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Finanzkrise war auch eine Krise der Wirtschaftswissenschaft

14.12.2010 - Weder die Wirtschaftsforschungsinstitute noch die

universitäre Wissenschaft konnten die Finanz- und Wirtschaftskrise

prognostizieren – trotz komplizierter mathematischer Modelle. Erzeugen diese

mathematisierten Ansätze die Illusion der Berechenbarkeit von Märkten? Hat die

Finanzkrise bislang anerkannte Finanz-Theorien in Frage gestellt? Wie muss die

Wirtschaftswissenschaft auf diese Situation reagieren?

 

Diesen Fragen stellte sich Christian W. Röhl bei der Sitzung des FOM-

Freundeskreises. Als Vorstandsmitglied der SWL Sustainable Wealth Lab AG sagte er gegenüber Unternehmern und Wissenschaftlern aus dem Ruhrgebiet: „Nach der Krise

ist vor der Krise – dafür sorgt schon die Zyklik der Konjunktur. Allerdings haben

konjunkturelle Einbrüche heute gravierendere Folgen als noch vor zehn Jahren, insbesondere wegen der globalen Vernetzung der Waren- und Kapitalmärkte.“ Weitere

Begründung, warum eine noch härtere nächste Krise drohe: „Der Grundstein für die wirtschaftliche Schieflage 2008/09 lag in der Niedrigzinspolitik nach dem 11.

September 2001. Es war zu viel und zu billiges Geld im Markt. Diesen Umstand

erleben wir auch heute, allerdings in potenzierter Form, weil die Zinsen noch niedriger sind als damals, weil staatliche Konjunkturprogramme in den Zyklus eingreifen und weil die US-Notenbank Anleihekäufe tätigt.“

 

Eine erneute „Blasenbildung“ in der globalen Finanzwelt sei daher unausweichlich. Allerdings lasse sich nicht annähernd präzise vorhersagen, wann diese Blase platzen wird. Röhl: „Die wesentliche Frage ist, wie die Wissenschaft helfen kann, obwohl sie in

der vergangenen Krise keine glückliche Rolle gespielt hat: Prognosen zum

Wirtschaftswachstum waren in der Regel völlig verfehlt, zusätzlich haben viele

ökonometrische Modelle, etwa die Bewertung von strukturierten Produkten,

vollkommen versagt.“

 

Der Finanz-Experte fordert deshalb, dass sich die Wirtschaftswissenschaft auf die drei „E“ besinnen muss: Ehrlichkeit, Empirie und Einfachheit.

 

Ehrlichkeit: „Ökonomen müssen anerkennen, dass Prognosen eine Sache der Unmöglichkeit sind, vor allem weil es nicht nur um messbare Einflussfaktoren geht, sondern auch um massenpsychologische Stimmungen.“

 

Empirie: „Anstelle von Prognosen sollte mehr die Beschreibung der Wirklichkeit im Vordergrund stehen. Positivbeispiel hierfür ist der ifo-Geschäftsklimaindex, der eine

gute Indikation für die Industrieproduktion in Deutschland bietet.“

 

Einfachheit: „Selbst komplexeste Modelle können nie die ganze Wirklichkeit abbilden. Deshalb rate ich eine Rückkehr zu einfachen, transparenten Erklärungsansätzen sowie

eine Rückbesinnung darauf, dass die Wirtschaftswissenschaft traditionell zu den

Geisteswissenschaften gehört.“

 

Auch Prof. Dr. Rainer Elschen von der Universität Duisburg-Essen, der die

Veranstaltung moderierte, meint: „In der Wirtschaftswissenschaft haben sich

Fehlentwicklungen ergeben. Bedingt durch die Veröffentlichungskriterien der

wissenschaftlichen Zeitschriften richtete man sich immer stärker auf formale Methoden aus und abstrahierte von der Wirklichkeit zugunsten von rechenbaren Modellen einer Drei-Variablen-Weltsicht. So wird die Wissenschaft für die Praxis immer weniger brauchbar.“ Fachhochschulen hätten sich da schon immer auf reales Geschehen konzentriert und weniger auf komplexe mathematische Methoden.

 

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