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19.12.2018

Arbeitswelten der Zukunft

5 Antworten aus der Innovationsforschung

Teil neun unserer Interviewreihe: Heute sprechen wir mit Prof. Dr.-Ing. Michael Schaffner, kooptierter Wissenschaftler des KCT KompetenzCentrums für Technologie- & Innovationsmanagement der FOM. Die Zukunft der Arbeit ist wichtiger Bestandteil der Arbeit am KCT und seiner Forschung im Bereich Wissensmanagement im industriellen Kontext.

Prof. Dr.-Ing. Michael Schaffner forscht am KCT KompetenzCentrum für Technologie- & Innovationsmanagement der FOM zum Thema Wissensmanagement im industriellen Kontext (Foto: FOM)

Professor Schaffner, wie wird sich die Arbeit in dem Bereich, den Sie erforschen, verändern?

Prof. Dr. Michael Schaffner: Technische Redakteure konzipieren, erstellen und aktualisieren technische Dokumentationen – beispielsweise Installations- und Betriebsanleitungen oder Serviceliteratur. Diese produktbegleitenden Informationen sichern die Produktionsbereitschaft von Fertigungssystemen sowie die Handlungsfähigkeit des Personals.

In den heutigen Produktionsumgebungen wird die Betriebsbereitschaft noch überwiegend von Menschen verantwortet. Die technische Literatur hierzu liefert das notwendige situationale Wissen, damit der Anwendungskontext richtig eingeordnet und interpretiert werden kann, zum Beispiel Betrieb, Wartung, Störung. Zudem liefert sie das konzeptionelle Wissen, also das Wissen darum, was in einer spezifischen Situation zu tun ist. Das prozedurale Wissen, das Faktenwissen durch Erfahrung und Lernkurven erweitert, und das strategische Wissen, worunter Problemlösungsstrategien für bislang unbekannte Probleme verstanden werden, wird allein über die kognitiven Fähigkeiten des Bedienpersonals oder der Servicetechniker abgebildet.

Im Zuge der Industrie 4.0 wird sich der Anwendungsbereich der technischen Informationen verändern, denn die Produktionsbereitschaft wird künftig stark durch Maschine-zu-Maschine-Kommunikation, Service-Roboter, autonome SaaS-Applikationen und kontext-dynamisch generierte Informationsartefakte bestimmt. Dies wird den Arbeitskontext technischer Redakteure nachhaltig verändern. Nicht mehr das Schreiben der redaktionellen Texte wird künftig im Vordergrund stehen, sondern die ontologische Beschreibung der Informationsversorgung.

Welche Kompetenzen werden in Zukunft gefragt sein?

Prof. Dr. Michael Schaffner: Künftig müssen technische Redakteure, die dann vielleicht „Semantikmodellierer“ genannt werden, die komplexen logischen Beziehungen von Komponenten durchdringen, modellieren und entlang der Produktlebenszeit in Kollaboration mit allen Zulieferern kontinuierlich pflegen. Die Wissensarbeit der Redakteure in einer technischen Kommunikation 4.0 im Rahmen einer sogenannten „Smart Factory“ wird damit weniger von fachtechnischen Leitfragen gelenkt, sondern primär von konzeptionellen Leitfragen. Die Arbeit wird ontologischer, entsprechende Leitfragen sind beispielsweise: Über welche Sensorwerte, Statusmeldungen, Assistenzdaten et cetera kann eine Situation eindeutig identifiziert werden? Wie lassen sich die Beziehungen zu allen kontext-relevanten Ressourcen – sprich: Ersatzteile, Werkzeuge, Techniker, verknüpfte Komponenten und so weiter – eindeutig beschreiben?

Darüber hinaus gehört zur technischen Kommunikation 4.0, dass das intuitive und das Erfahrungswissen der Techniker, also das intrinsische Wissen, in die semantischen Modelle übertragen und „lebendig“ gehalten wird. So erfordert der Anspruch an das „prozedurale Wissen“, dass das System selbstständig Wissen aufbaut und beispielsweise – wie der Mensch – aus Beispielen lernen kann. Das nennt man „Deep Learning“. Beim „strategischen Wissen“, bei dem noch unbekannte Lösungsstrategien für neue Probleme entdeckt werden, spielen Big-Data-Analytics eine große Rolle, beispielsweise bei der Suche bislang unbekannter Störquellen oder von spezifischen Ursache-Wirkungs-Beziehungen.

Welche Rolle spielt die Forschung bei der Bewältigung der Veränderungen - sowohl allgemein als auch Ihre im Speziellen?

Prof. Dr. Michael Schaffner: Im Forschungsprojekt „Technische Kommunikation 4.0“ des KCT konnten erste Antworten auf die Forschungsfrage gefunden werden, wie sich der Arbeitskontext für die Mitarbeitenden in der technischen Kommunikation verändern wird.

