Aktuell
Wissenschaft trifft Wirtschaft: FOM-Demografietagung war ein voller Erfolg
85 Vorträge, 163 Teilnehmer, eine prominente Schirmherrin und renommierte Redner – das 1. Wirtschaftswissenschaftliche Forum der FOM in Essen war ein voller Erfolg. „Wir alle waren Teil einer unüblichen Konferenz“, zogen die Initiatoren, Professor Dr. Michael Göke und Professor Dr. Thomas Heupel, Bilanz. „Wir haben Wirtschaft und Wissenschaft an einen Tisch gebracht und gemeinsam Lösungsansätze für die Herausforderungen des demografischen Wandels entwickelt.“
Dass das Thema aktueller denn je ist, machten bereits die Eröffnungsredner – Essens Bürgermeister Rolf Fliß und IHK-Präsident Dirk Grünewald – deutlich: „Demografie ist ein Thema der Gegenwart, nicht der Zukunft“, stellte Grünewald heraus und belegte seine Aussage mit Zahlen einer Umfrage aus der Region: Zwar haben die meisten Unternehmen Demografie als Megatrend erkannt, geben aber gleichzeitig zu, dass sie in diesem Bereich sehr schlecht aufgestellt sind. „Bereits heute hat jeder zweite Betrieb Schwierigkeiten, offene Stellen zu besetzen“, erklärte Grünewald.

- Dr. Jürgen R. Karsten von ETL stellte ein ganzes Bündel an Maßnahmen vor.
„Nicht die Alten sind das Problem, sondern die alten Strukturen“
Dass es für diese Problematik keine einfache Lösung gibt, war der Tenor der Tagung. „Wir müssen auf ein Bündel an Maßnahmen setzen, um den Folgen des demografischen Wandels Herr zu werden“, stellte Dr. Jürgen R. Karsten von Europas größter Steuerberatergesellschaft ETL heraus, die auch Sponsor der Tagung war. „Sie reichen von Ausgabenkürzungen über die Erhöhung der Zahl der Erwerbstätigen bis zu Steuererhöhungen bzw. Maßnahmen zur Stärkung des Wirtschaftswachstums.“ Konkretes Beispiel: die Verjüngung des Steuersystems. Denn, so Karsten: „Nicht die Alten sind das Problem, sondern die alten Strukturen.“ Um den drohenden Fachkräftemangel abzuwenden, müsse man Älteren schmackhaft machen, ihre Arbeitskraft der Wirtschaft länger zur Verfügung zu stellen. Zum Beispiel durch niedrigere Steuersätze für all jene, die nach Eintritt ihres Rentenalters weiterarbeiten, oder höhere Steuerfreibeträge für die, die sich regelmäßig weiterbilden oder in gesundheitliche Präventionsmaßnahmen investieren.

- Der ehemalige Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Norbert Walter, forderte Pensionskürzungen.
„Wir brauchen mehr Auslandsschulen und Goethe-Institute“
Norbert Walter ging in seinem Vortrag noch einen Schritt weiter: Der ehemalige Chefvolkswirt der Deutschen Bank forderte eine Erhöhung des Renteneinstiegsalters bei einer gleichzeigen Kürzung der Pensionen. „Schließlich müssen wir das Rentenalter unseren steigenden Lebenserwartungen anpassen“, so Walter. Zudem empfahl er, mehr für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu tun. „Seit 35 Jahren liegt die Geburtenrate in Deutschland bei 1,3 bis 1,5 Kinder pro Frau – das ist zu wenig. Wir müssen für bessere Rahmenbedingungen sorgen, damit Frauen nicht erst mit 35, sondern bereits während der Ausbildung oder der ersten Berufsjahre Kinder bekommen.“
Bis entsprechende Maßnahmen indes greifen, müsse Deutschland weiterhin auf Einwanderung setzen. „Zwar gehen die meisten Inder in die USA oder nach Großbritannien, aber wir haben unsere eigenen Trampelpfade, die wir ausbauen und pflegen müssen“, stellte Walter heraus. „Wir brauchen mehr Auslandsschulen und Goethe-Institute in deutschlandfreundlichen Ländern wie der Türkei, Ägypten, dem Iran oder Irak, um qualifizierte Nachwuchskräfte für eine Tätigkeit in deutschen Unternehmen zu gewinnen.“

- Hella Hagena von der Unternehmensberatung Rundstedt & Partner GmbH zeigte Unternehmen, wie sie ihre Attraktivität als Arbeitgeber erhöhen können.
Vom „War for Talents“ zum „Care for Talents“
Und was können einzelnen Unternehmen schon jetzt tun, um sich für die Folgen des demografischen Wandels zu wappnen? Auf diese Frage hatte Hella Hagena sehr konkrete Antworten. Die Partnerin der Unternehmensberatung Rundstedt & Partner GmbH stellte in ihrem Vortrag heraus: „Firmen müssen ihre Attraktivität als Arbeitgeber erhöhen. Um auch in Zukunft qualifizierte Fachkräfte an sich zu binden, muss aus dem ‚War for Talents‘ ein ‚Care for Talents‘ werden – egal, ob es sich dabei um Ältere, Frauen, Azubis oder ausländische Mitarbeiter handelt.“
Wie das in der Praxis aussehen kann, zeigte Hagena u.a. am Beispiel des Maschinenbauers Trumpf. Das Unternehmen führt alle zwei Jahre eine neue Personalplanung durch und bietet den Mitarbeitern die Möglichkeit, ihre Arbeitszeit individuell festzulegen: Soll die Wochenarbeitszeit erhöht werden, um demnächst ein dreimonatiges Sabbatical einzulegen? Oder ist Teilzeit gefragt, um sich um den Nachwuchs oder pflegebedürftige Familienmitglieder zu kümmern? „Natürlich nimmt nur ein kleiner Teil der Mitarbeiter dieses Angebot wahr“, räumte Hagena ein. Aber allein die Möglichkeit zu haben, mache den Arbeitgeber attraktiver als andere. „Wir gehen spannenden Zeiten entgegen“, lautete daher ihr Fazit. „Unsere Gesellschaft, unser Denken und Handeln wird sich durch den demografischen Wandel und seine Folgen von Grund auf ändern.“
