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Interview: Warum Qualifizierung gerade jetzt wichtig ist
13.03.2009 - Laut Ifo-Index war die Stimmung in der deutschen Wirtschaft im Februar schlechter als erwartet. Die meisten Unternehmen scheinen hierzulande nicht an einen schnellen Aufschwung zu glauben. Allerdings: Für das zweite Halbjahr 2009 prognostiziert das Institut eine Stabilisierung der Konjunktur. Momentan sorgt die Wirtschaftskrise bei vielen Arbeitnehmern aber noch für eine große Unsicherheit. Dass die derzeitige Wirtschaftslage auch Chancen für Unternehmen und Mitarbeiter bietet und wie diese Chancen genutzt werden können, veranschaulichen Dr. Gerald Mann, Professor für Volkswirtschaftslehre an der FOM Fachhochschule für Oekonomie & Management, und Ricardo Büttner, 2 Jahre Leiter Personalpolitik bei einem deutschen Automobilhersteller, in einem Doppelinterview.
Herr Professor Mann, die Medien sind voll von Krisennachrichten. Wie beurteilen Sie die gegenwärtige Lage?
Mann: Mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit stehen Deutschland und viele andere Länder der Welt vor dem tiefsten Wirtschaftseinbruch der Nachkriegszeit. Dieser wird nach Meinung der Mehrzahl der Experten bis mindestens 2010 andauern. Eventuell erfolgt sogar eine langjährige Schwächephase analog Japans in den 90er Jahren. Vor diesem Hintergrund stellt sich für viele Unternehmen die Herausforderung, ihre Kapazitäten und damit auch ihre Personalkosten der sinkenden Nachfrage anzupassen.
Das läuft auf einen Anstieg der Arbeitslosigkeit hinaus. Doch Sie beide machen den Arbeitnehmern Mut, die gegenwärtige Phase ganz besonders für die eigene Qualifizierung zu nutzen. Herr Büttner, ist das nicht billiger Trost?
Büttner: Nein, keineswegs. Denn wir sind uns sicher, dass die Unternehmen diesmal im Gegensatz zu früheren Rezessionen einen erfolgskritischen Langfristaspekt stärker beachten werden: Verfüge ich als Unternehmer beim nächsten Aufschwung über ausreichend qualifiziertes Personal? Denn der strukturelle Mangel an Qualifizierten spitzt sich aufgrund des demografischen und strukturellen Wandels immer stärker zu und war schon vor der aktuellen Finanzkrise als Fachkräftemangel in vielen Unternehmen spürbar. Die Folge ist, dass die Rekrutierung von Fachkräften nach der Krise sehr schwierig und teuer wird.
Aber was hilft mir als Arbeitnehmer diese Erkenntnis, wenn mein Arbeitgeber mich doch entlässt?
Mann: Das wird natürlich passieren und zwar hunderttausendfach. Aber selbst dann haben Mitarbeiter Möglichkeiten, die Krise als Chance zu begreifen. Dazu müssen Arbeitnehmer sich aber proaktiv der Lage stellen. Da ist viel Eigeninitiative gefragt. So kann eine Phase der Arbeitslosigkeit neben der Suche nach einer neuen Beschäftigung eben auch für entsprechende Qualifizierung genutzt werden. Ein berufsbegleitendes Studium zum Beispiel hat den Vorteil, dass es bei Wiederaufnahme einer Arbeit nicht abgebrochen werden muss. Viele Bildungsanbieter sind bei Arbeitslosigkeit auch bereit, die Gebühren zu senken oder zu stunden.
Auch die Kurzarbeit ist stark angestiegen. Bieten sich dadurch Chancen für Qualifizierung?
Büttner: Selbstverständlich. So kann ein Mitarbeiter von sich aus dem Unternehmen vorschlagen, Kurzarbeit für Qualifizierung zu nutzen, zumal dann die Kurzarbeit auch noch besonders von der Agentur für Arbeit gefördert wird.
Wie sieht es für Arbeitnehmer in Unternehmen aus, die (noch) nicht mit einem Nachfragerückgang zu kämpfen haben?
Mann: Unabhängig von der jetzigen Krise gilt, dass der Bedarf an Humankapital steigen wird. Das heißt, wer sich sinnvoll qualifiziert, verbessert seine langfristige Beschäftigungsfähigkeit. Ein Mitarbeiter eines unverändert florierenden Unternehmens kann mit seinem Arbeitgeber den mittel- und langfristigen Humankapitalbedarf ermitteln und sich dann eine entsprechende Qualifizierungsmaßnahme, von Meister- und Fachwirtkursen bis zu berufsbegleitenden Studien, voll oder teilweise finanzieren lassen. Davon profitieren beide, Arbeitnehmer und Arbeitgeber.
Was raten Sie guten Nachwuchskräften, wenn sich am Horizont wirtschaftliche Schwierigkeiten für ein bisher florierendes Unternehmen abzeichnen?
Büttner: In einer solchen Lage kann es für Leistungsträger ein ratsamer Weg sein, dem Arbeitgeber Folgendes vorzuschlagen: Reduzierung der persönlichen Arbeitszeit – also Teilzeitvereinbarung – für eine festgelegte Dauer. Im Gegenzug verzichtet der Arbeitgeber auf Kündigungsmöglichkeiten und übernimmt die Kosten der Qualifizierung voll oder teilweise. Das ist eine Win-Win-Situation für beide Seiten: Der Arbeitgeber bindet wertvolles Humankapital an sein Unternehmen und kann die Lohnkosten dennoch senken. Der Arbeitnehmer verzichtet zwar auf einen Teil seines Entgelts, erhält aber Arbeitsplatzsicherheit und kann sich weiterqualifizieren.
In der chinesischen Sprache bildet die Verbindung der Schriftzeichen für Gefahr und Chance den Begriff Krise, d.h. eine Krise kann beides beinhalten. Wenn man Ihnen beiden so zuhört, sehen Sie das in Bezug auf die gegenwärtige Krise offensichtlich ebenso.
Mann: Mir gefällt Ihre Illustration. Denn genauso verhält es sich. Wie Herr Büttner und ich es geschildert haben, liegt es bei den Arbeitnehmern, sich durch Qualifizierung von der Masse der Beschäftigten abzuheben. Das ist immer zielführend, weil es die Beschäftigungsfähigkeit erhöht, egal, wie schlimm die Krise wird und wie es dem Arbeitgeber gerade geht. Kurzum: Den Kopf nicht in den Sand stecken, sondern in die Lehrbücher!
