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22.06.2017

Research Fellows im Porträt

Von der Praxis in die Wissenschaft – und wieder zurück

Lebenslanges Lernen lohnt. Das stellt der Werdegang von Hella Abidi eindrucksvoll unter Beweis. Nach ihrer Ausbildung bei Dachser war sie in verschiedenen Bereichen des Logistik- Unternehmens tätig. Parallel zum Job hat sie sich permanent weitergebildet. Über ein Studium an der FOM Hochschule landete sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin am ild Institut für Logistik- & Dienstleistungsmanagement, begleitete mehrere Projekte und bereitete ihre Promotion vor. Jetzt arbeitet sie wieder bei Dachser und leitet dort ein internationales Forschungsprojekt zum Thema City Distribution. Details verrät sie im Interview…

Hella Abidi beim FOM Logistik-Forum (Foto: Tom Schulte)
Hella Abidi beim FOM Logistik-Forum (Foto: Tom Schulte)


Wie sah Ihr Weg an die FOM Hochschule bzw. das ild aus?

Hella Abidi: Es hat begonnen mit einem Zeitungsausschnitt. Darin wurde über den Start eines berufsbegleitenden Studiengangs an der FOM in Köln berichtet: Wirtschaftswissenschaften mit den Schwerpunkten Logistik und Supply Management. Bislang war dieses Programm Mitarbeitenden der Bayer AG vorbehalten – die Wurzeln des Hochschulstudienzentrums liegen ja in einer Kooperation mit dem Konzern – jetzt stand es aber allen offen und passte perfekt in meine Planung. Ich hatte bei der Dachser GmbH & Co. KG meine Ausbildung beendet, war bei dem Logistikunternehmen u.a. in den Bereichen Disposition, Vertrieb und Customer Service tätig und hatte parallel zum Job verschiedene Weiterbildungen absolviert – zum Beispiel einen Lehrgang zur Verkehrsfachwirtin an der IHK Köln. Mit einem Studium wollte ich meine Kompetenzen weiter ausbauen und mich für eine Abteilungsleitung qualifizieren.

Im 5. und 6. Semester hatte ich Vorlesungen bei Prof. Dr. Matthias Klumpp, dem Direktor des ild. Ich habe ihn direkt auf das Thema Doktortitel angesprochen und gefragt, wie sich eine Promotion am besten realisieren lässt. In der Folge hat er mich zu von ihm organisierten wissenschaftlichen Abenden eingeladen, wo ich spannende Einblicke in das wissenschaftliche Arbeiten gewonnen und viel gelernt habe. Dann stand am ild der Start des Forschungsprojektes Wissenschaftliche Weiterbildung in der Logistik an. Inhalte und Zielsetzung haben mich sehr angesprochen. Schließlich bilde ich mich seit Abschluss meiner Ausbildung permanent berufsbegleitend im Bereich Logistik weiter. Ich kam also als wissenschaftliche Mitarbeiterin an Bord und habe parallel meine Promotion vorbereitet – wenn auch zu einem anderen Thema…

Hat die Arbeit am ild Ihnen auf dem Weg zur Promotion geholfen?

Hella Abidi: Auf jeden Fall. Ich komme ja ursprünglich aus dem operativen Bereich und konnte durch die Arbeit am ild erstmals auch meine wissenschaftlichen Kompetenzen weiterentwickeln: Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit Projektpartnern aus unterschiedlichen Institutionen? Was ist beim Verfassen wissenschaftlicher Beiträge zu beachten? Und wie fühlt es sich an, Vorträge auf Konferenzen zu halten oder in der Lehre tätig zu sein?

Was ist das Thema Ihrer Promotion?

Hella Abidi: Es geht um Performance Management in der humanitäre Logistik. Ich habe untersucht, wie sich Supply Chain Strategie in die Arbeit von Hilfsorganisationen integrieren lässt. Dabei bestand vor allem eine Schwierigkeit: Erkenntnisse aus der Privatwirtschaft lassen sich nicht 1:1 auf humanitäre Projekte übertragen. Wenn es gilt, Katastrophengebiete in der ersten Reaktionsphase mit Medikamenten, Lebensmitteln oder Kleidung zu versorgen, steht nicht die Kosteneffizienz im Vordergrund. Es geht vielmehr darum, möglichst viele Menschen schnell zu erreichen, um ihre Situation zu verbessern.

