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„Ein politischer Umbruch in Nordafrika kann wirtschaftliche Chancen bieten“
05.05.2011 - Seebeben in Japan und politisches Beben in Nordafrika – was heißt das für die Weltwirtschaft? Unter diesem Motto hatte die FOM Hochschule für Oekonomie & Management zum ersten „Stuttgarter Gespräch“ eingeladen. Im Rahmen der Veranstaltung zeigte der FOM-Dozent Prof. Dr. Gerald Mann auf, wo und wie sich diese beiden sehr unterschiedlichen Ereignisse auf die globale wirtschaftliche Entwicklung auswirken können.
Das Szenario in Japan: Nach dem Erdbeben und der Flutwelle kämpft die Wirtschaftsnation mit den verheerenden Verwüstungen, den Verlusten an Menschenleben sowie Realkapital. Doch die größten Sorgen verbreitet die eingetretene Atomkatastrophe. Was bedeutet das für Japans Wirtschaft? „Zerstörte Infrastruktur, Produktions- und Stromausfälle wären verkraftbar. Die Unsicherheit in Bezug auf die Folgen der nuklearen Katastrophe kann jedoch den Wiederaufbau lähmen und darüber hinaus zu Produktionsverlagerungen ins Ausland führen“, so Prof. Dr. Gerald Mann in seinem Vortrag.
Aufgrund der internationalen Arbeitsteilung führen die Produktionsstopps in Japan weltweit zu Unterbrechungen der Lieferketten. „Es ist zu erwarten, dass Unternehmen vor dem Hintergrund dieser Erfahrung künftig versuchen werden, ihre Abhängigkeit von nur einem oder zwei Lieferanten zu reduzieren. Dazu könnten zum Beispiel langfristig Lagerbestände wieder grundsätzlich etwas hochgefahren werden“, erwartet der Volkswirtschaftler und Politologe. In Deutschland haben die Ereignisse in Fukushima zudem die Bestrebungen für einen beschleunigten Ausstieg aus der Kernenergie verstärkt. Weltweit lasse sich dieser Effekt allerdings nicht beobachten.
Ein ganz anderes Szenario zeichnet sich in Nordafrika und dem Nahen Osten ab: Ein politisches Beben beendete langjährige autokratische Herrschaften bzw. fordert noch bestehende heraus. „Ein Wind des Wandels erfüllt die Region. Doch die positive Wahrnehmung kann umschlagen, falls sich die demokratischen Kräfte nicht langfristig durchsetzen können und islamistische Regime an die Macht kommen sollten. Erst in ein paar Jahren lassen sich die Entwicklungen abschließend bewerten“, so der Volkswirtschaftler.
Die Auswirkungen der aktuellen Unruhen auf die globale Wirtschaft: „Ausländische Exporteure und Investoren sind von Plünderungen, Streiks und steigenden Zahlungsrisiken betroffen. Eine entscheidende Rolle für die Weltwirtschaft spielen aber in diesem Zusammenhang vor allem die Erhöhung des Ölpreises und mögliche Lieferengpässe in der Ölversorgung sowie die Gefahr einer Unterbrechung des Seewegs durch den Suezkanal“, erläutert Dr. Mann von der FOM. Doch ein politischer Umbruch bietet auch Chancen für die Wirtschaft. So könnten in Nordafrika neue Märkte und der Mittelmeerraum als integrierter Wirtschaftsraum erschlossen werden.
Nach Einschätzung von Dr. Mann werden – schon aufgrund der räumlichen Nähe – die Entwicklungen in Nordafrika im Vergleich zu denen in Japan mittel- bis langfristig stärkere Auswirkungen auf Europa haben. „Insgesamt jedoch dürften diese beiden Problematiken auf lange Sicht eine deutlich geringere Bedeutung für die Weltwirtschaft haben als die globale Staatsschuldenkrise“, lautet das Fazit seines Vortrags.
