Qualität strategischer Managemententscheidungen: Messung – Haftung – Förderung
Wissenschaftliche Leitung: Prof. Dr. Jens Grundei
Gefördert durch: BCW-Stiftung
Zeitraum: 01.03.2009 – 31.08.2010
Fragestellung: Die Qualität von Managemententscheidungen wird mehr denn je kritisiert. Zahlreiche Unternehmensschieflagen und -zusammenbrüche werfen die Frage auf, ob die verantwortlichen Geschäftsleiter für wirtschaftliche Fehlentwicklungen ihrer Unternehmen haftbar zu machen sind. Die zentralen Haftungsnormen (im AktG, GmbHG und GenG) bieten zwar grundsätzliche Anhaltspunkte um zu klären, unter welchen Umständen eine Haftung für fehlgeschlagene unternehmerische Entscheidungen in Betracht kommt, lassen indes viele Anwendungsprobleme ungelöst.
Vor diesem Hintergrund soll in dem Forschungsprojekt der Frage nachgegangen werden, wie sich die relevanten Tatbestandsmerkmale – allen voran die "Angemessenheit der Informationsgrundlage" konkretisieren lassen. Auf dieser Grundlage sollen Handlungsempfehlungen erarbeitet werden, die Manager und Aufsichtsräte in die Lage versetzen,
(a) abzuschätzen, ob eine hinreiche Fundierung im Entscheidungsprozess erreicht worden ist, und
(b) die Entscheidungsqualität durch geeignete Maßnahmen zu erhöhen.
Zielsetzung: Der bisherige Forschungsstand lässt sich vor diesem Hintergrund grob so zusammenfassen, dass von juristischer Seite nur wenige handhabbare Anhaltspunkte vorliegen, um in der Praxis klären zu können, ob der einer (geplanten) Maßnahme zugrundeliegende Entscheidungsprozess ein hinreichendes Fundierungsniveau aufweist. Die bislang erarbeiteten betriebswirtschaftlichen Überlegungen zur Angemessenheit der Informationsgrundlage basieren vor allem auf entscheidungstheoretischen Überlegungen einerseits und einem Rückgriff auf argumentations-theoretische Erkenntnisse andererseits.
Zu den Zielen des Projekts gehören demnach:
- Weitere Konkretisierung der Tatbestandsmerkmale der Business Judgment Rule (BJR) aus betriebswirtschaftlicher Sicht, insbesondere zu der Frage, wann die Informationsgrundlage, auf der eine unternehmerische Entscheidung basiert, als angemessen anzusehen ist.
- Die (bislang) bereits erarbeiteten Erkenntnisse sollen auf ausgewählte reale Fälle angewendet werden, um die Konzeptentwicklung auch empirisch zu flankieren.
- Besondere Relevanz kommt ferner dem Begriff des unternehmerischen Risikos zu. Das Eingehen entsprechender Risiken markiert einerseits eine schlechthin unabdingbare Voraussetzung für unternehmerisches Handeln. Andererseits ist es gerade das Eingehen überzogener Risiken, das den Unternehmensleitungen im Krisenfall vorgeworfen wird. Folglich ist der Risikobegriff näher zu spezifizieren, seine Bedeutung in Relation zu den BJR-Tatbestandsmerkmalen zu klären und nach Möglichkeit genauer einzugrenzen, wie (nicht mehr) akzeptable Risiken erkannt werden können.
- Insgesamt sollen die Erkenntnisse der Unternehmenspraxis dienen. Deshalb sollte abschließend auch der Frage nachgegangen werden, durch welche Maßnahmen sich die Fundierungsgüte unternehmerischer Entscheidungen positiv beeinflussen lässt. Zu denken ist hier etwa an die personelle Besetzung von Leitungs- und Überwachungsorganen. So könnte etwa eine Steigerung der "Diversity" der Organbesetzung insgesamt zu einer breiteren Fundierung von Entscheidungen beitragen.
Methodik: Die Fragestellungen legen es nahe, in erster Linie auf der Grundlage der einschlägigen juristischen und betriebswirtschaftlichen Literatur konzeptionelle Arbeit zu leisten und hinreichend dokumentierte Managemententscheidungen auszuwerten. Darüber hinaus soll ein – zumindest explorativer – Einblick in die Handhabung der Thematik in der Praxis erfolgen. Es ist vorgesehen, nach Möglichkeit Studierende durch Vergabe einschlägiger Themen für Seminar- und Abschlussarbeiten in die Untersuchung einzubinden.
