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16.04.2018 | München

Innovative Versorgungskonzepte

Telemedizin: Welche Vorteile haben Online-Sprechstunden?

FOM Dozent Moritz Behm
Dozent Moritz Behm lehrt u.a. das Modul "Innovative Versorgungskonzepte" an der FOM in München (Foto: privat)

Online-Videosprechstunden sind eine sinnvolle Ergänzung zum physischen Arztbesuch. Sie können im Rahmen des Erstkontakts für den Patienten wertvolle Zeit sowie ärztliche Ressourcen einsparen. Zudem bieten sie den Menschen auf dem Land Zugang zu schneller medizinischer Hilfe. Welche Vorteile Online-Sprechstunden haben, beleuchtet der Münchner FOM Dozent Moritz Behm im Kurzinterview.

Herr Behm, überfüllte Notaufnahmen sind keine Seltenheit an Münchner Krankenhäusern. Zu viele Patienten gehen nicht mehr zum Hausarzt, sondern nutzen die Ambulanzen. Wären Online-Sprechstunden eine Alternative?

Moritz Behm: Online-Sprechstunden sind eine wertvolle Ergänzung zum physischen Arztbesuch. Vielen Arbeitnehmern ist es erst abends möglich, sich untersuchen zu lassen, und sie weichen gezwungenermaßen auf Krankenhäuser aus. In diesen Fällen wären Online-Sprechstunden für den medizinischen Erstkontakt eine sinnvolle Lösung. Per Videoübertragung stellen die Ärzte zahlreiche Fragen und gehen intensiv auf ihre Patienten ein. Sowohl e-Rezepte als auch e-Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen sind heute bereits möglich: für Versicherte einer rein digitalen privaten Krankenversicherung.

Gibt es Vorreiter für diese Entwicklung?

In der Schweiz sind Online-Sprechstunden bereits deutlich etablierter und es hat sich gezeigt, dass 70-80% der Krankheitsfälle, in denen der medizinische Erstkontakt per Fernbehandlung läuft, ohne physischen Arztbesuch abschließend behandelt werden können. Zudem haben dort Patienten, die Online-Sprechstunden wahrnehmen, eine größere Gesundheitskompetenz aufgebaut. In Baden-Württemberg wird aktuell im Rahmen eines Modellprojektes die ausschließliche Behandlung von Patienten via Telekommunikation getestet. Dies ist in allen anderen Bundesländern so noch nicht zulässig, da das sogenannte „Fernbehandlungsverbot“ die ausschließliche Fernbehandlung dort verbietet. Ich hoffe sehr, dass im Rahmen des kommenden Ärztetages das Fernbehandlungsverbot auf Bundesebene abgeschafft wird.

Ist die Beratung per Video-Sprechstunde ebenso gut wie persönlich beim Arzt?

Moritz Behm: Die Befürchtung vieler Patienten hierzulande ist sicher, dass sie schlechter beraten werden würden. Wir haben in der Schweiz aber die Erfahrung gemacht, dass sie sich sogar besser angesehen und ausführlicher beraten fühlen. Ich bin davon überzeugt, dass Online-Sprechstunden in fünf Jahren auch in Deutschland kein Tabu mehr sind, sondern eine etablierte Form des medizinischen Erstkontakts. Schon jetzt beschäftigen sich viele Krankenkassen mit dem Thema und es steht fest, dass sich unsere Gesellschaft an digitale Möglichkeiten auch im Gesundheitswesen gewöhnen wird und muss. Medizinische Tools wie beispielsweise ein Stethoskop für den Hausgebrauch, das bei Online-Sprechstunden eingesetzt wird, gibt es bereits zur Unterstützung der Fernbehandlung.

Auch die ländliche Bevölkerung würde stark von Online-Sprechstunden profitieren. Ein Patient mit einer offenen Wunde etwa kann per Video-Sprechstunde beraten werden, ob eine Fahrt ins Krankenhaus notwendig ist oder nicht, da der Arzt die Wunde per Kamera ebenfalls gut in Augenschein nehmen kann. In nicht so gravierenden Fällen gibt es dann entsprechende Hinweise zur vernünftigen Selbstversorgung.

Wie stehen die Ärzte in Deutschland zu diesem Thema?

Moritz Behm: Viele Ärzte sind sicher ähnlich skeptisch wie die Patienten. Einige sind den digitalen Möglichkeiten gegenüber offener eingestellt als andere. Was vielen immer noch fehlt, ist die Kenntnis über das Für und Wider. Hier bedarf es ordentlicher Aufklärungsarbeit auf allen Seiten.