tragfähig sind. Der derzeit kontrovers diskutierte Konzeptvorschlag eines „Physical Internet“ ist ein solches Beispiel für strategisches Vorausdenken. Auch wenn heute noch nicht vollständig klar ist, wie die Umsetzung im Einzelnen aussehen wird, so stellt allein die Vision eines derartigen Zusammenwirkens in Logistik- und Transportketten einen wichtigen Zukunftsbeitrag dar.

Und schließlich hat Forschung auch eine wichtige Rolle in Ihrer objektiven Suche nach Wahrheit und Erkenntnis: Im wirtschaftlichen und politischen Tagesgeschäft sind oft Interessen und Zielsetzungen leitend. Wissenschaft ist aber allein der Erkenntnissuche verpflichtet – und kann beispielsweise offen aussprechen, dass unter der Vorrausetzung des aktuellen deutschen Strommixes Elektrofahrzeuge keinen Beitrag zum Umweltschutz im Sinne einer Reduktion des Ausstoßes klimaschädlicher Gase leisten, sondern nur, wenn diese ausschließlich mit regenerativ gewonnener Elektrizität betrieben werden. Insofern sind die derzeit gültigen pauschalen Kaufprämien für Elektrofahrzeuge wissenschaftlich gesehen nicht gerechtfertigt, diese müssten an die Nutzung von Ökostrom gebunden werden.

Welche Veränderungen gefallen Ihnen und welche finden Sie gegebenenfalls bedenklich?

Prof. Dr. Matthias Klumpp: Wir erhalten in unseren Forschungsinterviews durchgängig von allen Logistikmitarbeitenden die Rückmeldung, dass digitale Transformationsprozesse als Verbesserung und Erleichterung wahrgenommen werden. Mich persönlich freut insbesondere, dass Digitalisierung mittelbar auch Gleichberechtigung und Diversität stärkt: Gerade bis dato unterrepräsentierte Gruppen in der Logistik erhalten Wettbewerbsvorteile in der Nutzung digitaler Anwendungen – es zählt weniger körperliche und mehr geistige Agilität. Bedenklich ist, dass aktuell aus unserer Sicht teilweise falsche Signale zur Beschäftigung im Kontext einer Digitalisierung vermittelt werden: Aus unserer Forschungs- und Praxiserfahrung sind im Logistikwesen in keiner Weise signifikant Arbeitsplätze bedroht.

Es werden sich umfassend Tätigkeitsprofile ändern, in Einzelbereichen wie der Disposition oder der Kommissionierung werden sicher weniger Beschäftigte zu finden sein – jedoch ist insgesamt durch die steigende Wettbewerbsfähigkeit und die Innovationskraft der Logistik von steigenden Beschäftigtenzahlen auszugehen. Es ist nach unserem Dafürhalten also weniger „Panikmache“, sondern gerade von der Wirtschafts- und Bildungspolitik vielmehr eine Qualifizierungsoffensive angesagt, verbunden mit einer ermutigenden Botschaft, die Vertrauen in die Leistungsfähigkeit, Motivation und Qualifikation der Mitarbeitenden in der deutschen Schlüsselbranche Logistik setzt. Die Beschäftigten selbst sehen Digitalisierung, Roboter und künstliche Intelligenz am Arbeitsplatz mehr als Chance als dies teilweise Manager und Politiker tun, das sollte sich ändern.

Welches Thema würden Sie sich im Anschluss an das Wissenschaftsjahr 2018 wünschen und warum?

Prof. Dr. Matthias Klumpp: Eine sehr gute Ergänzung und Fortführung der Themenstellungen in Richtung des Wissenschaftsjahres wäre für 2019 sicherlich die Frage der „Anwendung, Regulierung und des Nutzens künstlicher Intelligenz in der Gesellschaft“ – und ich meine, das Bundesministerium für Bildung und Forschung habe auch in diese Richtung entschieden. Dieses Thema betrifft Wirtschaft und Arbeit aber auch die aktuellen Fragen von personenbezogenem Datenschutz, Beeinflussbarkeit von Wahlen, internationaler Kooperation und Regularien sowie gesellschaftlichen Entscheidungen – hierzu sollten Gesellschaft und Wissenschaft in einen aktiven Diskurs treten.