Kooperationspartner: Universität zu Köln
Ergebnisse: Das Projekt ist noch nicht abgeschlossen.
Publikationen zum Themengebiet:
- v. Werder, Axel/Grundei, Jens (2001): Generally Accepted Management Principles (GAMP) – functions, first proposals, and acceptance among German top managers. In: Corporate Governance – An International Review, 9. Jg., S. 101-109.
- Grundei, Jens/Talaulicar, Till (2003): Aufsichtsräte in jungen Technologieunternehmen: Ursachen und Implikationen von Überwachungsdefiziten. In: Finanz Betrieb, 5. Jg., S. 190-202.
- Grundei, Jens/v. Werder, Axel (2004): Evaluation der Unternehmensführung. In: Handwörterbuch Unternehmensführung und Organisation (HWO). 4. Aufl., hrsg. v. Georg Schreyögg und Axel v. Werder. Stuttgart: Schäffer-Poeschel, Sp. 247-256.
- Talaulicar, Till/Grundei, Jens/v. Werder, Axel (2005): Strategic Decision Making in Start-ups: The Effect of Top Management Team Organization and Processes on Speed and Comprehensiveness. In: Journal of Business Venturing, 20. Jg., S. 519-541.
- Graumann, Matthias/Grundei, Jens (2005): Business Judgment Rule. In: Die Betriebswirtschaft (DBW), 65. Jg., S. 652-656.
- Grundei, Jens/v. Werder, Axel (2005): Die Angemessenheit der Informationsgrund¬lage als Anwendungsvoraussetzung der Business Judgment Rule – Anforderungen an die Fundierung strategischer Entscheidungen aus betriebswirtschaftlicher Sicht. In: Die Aktiengesellschaft, 50. Jg., S. 825-834.
- Grundei, Jens (2006): Top Management (Vorstand). In: Handelsblatt Wirtschaftslexikon – Das Wissen der Betriebswirtschaftslehre. Stuttgart: Schäffer-Poeschel, S. 5654-5661.
- Grundei, Jens (2008): Are Managers Agents or Stewards of Their Principals? Logic, Critique, and Reconciliation of Two Conflicting Theories of Corporate Governance. In: Journal für Betriebswirtschaft, 58. Jg., S. 141-166.
- Graumann, Matthias/Grundei, Jens/Linderhaus, Holger (2009): Ausübung des Geschäftsleiterermessens bei riskanten Entscheidungen – Die Business Judgment Rule als Beitrag zu guter Corporate Governance. In: Zeitschrift für Corporate Governance, 4. Jg., S. 20-26.
- Grundei, Jens/Graumann, Matthias (2009): Beurteilung der Qualität von Managemententscheidungen durch den Aufsichtsrat. In: Der Aufsichtsrat, 6. Jg., S. 53-55.
- Graumann, Matthias/Linderhaus, Holger/Grundei, Jens (2009): Wann ist die Risikobereitschaft bei unternehmerischen Entscheidungen "in unzulässiger Weise überspannt"? In: Betriebswirtschaftliche Forschung und Praxis, 61. Jg., S. 492-505.
- Graumann, Matthias/Linderhaus, Holger/Grundei, Jens (2010): Wann haften Manager für Fehlentscheidungen? Ein Überblick über die Rechtsgrundlagen der zivilrechtlichen Innenhaftung. In: Wirtschaftswissenschaftliches Studium, 38. Jg., S. 325-330.
Veranstaltungen und Vorträge zum Themengebiet:
- XI. Symposium der FOM Berlin "Verantwortungsvolles Management und Corporate Governance" am 20.01.2009.
- Vortrag von Prof. Grundei zur Eröffnung des Sommersemesters 2009 an der FOM Berlin am 25.02.2009: "Corporate Governance – Verantwortungsvolles Management im Spannungsfeld zwischen Kontrolle und Vertrauen."
- XIII. Symposium der FOM Berlin "Unternehmenskrise und Managementhaftung" am 22.10.2009.
- Workshop an der FOM Berlin "Der Beitrag von Aufsichtsräten und Beiräten zu guter Corporate Governance" am 23.03.2010.