Ich habe u.a. ein einheitliches Performance Measurement System entwickelt, das es ermöglicht, die Supply Chains von Hilfsorganisationen zu vergleichen. Pro Krisenregion sind manchmal über 600 Organisationen vor Ort. Das kann – wie im Fall von Haiti – dazu führen, dass der Hafen verstopft ist und sich die Verteilung von Hilfsgütern verzögert. Mit Hilfe eines Performance Measurement Systems ist es möglich, die Kernkompetenzen verschiedener Organisationen sichtbar zu machen und ihre Arbeit entsprechend ihrer jeweiligen Strategie zu koordinieren. Das verbessert die Situation im Krisengebiet und sorgt gleichzeitig dafür, dass Spendengelder effizient eingesetzt werden.

Bei Ärzte ohne Grenzen in Belgien ist dieses Instrument bereits im Einsatz. Die Promotion selbst ist allerdings noch nicht abgeschlossen. Ich befinde mich in den letzten Zügen: Die Kapitel sind geschrieben, und bin aktuell dabei, die Kommentare von meinem Doktorvater einzuarbeiten.

Ist humanitäre Logistik ein Thema, das Sie auch im Arbeitsalltag beschäftigt?

Hella Abidi: Aktuell nicht. Nach meiner Zeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin am ild bin ich wieder zu Dachser gewechselt, genauer: in die Forschungs- und Entwicklungsabteilung des Unternehmens. Dort leite ich seit 2016 ein Projekt, das sehr viele Bezugspunkte zu dem letzten Projekt hat, das ich an der FOM betreut habe: Bei E-Route ging es um den Einsatz von Elektrofahrzeugen auf der Last Mile – also auf dem Weg eines Produktes vom Lager des Großhändlers bzw. Logistikdienstleisters zum Point of Sale bzw. zum Kunden. Bei Dachser bin ich dabei, innovative und nachhaltige Geschäftsmodelle für die City-Distribution zu entwickeln. Da haben mir die E-Route-Einblicke natürlich sehr geholfen – zum Beispiel mit Blick auf die Vor- und Nachteile des Einsatzes von Elektrofahrzeugen.

Liegt der Fokus des Dachser-Projektes auf Elektrofahrzeugen?

Hella Abidi: Elektrofahrzeuge sind nur ein möglicher Aspekt. Unser Ziel ist es, eine Toolbox zu entwickeln, die verschiedene Szenarien ermöglicht – und zwar in Abhängigkeit zu den Besonderheiten der jeweiligen Stadt. Amsterdam beispielsweise besteht zu 30 Prozent aus Wasser, deshalb überlegen wir, die Grachten zu nutzen. In Paris haben wir gute Erfahrungen mit Elektrofahrzeugen gemacht. Die haben sich in Stuttgart dagegen nicht bewährt, weil die vielen Hügel die Reichweite der Fahrzeuge einschränken.

Aktuell sind wir also dabei, verschiedene Modelle zu testen, zu evaluieren und anzupassen. Unser Hauptaugenmerk liegt dabei nicht nur auf der Kostenminimierung. Ziel ist auch, den Ausstoß von Schadstoffen wie CO2, NOx oder HCsO2 zu reduzieren sowie die Fahrer*innen zu entlasten – zum Beispiel mit Blick auf Staus oder Parkmöglichkeiten. Angesetzt ist das Projekt bis März 2019.

Sind Sie zusätzlich in die Forschungsaktivitäten des ild eingebunden?

Hella Abidi: Nur eingeschränkt, da ich mich momentan in erster Linie auf meine Promotion konzentriere. Beispielsweise habe ich das 10. FOM Forum Logistik moderiert, wo u.a. Ergebnisse des laufenden Projektes MARTINA vorgestellt wurden. Unter dem Titel „CreateMedia in Mobility & Logistics – Innovative Weiterentwicklung der Logistik-Aus- und Weiterbildung in Nordrhein-Westfalen“ entsteht dort eine Lernapp zu Themen wie Sicherheit und Compliance für Mitarbeiter*innen in der Logistik. Den Prototyp kann man sich u.a. beim 2. Essener Wissenschaftssommer anschauen.