Zudem hat die Gesellschaft für technische Kommunikation 2016 den Arbeitskreis „Information 4.0“ gegründet, der sich mit der Integration einer intelligenten Bereitstellung von Nutzungsinformationen in Konzepten der Industrie 4.0 beschäftigt hat.

Dieser Arbeitskreis, den ich als Scrum Master leiten durfte, hat im Zeitraum März 2016 bis Dezember 2017 an der Entwicklung eines standardisierten, ontologischen Datenmodells gearbeitet, das eine automatisierte, kontextabhängige und individuelle Bereitstellung von Nutzungsinformationen ermöglicht. Zum 18. April 2018 wurde die erste Version v1.0 des Standards iiRDS, beziehungsweise intelligent information Request & Delivery Standard, veröffentlicht.

Die prognostizierte Entwicklung der technischen Kommunikation hin zu einer ontologischen Arbeit ist jedoch noch von verschiedenen Randbedingungen abhängig, beispielsweise ob und wie der iiRDS-Standard sowie die Idee einer sich ändernden Arbeitsorganisation in der Branche adoptiert wird. Hier gilt es noch weiter zu forschen, um den Adoptionsprozess besser zu verstehen.

Welche Veränderungen gefallen Ihnen und welche finden Sie gegebenenfalls bedenklich?

Prof. Dr. Michael Schaffner: Grundsätzlich sind die aktuell technischen Möglichkeiten für einen Ingenieur mit betriebswirtschaftlicher Ausrichtung ein spannendes Feld. Bedenken kommen immer dann hoch, wenn im Zuge von künstlicher Intelligenz und selbstlernenden Systemen die Entwickler bei moralisch-ethischen Fragen auf die Geisteswissenschaften verweisen – nach dem Motto: „Das haben die zu lösen“. Denn wenn der Mensch die Hoheit über die Entscheidung verliert und bei ethischen Konflikten – denken Sie an autonomes Fahren, autonome Kriegsroboter und Kriegsdrohnen – ein „irgendwie programmierter“ Algorithmus entscheidet, dann empfinde ich das als besorgniserregend. Hier müssen legislativ dringend Rahmen gesetzt und den Software-Entwicklern moralische Kompetenz implantiert werden.

Für 2019 hat das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) ja bereits das Thema „künstliche Intelligenz“ [KI] angekündigt. Welches Thema würden Sie sich im Anschluss daran wünschen und warum?

Prof. Dr. Michael Schaffner: Künftig werde ich mich stärker forschend mit der Förderung der Akzeptanz beschäftigen. Denn in der tekom-Branchenstudie 2017 werden die Akzeptanzprobleme erkennbar und dass die technische Kommunikation in den Unternehmen noch nicht angemessen auf Industrie 4.0 vorbereitet ist. Für 44,5 % der in der tekom-Studie befragten Experten ist der Status von intelligenter Information in Industrieunternehmen noch kein Thema.

Für die technische Kommunikation bietet sich mit Industrie 4.0 jedoch eine einmalige Chance der strategischen Positionierung im Unternehmen. Wissensmanagement als neue Aufgabe für technische Redakteure zu verstehen, ist keine neue Erkenntnis. Einzig, die Relevanz auf der Managementebene zu kommunizieren, ist bislang der große Hemmschuh gewesen. Denn das Management war bisher nur schwer zu überzeugen, da die Effektivität von Wissensmanagement kaum zu beschreiben und die Effizienz über ein Return on Investment noch schwerer kalkulierbar ist. Mit Industrie 4.0 ist das Management nun ausreichend sensibilisiert, dass versucht werden kann, das Wertschöpfungsthema des „intelligenten Contents“ beziehungsweise der „intelligenten Information“ zu platzieren.

Die technische Kommunikation ist in Projekte zur Industrie 4.0 in den Unternehmen aber selten eingebunden. Hier könnte sich ein mittelfristiges Problem ergeben, wenn die für Industrie 4.0-Projekte relevanten technischen Informationen ohne Beteiligung der Fachexperten aus der technischen Kommunikation konzipiert werden.

So ergibt sich hieraus auch die künftige Forschungsausrichtung des KCT, die sich in erster Linie mit der Adoption dieser Prozess- und Produktinnovation, der „Semantikmodellierung“ aus Sicht der technischen Kommunikation in den Industrieunternehmen, beschäftigt. Dies gilt speziell im Kontext der künstlichen Intelligenz. Denn wenn Entscheidungen durch Algorithmen getroffen oder vorbereitet werden, ist die Akzeptanz hierfür im Detail zu erforschen und zu fördern. Daher kommt mir und meiner Forschung das Thema 2019 sehr entgegen.

Nachdem 2019 die Weiterentwicklung der Wissensumgebung von KI sowie vor allem auch die KI-Akzeptanzprobleme zu klären sind, wäre mein Wunsch für 2020 das Thema der vollständigen Transformation humanoider Betriebs- und Serviceanwendungen durch autonome Fertigungssysteme und Service-Robotik.